Michael Schumacher während einer Trainingspause in Brasilien © Orlando Kissner/AFP/Getty Images

Der Fußball hat Pelé, das Boxen hat Ali, der Basketball hat Jordan. Fast jeder Sport hat einen Goat. Einen Greatest of all time , einen Allergrößten der Geschichte. In der Formel 1 ist die Frage nach dem strahlendsten Stern am Himmel ein heikles Thema. Weil sie, wie praktisch alle Fragen in der Formel 1, mit Michael Schumacher zu tun hat.

Er hat die höchste Klasse des Motorsports mehr als ein Jahrzehnt lang dominiert und Rekorde aufgestellt, die vielleicht niemand mehr brechen wird. Am Sonntag wird er in São Paulo seinen 308. und endgültig letzten Grand Prix fahren, doch die Frage danach, ob er wirklich der Größte aller Zeiten ist, die nimmt er mit in den Ruhestand .

Sieben WM-Titel und 91 Rennsiege hat Schumacher eingefahren. Genügt das, um zu vergessen, wie er manchen Erfolg erreicht hat? Oder ist der 43-Jährige nur der „Beste aller Zeiten“, wie sein Kollege Nico Rosberg ihn nennt?

Alles für den Erfolg

Größe war in der Geschichte des Rennsports noch nie nur eine Frage von Titeln oder Siegen. Es mag paradox wirken, aber gerade im Angesicht der kreischenden Maschinen ist der weiche Faktor Mensch ein hohes Gut im Motorsport. In der potenziell tödlichen Formel 1 müssen die Größten mehr als sich selbst im Blick haben, sie haben als Leitfiguren auch Verantwortung für den Rest der Meute. „Für mich beinhaltet die Bezeichnung ‚der Größte‘, dass man auch seinen Platz im Zusammenspiel der Dinge versteht“, sagt Damon Hill . Der Brite, Weltmeister von 1996, ist gegen die Ikonen der 90er gefahren, gegen Alain Prost , Ayrton Senna , Nigel Mansell . Längst hat sich Hill aus dem Rennsportgeschäft zurückgezogen und ist würdevoll ergraut, doch einer jagt ihn immer noch und er ihn. Das Rätsel Michael Schumacher lässt ihn nicht los.

Das liegt auch daran, dass Hill Teilnehmer eines der denkwürdigsten WM-Finals in der Formel-1-Geschichte war. Immer noch wird er auf Adelaide 1994 angesprochen, als ihm Schumacher ins Auto fuhr und sich so seinen ersten Titel holte. „So sollte eine Saison nicht zu Ende gehen“, sagt Hill. Er fragt sich immer noch: Wie weit kann, wie weit darf man für den Erfolg gehen?

Weste mit "dunklen Flecken"

Die Situation im diesjährigen WM-Kampf ist ein wenig entspannter als vor 18 Jahren, nicht nur deswegen, weil Schumacher gar nicht beteiligt ist. Um den Titel fahren der Red-Bull-Pilot Sebastian Vettel und Fernando Alonso im Ferrari . Vettel liegt 13 Punkte vor Alonso, ein vierter Platz würde ihm reichen, auch wenn Alonso gewänne, dann wäre er zum dritten Mal in Folge Weltmeister. Drei Titel, das ist in der Formel 1 eine Schallmauer, wer sie durchbricht, steigt auf in den Olymp des Motorsports. Da oben tummeln sich Ayrton Senna, Jackie Stewart oder auch Niki Lauda. Alain Prost wurde viermal Weltmeister, der Argentinier Juan Manuel Fangio war mit fünf Titeln lange Rekordhalter. Bis Schumacher kam und alle beiseite räumte.

Dem Erfolg alles unterzuordnen, im Zweifel auch das Gewissen, das ist das Erbe, das Michael Schumacher der Formel 1 hinterlassen hat. Wenn er fuhr, saßen Held und Bösewicht im gleichen Cockpit, und man wusste nie, wer am Ende das Steuer übernahm. Mal quetschte er sich in der engsten Schikane des Nürburgrings an Jean Alesi vorbei, dann wieder rammte er seine WM-Rivalen Hill oder Villeneuve. Über die Kontroversen seiner Karriere, und es gab fast jedes Jahr eine, spricht Schumacher bis heute nicht gern. Sein Standardsatz zu diesem Thema lautet: „Meine Weste hat ein paar dunkle Flecken, aber sie ist immer noch ziemlich weiß.“

Image in Monaco ruiniert

Einer der größten Flecken stammt vom Rennen in Monaco 2006. In der Rascasse-Kurve hatte er damals seinen Ferrari zum Stehen gebracht und damit seinem Rivalen Alonso die letzte Qualifikationsrunde vermasselt. Ein Fahrfehler, beteuerte der Deutsche, doch die Rennkommissare unterstellten ihm Vorsatz und verbannten ihn auf den letzten Startplatz. „Damit hat er sein Image ruiniert und unseren Sport in Verruf gebracht“, sagte Stirling Moss , eine Formel-1-Größe aus den 50er Jahren.

