Fan-KongressDie Kluft zwischen Fans und Funktionären wird größer

Der Fan-Gipfel zeigt: Die Welt des Fußballs ist zweigeteilt. Hier Polit-Hardliner, dort Fans, die sich gegängelt fühlen. Die Vereine müssen vermitteln. von 

Polizisten und ein Fan von Dynamo Dresden beim DFB-Pokalspiel am Mittwoch in Hannover

Polizisten und ein Fan von Dynamo Dresden beim DFB-Pokalspiel am Mittwoch in Hannover  |  © Alexander Körner/picture alliance/dpa

Es ging um Details, um Wortklaubereien, um den Unterschied zwischen "Ganzkörperkontrollen" und "Vollkontrollen" – und immer wieder ums große Ganze. Vorne am Mikrofon versuchte ein Mitarbeiter der Deutschen Fußball-Liga (DFL), das Sicherheitskonzept des Ligaverbands zu verteidigen. Vor ihm nahmen rund 250 Fans von 49 deutschen Fußballvereinen die Möglichkeit zum Dialog dankbar an – und machten ihrer Wut Luft.

Die Szene beim Fangipfel in Berlin- Köpenick hätte die Situation im deutschen Fußball kaum besser zusammenfassen können: Die Stimmung beim Thema Sicherheit ist gereizt, auch wenn alle Beteiligten beteuern, das Gespräch suchen zu wollen. Allein: Die gemeinsame Sprache ist dem Fußball abhanden gekommen.

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DFL-Sicherheitspapier

Das 32-seitige Papier "Sicheres Stadionerlebnis" wurde nach dem Sicherheitsgipfel und der Innenministerkonferenz um Juli von DFL und DFB erarbeitet. Ursprünglich sollte das Konzept bei der DFL-Mitgliederversammlung am 12. Dezember beschlossen werden. Angesichts der bisherigen Ablehnung vieler Vereine wird dieser Termin aber nur schwierig zu halten sein. Größter Kritikpunkt ist, dass Fans und Fanarbeiter bei der Erstellung des Papieres nicht einbezogen wurden. In den nebenstehenden Reitern sehen Sie Auszüge zu besonders strittigen Punkten. Das gesamte Dokument kann hier eingesehen werden.

Körperkontrollen

"Wenn andere Maßnahmen nicht zu der Lösung der Problematik führen, sollen weitere Handlungsmöglichkeiten wie die Verbesserung der infrastrukturellen Möglichkeiten für eine angemessene Personen-Körperkontrolle in den notwendigen Stadionsektoren (z.B. Errichtung von Containern statt wie z.T. bisher Zelte) zur Verfügung stehen, um etwaige Vollkontrollen zügig und ohne unverhältnismäßigen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte durchzuführen." (Seite 10)

Fanprivilegien

"In Fanvereinbarung soll zudem geregelt sein, dass etwaige vorhandene Fan-Privilegien nicht länger gewährt werden, sollten Inhalte der Fanvereinbarung nicht eingehalten werden.
Sinnvoll und erforderlich ist hier eine „Selbstbindung“ der Clubs, so z.B. keine Eintrittskarten mehr an Fanclubs zu vergeben, welche nicht bereit sind, eine Fanvereinbarung mit den genannten Mindestinhalten (Gewaltfreiheit, Anerkennung Stadionordnung etc.) abzuschließen, oder welche diese Mindestinhalte nach Abschluss der Fanvereinbarung nicht beachten; oder z.B. den Fanclubs das Mitführen von „Blockfahnen“ und Bannern zu verbieten, wenn diese zur Verschleierung der Täterschaft bei Einsatz von Pyrotechnik bzw. überhaupt zur Ermöglichung von Pyrotechnik missbraucht werden." (Seite 15)
 

Fankongress

Fankongress, organisiert von Fans des 1. FC Union Berlin, sprachen sie die organisierten Anhänger gegen das Sicherheitspapier der DFL aus. Die Teilnehmer de Gipfels sprachen sich in ihrer Abschlusserklärung dabei eindeutig gegen Gewalt rund um den Fußball aus – nicht nur von Fans, sondern auch von Polizisten und Sicherheitskräften. Die zentrale Forderung er Erklärung ist ein Appell an Vereine und Verbände, die Fans stärker in Entscheidungsprozesse rund um das Thema Sicherheit einzubinden.

Am Donnerstag tagten die Fans auf Einladung der Anhänger des 1. FC Union in Berlin (hier ihre Abschlusserklärung), in Frankfurt am Main trafen sich Vertreter des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) mit der Gewerkschaft der Polizei, die zu den Hardlinern in der Sicherheitsdebatte zählt. Die Zweiteilung zeigt das Problem: Unter großem politischen und öffentlichen Druck argumentieren die DFL und DFB allzu oft mit Stadionordnungen, Richtlinien und Gesetzen, die Fans setzen Emotionen und Anarchie dagegen. Wenn es knallt, gibt niemand gerne Fehler zu, weder Ultras noch Funktionäre. Jeder beansprucht für sich aber beharrlich, im Namen des Fußballs zu sprechen.

Die hitzige Debatte um das von der DFL entworfene Konzeptpapier beweist: Das Verständnis beider Seiten für die Lage des anderen schwindet. In dieser Hinsicht befindet sich der deutsche Fußball an einem Scheideweg.

