Formel 1"Michael hat keine Gewissensbisse"

Michael Schumacher habe nicht rechtzeitig aufgehört, sagt der frühere Formel-1-Weltmeister Damon Hill. Im Tagesspiegel-Interview spricht er über seinen Rücktritt. von Christian Hönicke

Frage: Herr Hill , am heutigen Sonntag fährt Ihr alter Rivale Michael Schumacher sein letztes Rennen . Sie sind in Sao Paulo an der Strecke. Werden Sie mit ihm sprechen?

Damon Hill: Vielleicht. Vielleicht werde ich Goodbye sagen (lacht) .

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Frage: Können Sie verstehen, warum er nach seinem ersten Rücktritt 2006 überhaupt noch mal zurückgekehrt ist?

Hill: Ich persönlich verstehe ihn nicht wirklich. Es ist ein bisschen wie im Showbusiness: Hör auf dem Höhepunkt auf, solange die Leute noch mehr von dir hören wollen. Aber er kann tun, was er will. Und aus seiner Sicht war es absolut berechtigt, es noch einmal zu versuchen und zu schauen, ob er es noch kann. Und jetzt hat er ja die Antwort, die er haben wollte. Jetzt kann er weiterziehen. Seine sieben Titel stehen ja immer noch, auch wenn manche sagen, es sollten nur sechs sein... (lacht)

Frage: Sie spielen auf das Saisonfinale 1994 an, als er Sie in Adelaide aus dem Rennen rammte und so seinen ersten Titel gewann.

Hill: Ja, die Leute kommen immer noch zu mir und fragen mich wegen Adelaide 1994. Es ist noch in den Köpfen der Menschen, sie wollen meine Sichtweise wissen. Viele denken, dass diese Episode keine gute Art und Weise war, eine WM zu entscheiden. Darüber wird immer noch diskutiert.

Frage: Sie und Schumacher haben sich bis heute nicht ausgesprochen?

Hill: Nein, es liegt nicht in Michaels Interesse, darüber zu sprechen oder zu diskutieren. Normalerweise sollte doch sportliches Verhalten im Interesse der Sportler liegen. Aber Michael war immer sehr vorsichtig mit dem, was er gesagt hat. Ich denke, er hatte gute Gründe dafür (lacht) . Er hat auf alle Fragezeichen, die seine Karriere umgaben, geantwortet, in dem er geschwiegen hat.

Frage: Sie bezweifeln trotz aller Erfolge, dass er der größte Rennfahrer der Geschichte ist ?

Hill: Es gibt keinen Zweifel an seinem Talent, seiner Hingabe und den Ergebnissen, die er erreicht hat. Aber die Leute sind doch vor allem immer noch fasziniert von ihm wegen seiner Herangehensweise an den Sport. Und die war eben, den maximalen Erfolg zu erreichen, den er kann. Manchen Erfolg hat er auf kontroverse Weise errungen, er hat keine Gewissensbisse in dieser Hinsicht. Das ist eine Konstante in seiner Karriere, bis zuletzt. Eine der grundsätzlichen Fragen dabei ist, ob er sich für das interessiert, was andere Leute beschäftigt. Ich denke, Michael hat da einen ziemlich begrenzten Blick.

Frage: Sie haben ihm trotzdem 1995 nach seinem Sieg auf dem Nürburgring vor aller Welt applaudiert. Fehlt ihm eine solche Geste bei allen Siegen zu einem wahren Champion?

Hill: Ich weiß es nicht, die Zeit wird es zeigen. Unsere Karrieren und ihr Vermächtnis werden von den künftigen Generationen untersucht werden. Manche werden auf Michael schauen und sagen, das ist der beste Weg, die besten Resultate zu erreichen. Ich wünschte, ich hätte sein Talent gehabt. Aber ich denke nicht, dass ich deswegen auf genau die gleiche Art an den Sport herangegangen wäre. Sport wirft die immer die Frage auf, wie wir unsere Ambitionen mit dem ausbalancieren, was wir für angemessen halten.

Frage: Hat er diese Balance in den letzten drei Jahren geändert? Schumacher sagt, er habe in dieser Zeit das Verlieren gelernt. Und er wirkte zumindest nicht mehr ganz so verbissen wie früher.

Hill: Wir alle werden ja erwachsener. Wir verändern uns, unsere Sicht auf die Welt verändert sich unvermeidlich, wenn wir älter werden. Deswegen ist es für ihn vielleicht auch schwieriger, genau so wettbewerbsfähig zu sein wie früher.

Leserkommentare
  1. Damon Hill war für mich immer der Gentleman der Formel 1. An dem Tag, als er aufhörte, hörte ich auf Formel 1 zu schauen. ;)

  2. Als Hill und Schumacher gegeneinander fuhren, war ich noch zu jung, um über die Handlungen der beiden zu reflektieren. Ich war Schumi-Fan, denn er war ja ein Deutscher. Später, als ich älter wurde und mehr verstand, hatte ich einen Heidenrespekt vor der Art, wie Hill sich stets verhalten hatte. Viel davon dringt auch in diesem Interview wieder durch. Fan von Schumacher blieb ich trotzdem irgendwie immer. Dieser Mann hatte Fehler (und zwar nicht zu knapp) und hat mehr als einmal die Grenzen der Legalitität überschritten. Für mich machte ihn das in meiner Jugend irgendwie menschlich. Es hatte was, dass sich ein Mann mit so vielen Fehlern bis an die Spitze bringen konnte.