Die Rascasse-Affäre verfolgt Schumacher immer noch. Als er bei seiner Rückkehr nach Monaco 2010 darauf angesprochen wurde, reagierte er nicht wie der gereifte Mann, der er nach drei Jahren Pause sein wollte, sondern kanzelte das Thema gereizt wie ein trotziger Junge ab. Was in der Rascasse wirklich passierte, weiß bis heute nur er selbst. Weil er nicht redet, reden die anderen über ihn. „Auf der Strecke ist er nicht mehr der Alte“, befand Jackie Stewart. „Nur das Lügen hat er nicht verlernt.“

Vielen dient das Rascasse-Kapitel als der ultimative Beweis dafür, dass Schumacher niemals der Größte sein kann. Dabei waren auch andere Legenden nicht gerade zimperlich in der Wahl ihrer Mittel. Ayrton Senna war 1985 ebenfalls in Monte-Carlo vorsätzlich über die Strecke gebummelt, um die schnellen Runden seiner Konkurrenten zu zerstören, und fingierte an beinahe der gleichen Stelle einen Unfall. Es blieb nicht Sennas einziger Griff in die Trickkiste, lange vor Adelaide rammte er Prost 1990 in Japan von der Strecke, um Weltmeister zu werden.

Rennfahrer ist nicht gleich Mensch

Dass Senna vielen dennoch größer als Schumacher erscheint, hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass in der Formel 1 am Ende mehr zählt als nur die Rundenzeit. Senna, dessen Rücksichtslosigkeit und Brutalität im Cockpit sich Schumacher zum Vorbild nahm, gab sich außerhalb des Autos nachdenklich und empfindsam. Er philosophierte über Gott und die Welt, hielt Monologe darüber, wie er sich in Trance fuhr, wie er eins mit dem Auto zu werden glaubte, wie er abhängig vom Gewinnen geworden sei. Im Gegensatz zum charismatischen Senna hinterlässt Schumacher kein emotionales Vermächtnis. „Es hätte bestimmt weniger Kritik an ihm gegeben, wenn er öffentlich hin und wieder gezeigt hätte, dass er auch nur ein menschliches Wesen ist“, glaubt Damon Hill.

Der Mensch Schumacher, das ist ein schwieriges Thema. Privat ist er sympathisch, ziemlich witzig, sagt nicht nur Hill. Was aber den Rennfahrer Schumacher bewegte, blieb sein Geheimnis; wer an ihn heranwollte, prallte ab. Irgendwann habe er sich „eine zweite Haut zugelegt, die er erst abstreift, wenn er die Strecke wieder verlässt“, sagte Schumachers Managerin Sabine Kehm. Mit der unsichtbaren Schutzhülle knackte Schumacher fast alle Rekorde, und doch verhinderte sie, dass er zur wahren Größe aufstieg. Während Senna die Menschen berührte und zum Volkshelden wurde, entwickelte Schumacher keine Strahlkraft außerhalb des Autos. Sein Mythos verblasste, wenn er den Helm abnahm.

Auch bei seinem Wiedereinstieg schaffte es Schumacher nicht, die Zweifel an seiner Größe zu widerlegen. Die letzten drei Jahre, als er im lahmenden Mercedes auf verlorenem Posten kämpfte, bestärkten sogar noch diejenigen, die seine vielen Siege nur den überlegenen Autos anrechnen, die er fahren durfte. Dabei ist sein Talent unbestritten. Er konnte das Auto besser ausbalancieren als die meisten seiner Kollegen, seinen Körper stählte er wie ein Triathlet, um nicht nur hin und wieder, sondern ständig im Grenzbereich fahren zu können. Können und Talent habe Schumacher ohne Zweifel gehabt, sagt Damon Hill. „Aber es geht auch um Sportsgeist und darum, keine falsche Einstellung zu verbreiten. Michael hat alles bis ans Limit gebracht, das unterscheidet ihn von früheren Champions.“

Sennas Begräbnis ohne Schumacher

Ayrton Senna mochte auf der Strecke ein Rambo sein, aber er war sich zumindest in seinen reifen Jahren der Verantwortung als Anführer einer Schicksalsgemeinschaft bewusst. 1992 knallte vor ihm der Franzose Eric Comas in die Leitplanken. Senna stieg aus und sprintete unter Lebensgefahr über die Strecke, um zu helfen. Zwei Jahre später handelte sich Senna in Imola eine Rüge des Weltverbandes ein, weil er zur Stelle des tödlichen Unfalls von Roland Ratzenberger gefahren war. Am nächsten Tag raste Senna auf der gleichen Strecke in die Mauer. Schumacher, der direkt hinter ihm fuhr, hielt nicht an.

Während Senna im Krankenhaus den Kampf um sein Leben verlor, gewann der Deutsche das Rennen. Zum Begräbnis erschien er nicht. Einer der dunkelsten Flecken auf Schumachers Weste.