Was fehlt, ist eine vermittelnde Instanz. Diese Rolle müssen bis zur DFL-Versammlung am 12. Dezember nun die Vereine übernehmen. Sie kennen als einzige Akteure beide Seiten und haben beide Interessen: Sie wollen Geld verdienen und Sicherheitsstandards einhalten, sind aber auch auf die Stimmung in der Kurve angewiesen. Sie müssen jetzt auf die Sorgen ihrer Fans und Mitglieder hören und ihrer Basis gleichzeitig die gesellschaftlichen Regeln und Zwänge vermitteln.

Das von der DFL so ungeschickt angeschobene Papier "Sicheres Stadionerlebnis" trägt nicht zur Befriedung bei. Der Gipfel hat erneut gezeigt, wie vehement die Fans das Papier ablehnen. Zentral entworfene und von oben nach unten gestülpte Konzepte werden der bunten und zerklüfteten Fußballlandschaft nicht gerecht, so sehr sich die Politik das wünscht. Die Klubs müssen selbst in die Verantwortung gehen und nach lokalen Lösungen suchen.

Noch ist es nicht zu spät, um einen gemeinschaftlichen Weg zu mehr Sicherheit zu finden. Die Kluft zwischen den Verband, Politik und Fanbasis ist aber groß. Allein die Vereine können sie überbrücken.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • pikeey
    • 02. November 2012 11:09 Uhr

    Es kann nicht sein, das man jedes mal nehmen muss, was man uns gibt. Die Vertreter der DFL sollten mal darauf achten das Fussball ein VOLKSsport ist und nicht ständig probieren den Fussball in ein Korsett zu drücken, in das er nicht reinpasst! Fussball ist Leidenschaft, Emotion und ein gelebtes Wertesystem. Zumindest in den Kurven, wobei die Fans eigenständig entscheiden sollten. Welche Werte sie vertreten. Die DFL ist dabei den letzten freien Platz der Gesellschaft einzuschränken. Und das von Oben nach Unten, ohne die Volksmeinung demokratisch" integrieren. Da sieht man sehr anschaulich die Fesseln unserer Zeit. Oder frei nach Kant: Die Unmündigkeit des "normalen" Menschen, wenn man keine Vereinsfunktionäre bei der DFL sitzen hat, wie zum Beispiel Dortmund wird es eng für die Fangroups! Selbstbestimmung ist in diesem Land ein Fremdwort. Kann man nur hoffen das der Mensch sich irgendwann mal wieder aufmacht, um seine angelegten Fesseln zu sprengen. Es wird immer schlimmer mit den Eliten in unserem Land. Die Menschen werden immer mehr eingeengt, durch Gesetze die niemand braucht. Aggressionen bekämpfen Sie nicht, Sie machen es nur noch schlimmer! Ich bin gespannt was passiert, wenn die Fussballfans nicht mehr ins Stadion gehen. Da wird die Attraktivität der Bundesliga ganz schnell abnehmen, oder die Fans organisieren sich noch stärker und kämpfen auch stärker für ihre Belange, wenn es sein muss auch mit Gewalt. Das Problem ist nicht der Fussballplatz, sondern die Gesellschaft!

  1. Fans sind doch nicht das Problem. Ein Fan geht zum Spiel, feuert seinen Verein an. Er freut sich, wenn sein Verein gewinnt und weint, wenn sein Verein verliert.

    Aber ein Fan begeht keine Straftaten, gefährdet nicht die Gesundheit anderer Fans, greift keine Fans anderer Vereine an,...

    Die Fans haben es mithin selbst in der Hand, für einen sauberen Sport zu sorgen. Sie müssen nur die Problemfans (d.h. die die illegalerweise Pyrotechnik abbrennen, sich zu Schlägereien verabreden,...) in Zusammenarbeit mit der Polizei aussortieren, dann haben sie ganz schnell keine Probleme mehr.

    Und von Justiz und Polizei erwarte ich, dass wenn jemand am Samstag einen Straftat bei einem Fußballspiel begeht er bis Dienstag in U-Haft sitzt, am Dienstag ist dann Verhandlung und danach geht es ab in Richtung Haftanstalt. Für 2 Jahre ohne Bewährung wegen Landfriedensbruch, Widerstand,... Dann sind die Kriminellen unter den Fans ganz schnell von der Straße weg und der eine oder andere (der im Alltag teilweise ja bürgerlich-biederen Täter) überlegt sich vielleicht im Vorfeld, ob und wie er Familie und Chef erklären will, dass man ihn für die nächsten 2 Jahre nicht mehr zu Gesicht bekommt...

    • Handryk
    • 02. November 2012 12:41 Uhr

    Was wird hier diskutiert? Alle Beteiligten wissen, dass der Alkohol der Urheber der meisten Ausschreitungen in den Stadien ist. Aber den zu verbieten geht nicht, da die Bierbrauer schließlich zu den Hauptsponsoren gehören.

    Also schön weiter am Brei vorbei diskutieren, in der Hoffnung, dass irgendwann eine gute Fee aus dem Himmel erscheint und dem Spuk ein Ende macht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie kennen den Unterschied zwischen den beiden Begriffen, oder? Es gab mal eine Zeit, in der es reichte, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen und dann zu rufen: "verbrennt die Hexe". Ich hoffe der Zeit hängen Sie nicht mehr nach.

  2. Sie kennen den Unterschied zwischen den beiden Begriffen, oder? Es gab mal eine Zeit, in der es reichte, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen und dann zu rufen: "verbrennt die Hexe". Ich hoffe der Zeit hängen Sie nicht mehr nach.

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