Formel 1"Michael hat keine Gewissensbisse"
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"Ich bringe ihm ein Paar Hausschuhe mit"

Frage: War Schumacher mit über 40 schlicht schon zu alt für die Formel 1?

Hill: Das ist ein Teil der Antwort. Ganz abgesehen davon, ob er noch die gleiche Fitness, Reaktionen oder Instinkte hat wie in jüngeren Jahren: Ein Teil des Älterwerdens ist ja auch, dass man eine andere Lebensauffassung bekommt. Ein 17-Jähriger hat eine naive Sicht aufs Leben, das geht gar nicht anders. Das kann im Sport ein Vorteil sein. Michael ist sicher nicht mehr der gleiche junge Kerl wie mit 25. Und es wird interessant zu sehen sein, wie er sich nach dem endgültigen Karriereende verändert. Ich habe Alain Prost zuletzt ein paar mal getroffen, bei ihm ist es dasselbe. Diese Typen haben einen großen Teil ihres Lebens damit verbracht, sich fast ausschließlich mit Rennwagen zu beschäftigen. Danach ein Leben zu führen, das andere normal nennen, ist sehr schwierig. Die Denkweise, vielleicht sogar die Nervenbahnen haben sich eben ums Rennfahren entwickelt, und nicht darum, die Kinder zur Schule zu fahren.

Frage: Ein Teil des ausbleibenden Erfolgs in seiner zweiten Karriere liegt also darin begründet, dass sein Hirn nach drei Jahren Pause nicht mehr wie ein Rennfahrer tickte?

Hill: Ich weiß nicht genug über Michaels Leben, ich weiß nicht, was er in den drei Jahren gemacht hat. Aber wenn Sie ein Konzertpianist sind und drei Jahre nicht spielen können, dann sind Sie einfach nicht mehr so gut. Und wenn man drei Jahre nicht fährt, in diesem harten Wettkampf in der Formel 1, ist es sehr, sehr schwierig, wieder mithalten zu können. Und zwar in jedem Alter. Schauen Sie sich Kimi Räikkönen an, der ist noch vergleichsweise jung, aber er braucht auch seine Zeit, bis er wieder auf sein altes Level kommt.

Frage: Vor zwei Jahren sind Sie in Monaco noch einmal aufeinandergetroffen. Sie sollten als Rennkommissar entscheiden, ob Schumacher gegen die Regeln verstoßen hatte, als er in der Safetycar-Phase ein paar hundert Meter vor dem Ziel noch überholt hatte. Sie als Regelwächter, er als Sünder. Eine bizarre Situation, oder?

Hill: Ich glaube, wir fanden das beide sehr amüsant. Was auch immer ich in dieser Situation gesagt hätte, man hätte mir Voreingenommenheit vorgeworfen. Aber das stimmt nicht. Ich war ziemlich beeindruckt von seiner Taktik. Er hatte sich durchs Regelwerk gearbeitet und herausgefunden, dass es in diesem Punkt nicht klar ist. So hat er ein Problem für die Stewards kreiert. Technisch gesehen hat er nichts falsch gemacht. Es war mehr der Geist der Regeln, den er gebrochen hat.

Frage: Das hört sich aber nicht so an, als hätte er das Verlieren gelernt, wie er behauptet.

Hill: Das ist einfach seine Cleverness, deswegen war er so erfolgreich. Ich denke, man will Michael einfach auf seiner Seite haben. Er ist ein sehr entschlossener und intelligenter Junge. Später in der Saison, beim Rennen in Silverstone , hat er bei der Fahrersitzung immer noch über das Manöver gesprochen. Er hat mit dem Renndirektor Charlie Whiting bestimmt 20 Minuten lang darüber diskutiert. Die meisten von uns hätten gesagt: Okay, die Sache ist abgehakt. Aber er gibt einfach nicht auf. Das macht ihn zu Michael Schumacher.

Frage: Nun fährt Schumacher sein letztes Rennen. Wird ihn die Formel 1 vermissen?

Hill: In den letzten zwei Jahren ging es in der Formel 1 ja nicht mehr wirklich um Michael Schumacher. Ob er noch fährt oder nicht, das macht keinen großen Unterschied mehr.

Frage: Werden Sie ihn vermissen? Immerhin verbinden Sie viele gemeinsame Erfahrungen.

Hill: Ich hatte das Glück, gegen die besten Fahrer fahren zu können. Und wie man es auch sieht, er war einer der besten aller Zeiten. Er hat meinen Standard angehoben, weil ich sehr viel geben musste, um mit ihm mitzuhalten. Und manchmal war ich auf einer Höhe mit ihm.

Frage: Was wünschen Sie ihm?

Hill: Ich hoffe, er fährt vorsichtig und kommt da wohlbehalten raus, dass er zurücktreten und seine Karriere und sein Leben reflektieren kann. Und ich hoffe, er hat ein gutes und glückliches Leben als Ex-Fahrer. Er hat viel Potenzial, er kann seine Erfahrung in anderen Bereichen einbringen. Aber es wird schwierig, aufzuhören. Denn es gibt nichts, was mit dem Fahren in der Formel 1 vergleichbar ist.

Frage: Deswegen ist er ja noch einmal zurückgekommen. Werden Sie ihm ein paar Tipps geben, damit er diesmal durchhält?