Das vorerst letzte Fleckchen bekam er im September beim Rennen in Singapur . Die Formel 1 verabschiedete sich von Sid Watkins; der langjährige Rennarzt war so etwas wie der Rettungsengel, dem viele Piloten ihr Leben zu verdanken haben. Als das Fahrerfeld zusammentrat, um dem verstorbenen Watkins die letzte Ehre zu erweisen, fehlte nur einer: der Rekordweltmeister. Seine Entschuldigung danach war ein klassischer Schumi: „Ich war noch auf dem WC. Meine Gedanken waren aber bei Sid.“

Vettel als Gegenmodell

Sebastian Vettels Weste ist noch vergleichsweise unbefleckt. Wenn es Schumachers Verdienst war, alles bis an die Grenze und darüber hinaus zu bringen, dann ist es Vettels Leistung, dass er das Rad wieder ein klein wenig zurückgedreht hat. Vettel wirkt noch immer bubenhaft, sein schelmisches Grinsen verleitet dazu, ihn zu unterschätzen. Dabei ist er kaum weniger ehrgeizig als Schumacher, auch er ist ein Egoist, sonst wäre er in der Formel 1 nichts geworden. Er hat viel von Schumacher gelernt, wie Schumacher von Senna lernte. Es gibt Fotos, die ihn als Kind mit seinem Idol auf der Kartbahn zeigen, er hatte Schumacher-Poster überm Bett hängen. Vettel wird zugetraut, dessen sieben Titel vielleicht sogar zu überbieten. Doch in ihrer Außenwirkung könnten der alte und der neue deutsche Weltmeister nicht unterschiedlicher sein.

Bereits mit Mitte 20 verfügt er über eine Eigenschaft, die Schumacher auch in den besten Jahren noch abgeht: den Blick über den Cockpitrand hinaus. Wohin es Vettel im globalen Rennen auch verschlägt, überall macht er sich die Mühe, wenigstens das Wort „Danke“ in der Landessprache zu lernen. Mitten im WM-Kampf verblüffte er nach einem Sieg mit Betrachtungen über das Leben der Inder. Vettel macht sich Gedanken um die Welt um sich herum, Schumacher blendete sie immer aus.

Mensch in der Formel 1 zu bleiben, das kann Vettels Vermächtnis werden. Was das Milliardengeschäft aus einem machen kann, ist am besten an Fernando Alonso zu sehen. Damals, in der Rascasse, da war er noch Schumachers Opfer. Inzwischen greift er selbst zu allen Tricks. Wie weit er für seinen dritten Titel gehen würde, zeigte er am vergangenen Wochenende in den USA. Da hielt der Spanier seine WM-Chancen dadurch am Leben, dass Ferrari bei seinem Teamkollegen Felipe Massa absichtlich eine Strafe von fünf Startplätzen provozierte. So rückte Alonso weiter nach vorn und wurde hinter Vettel Dritter. Eine taktische Strafe – das hätte auch Schumacher einfallen können.

Vettels Stärke ist die Authentizität, er verliert keine Energie dadurch, dass er eine Schutzhülle aufrechterhalten muss. Während andere im Pokerspiel Formel 1 ihre menschlichen Regungen verstecken, treiben sie ihn an. „Er trägt sein Herz auf der Zunge“, sagt Vettels Teamchef Christian Horner jüngst in der „Welt“. Die Gefühle könnten bei ihm schon einmal durchbrechen, „er wäre kein Mensch, wenn das bei ihm nicht so wäre“.

Wie weit würde Vettel gehen?

Nicht immer zur Freude aller, er hat da inzwischen eine kleine Privatfehde mit dem Inder Narain Karthikeyan, den er schon als „Gurke“ beschimpft und ihn per Mittelfinger gegrüßt hat, weil er ihm seiner Meinung nach nicht rechtzeitig Platz machte. Andererseits hat er sich nach seinem Crash in Belgien 2010 auch schon so oft bei Jenson Button entschuldigt, bis der irgendwann genervt mit den Augen rollte und meinte: „Ist ja schon gut.“

Ein Unfall ist Sebastian Vettel immer noch unangenehm. Ihn als letztes taktisches Mittel einzusetzen, so weit ist er noch nicht. Doch was, wenn es hart auf hart kommt? Wenn Alonso in Brasilien nicht ins Ziel kommen sollte, wäre Vettel wieder Weltmeister. Ein kleiner Rempler genügt, theoretisch. Er könnte es tun, wie Schumacher und vor ihm Senna. Vielleicht muss man das in der Formel 1 sogar, wenn man der Beste werden will. Aber will er das? Die Antwort kann nur Vettel geben, vielleicht schon am Sonntag.

Noch ist Schumacher der Beste in den Statistiken. Er wird in Brasilien noch einmal alles geben, obwohl es für ihn um nichts mehr geht, weil er gar nicht anders kann. Dann ist Schluss, er tritt zum zweiten Mal zurück. Es wird weniger emotional sein als beim ersten Mal, sagt er.

Erschienen im Tagesspiegel