    Als Schumacher 2006 aufhörte, war das irgendwie auch ein Stück Ende meiner Jugend. Die nächsten Jahre beobachtete ich die Formel 1 nur noch mäßig interessiert und das trotz Vettel, der für mich diese Aura nicht besitzt, wie sie Schumacher in seinen besten Tagen auszeichnete. Als Schumacher zurückkehrte, hat mich das sehr gefreut.Die Jahren hatten etwas: Ich lernte, dass ich die Formel 1 auch mochte, selbst wenn Michael nicht ganz oben steht. Heute gefällt mir die Art, wie Button Rennen fährt. Eigentlich mag ich auch Alonso, aber ihn im Roten sitzen zu sehen, ist immer noch komisch. Bye Bye Michael. Finde Ruhe.

    • lxththf
    • 25. November 2012 13:31 Uhr
    3. Falsch

    "In den letzten zwei Jahren ging es in der Formel 1 ja nicht mehr wirklich um Michael Schumacher. Ob er noch fährt oder nicht, das macht keinen großen Unterschied mehr."
    Ich habe F1 wegen Schumi geschaut und es wird mich nicht mehr so begeistern im nächsten Jahr. So merkwürdig das ist, aber obwohl Schumacher sehr distanziert und kühl wirkt, so war die F1 an sich nicht so steril wie jetzt und mit seinem Abtreten geht jemand aus einer Zeit des Rennsports, die ich persönlich viel faszinierender fand. Es bleibt noch eine wichtige Frage offfen. Man stelle sich vor, er hätte keinen Mercedes sondern einen RedBull gefahren. Wer an der Reaktionsschnelligkeit etc. von Schumacher zweifelt, der möge einfach die Race of Championsergebnisse nachschauen.
    Vettel kann heute zum 3. mal in Folge die WM gewinnen und dennoch würde das bei mir keine Emotionen auslösen. Denke ich zurück an den ersten Schumacher Sieg für Ferrari, die 1. WM mit Ferrari dann sieht das anders aus.
    Auf Grund der Distanz von Schumacher wurde aus ihm in gewisser Weise nie ein solches Markenprodukt, wie es diverse Fahrer heute sind, bei denen jede Geste, jedes Lächeln, jedes Interview aufgesetzt und choreographiert wirkt.

  3. Michael Schumacher ist nichts anderes als ein mieser kleiner Steuerflüchtling.

    So sollte jeder(!) Artikel über ihn beginnen, denke ich.

    Jeder.

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    • lxththf
    • 25. November 2012 17:42 Uhr

    differenziert betrachtet und eloquent geäussert ;)

    • TDU
    • 26. November 2012 11:09 Uhr

    Genau. Nur der Arme darf Deutschland verlassen. Am besten dahin, wo er gut und billig gepflegt wird.

    Wer mal erlebt hat wie sich die Menschen auf ihn stützten um ein Autogramm zu ergattern, weiß auch, dass er in Deutschland nie diese Ruhe gehabt hätte wie in der Schweiz. Das gehört auch zur Wahrheit.
    Ebenfalls zur Wahrheit gehört, dass die Bekanntgabe seiner Millionenspende die Spendensammlung für die Flutopfer erst richtig in Schwung brachte. Zumindest bei den großen Tieren.
    Meine Lieblingsszene mit Schumacher ist die, wo er nach seiner Dreiradfahrt in Spa dem Coulthard an die Gurgel wollte. Das war Emotion pur. Keine Maske mehr. Und wie sich Jahre später herausstellte zu recht. Es war Absicht gewesen, kein Unfall.

    • lxththf
    • 25. November 2012 17:42 Uhr
    5. Stark,

    differenziert betrachtet und eloquent geäussert ;)

    • TDU
    • 26. November 2012 11:09 Uhr

    Genau. Nur der Arme darf Deutschland verlassen. Am besten dahin, wo er gut und billig gepflegt wird.

  4. Wer mal erlebt hat wie sich die Menschen auf ihn stützten um ein Autogramm zu ergattern, weiß auch, dass er in Deutschland nie diese Ruhe gehabt hätte wie in der Schweiz. Das gehört auch zur Wahrheit.
    Ebenfalls zur Wahrheit gehört, dass die Bekanntgabe seiner Millionenspende die Spendensammlung für die Flutopfer erst richtig in Schwung brachte. Zumindest bei den großen Tieren.
    Meine Lieblingsszene mit Schumacher ist die, wo er nach seiner Dreiradfahrt in Spa dem Coulthard an die Gurgel wollte. Das war Emotion pur. Keine Maske mehr. Und wie sich Jahre später herausstellte zu recht. Es war Absicht gewesen, kein Unfall.

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