Hill: Ja, ich bringe ihm ein Paar Hausschuhe und eine Pfeife mit.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Damon Hill war für mich immer der Gentleman der Formel 1. An dem Tag, als er aufhörte, hörte ich auf Formel 1 zu schauen. ;)

  2. Als Hill und Schumacher gegeneinander fuhren, war ich noch zu jung, um über die Handlungen der beiden zu reflektieren. Ich war Schumi-Fan, denn er war ja ein Deutscher. Später, als ich älter wurde und mehr verstand, hatte ich einen Heidenrespekt vor der Art, wie Hill sich stets verhalten hatte. Viel davon dringt auch in diesem Interview wieder durch. Fan von Schumacher blieb ich trotzdem irgendwie immer. Dieser Mann hatte Fehler (und zwar nicht zu knapp) und hat mehr als einmal die Grenzen der Legalitität überschritten. Für mich machte ihn das in meiner Jugend irgendwie menschlich. Es hatte was, dass sich ein Mann mit so vielen Fehlern bis an die Spitze bringen konnte.

    Als Schumacher 2006 aufhörte, war das irgendwie auch ein Stück Ende meiner Jugend. Die nächsten Jahre beobachtete ich die Formel 1 nur noch mäßig interessiert und das trotz Vettel, der für mich diese Aura nicht besitzt, wie sie Schumacher in seinen besten Tagen auszeichnete. Als Schumacher zurückkehrte, hat mich das sehr gefreut.Die Jahren hatten etwas: Ich lernte, dass ich die Formel 1 auch mochte, selbst wenn Michael nicht ganz oben steht. Heute gefällt mir die Art, wie Button Rennen fährt. Eigentlich mag ich auch Alonso, aber ihn im Roten sitzen zu sehen, ist immer noch komisch. Bye Bye Michael. Finde Ruhe.

    Eine Leserempfehlung
    • lxththf
    • 25. November 2012 13:31 Uhr
    3. Falsch

    "In den letzten zwei Jahren ging es in der Formel 1 ja nicht mehr wirklich um Michael Schumacher. Ob er noch fährt oder nicht, das macht keinen großen Unterschied mehr."
    Ich habe F1 wegen Schumi geschaut und es wird mich nicht mehr so begeistern im nächsten Jahr. So merkwürdig das ist, aber obwohl Schumacher sehr distanziert und kühl wirkt, so war die F1 an sich nicht so steril wie jetzt und mit seinem Abtreten geht jemand aus einer Zeit des Rennsports, die ich persönlich viel faszinierender fand. Es bleibt noch eine wichtige Frage offfen. Man stelle sich vor, er hätte keinen Mercedes sondern einen RedBull gefahren. Wer an der Reaktionsschnelligkeit etc. von Schumacher zweifelt, der möge einfach die Race of Championsergebnisse nachschauen.
    Vettel kann heute zum 3. mal in Folge die WM gewinnen und dennoch würde das bei mir keine Emotionen auslösen. Denke ich zurück an den ersten Schumacher Sieg für Ferrari, die 1. WM mit Ferrari dann sieht das anders aus.
    Auf Grund der Distanz von Schumacher wurde aus ihm in gewisser Weise nie ein solches Markenprodukt, wie es diverse Fahrer heute sind, bei denen jede Geste, jedes Lächeln, jedes Interview aufgesetzt und choreographiert wirkt.

  3. Michael Schumacher ist nichts anderes als ein mieser kleiner Steuerflüchtling.

    So sollte jeder(!) Artikel über ihn beginnen, denke ich.

    Jeder.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • lxththf
    • 25. November 2012 17:42 Uhr

    differenziert betrachtet und eloquent geäussert ;)

    • TDU
    • 26. November 2012 11:09 Uhr

    Genau. Nur der Arme darf Deutschland verlassen. Am besten dahin, wo er gut und billig gepflegt wird.

    Wer mal erlebt hat wie sich die Menschen auf ihn stützten um ein Autogramm zu ergattern, weiß auch, dass er in Deutschland nie diese Ruhe gehabt hätte wie in der Schweiz. Das gehört auch zur Wahrheit.
    Ebenfalls zur Wahrheit gehört, dass die Bekanntgabe seiner Millionenspende die Spendensammlung für die Flutopfer erst richtig in Schwung brachte. Zumindest bei den großen Tieren.
    Meine Lieblingsszene mit Schumacher ist die, wo er nach seiner Dreiradfahrt in Spa dem Coulthard an die Gurgel wollte. Das war Emotion pur. Keine Maske mehr. Und wie sich Jahre später herausstellte zu recht. Es war Absicht gewesen, kein Unfall.

    • lxththf
    • 25. November 2012 17:42 Uhr
    5. Stark,

    differenziert betrachtet und eloquent geäussert ;)

    Eine Leserempfehlung
    • TDU
    • 26. November 2012 11:09 Uhr

    Genau. Nur der Arme darf Deutschland verlassen. Am besten dahin, wo er gut und billig gepflegt wird.

  4. Wer mal erlebt hat wie sich die Menschen auf ihn stützten um ein Autogramm zu ergattern, weiß auch, dass er in Deutschland nie diese Ruhe gehabt hätte wie in der Schweiz. Das gehört auch zur Wahrheit.
    Ebenfalls zur Wahrheit gehört, dass die Bekanntgabe seiner Millionenspende die Spendensammlung für die Flutopfer erst richtig in Schwung brachte. Zumindest bei den großen Tieren.
    Meine Lieblingsszene mit Schumacher ist die, wo er nach seiner Dreiradfahrt in Spa dem Coulthard an die Gurgel wollte. Das war Emotion pur. Keine Maske mehr. Und wie sich Jahre später herausstellte zu recht. Es war Absicht gewesen, kein Unfall.

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