Einer der größten Flecken stammt vom Rennen in Monaco 2006. In der Rascasse-Kurve hatte er damals seinen Ferrari zum Stehen gebracht und damit seinem Rivalen Alonso die letzte Qualifikationsrunde vermasselt. Ein Fahrfehler, beteuerte der Deutsche, doch die Rennkommissare unterstellten ihm Vorsatz und verbannten ihn auf den letzten Startplatz. „Damit hat er sein Image ruiniert und unseren Sport in Verruf gebracht“, sagte Stirling Moss , eine Formel-1-Größe aus den 50er Jahren.

Die Rascasse-Affäre verfolgt Schumacher immer noch. Als er bei seiner Rückkehr nach Monaco 2010 darauf angesprochen wurde, reagierte er nicht wie der gereifte Mann, der er nach drei Jahren Pause sein wollte, sondern kanzelte das Thema gereizt wie ein trotziger Junge ab. Was in der Rascasse wirklich passierte, weiß bis heute nur er selbst. Weil er nicht redet, reden die anderen über ihn. „Auf der Strecke ist er nicht mehr der Alte“, befand Jackie Stewart. „Nur das Lügen hat er nicht verlernt.“

Vielen dient das Rascasse-Kapitel als der ultimative Beweis dafür, dass Schumacher niemals der Größte sein kann. Dabei waren auch andere Legenden nicht gerade zimperlich in der Wahl ihrer Mittel. Ayrton Senna war 1985 ebenfalls in Monte-Carlo vorsätzlich über die Strecke gebummelt, um die schnellen Runden seiner Konkurrenten zu zerstören, und fingierte an beinahe der gleichen Stelle einen Unfall. Es blieb nicht Sennas einziger Griff in die Trickkiste, lange vor Adelaide rammte er Prost 1990 in Japan von der Strecke, um Weltmeister zu werden.

Rennfahrer ist nicht gleich Mensch

Dass Senna vielen dennoch größer als Schumacher erscheint, hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass in der Formel 1 am Ende mehr zählt als nur die Rundenzeit. Senna, dessen Rücksichtslosigkeit und Brutalität im Cockpit sich Schumacher zum Vorbild nahm, gab sich außerhalb des Autos nachdenklich und empfindsam. Er philosophierte über Gott und die Welt, hielt Monologe darüber, wie er sich in Trance fuhr, wie er eins mit dem Auto zu werden glaubte, wie er abhängig vom Gewinnen geworden sei. Im Gegensatz zum charismatischen Senna hinterlässt Schumacher kein emotionales Vermächtnis. „Es hätte bestimmt weniger Kritik an ihm gegeben, wenn er öffentlich hin und wieder gezeigt hätte, dass er auch nur ein menschliches Wesen ist“, glaubt Damon Hill.

Der Mensch Schumacher, das ist ein schwieriges Thema. Privat ist er sympathisch, ziemlich witzig, sagt nicht nur Hill. Was aber den Rennfahrer Schumacher bewegte, blieb sein Geheimnis; wer an ihn heranwollte, prallte ab. Irgendwann habe er sich „eine zweite Haut zugelegt, die er erst abstreift, wenn er die Strecke wieder verlässt“, sagte Schumachers Managerin Sabine Kehm. Mit der unsichtbaren Schutzhülle knackte Schumacher fast alle Rekorde, und doch verhinderte sie, dass er zur wahren Größe aufstieg. Während Senna die Menschen berührte und zum Volkshelden wurde, entwickelte Schumacher keine Strahlkraft außerhalb des Autos. Sein Mythos verblasste, wenn er den Helm abnahm.

Auch bei seinem Wiedereinstieg schaffte es Schumacher nicht, die Zweifel an seiner Größe zu widerlegen. Die letzten drei Jahre, als er im lahmenden Mercedes auf verlorenem Posten kämpfte, bestärkten sogar noch diejenigen, die seine vielen Siege nur den überlegenen Autos anrechnen, die er fahren durfte. Dabei ist sein Talent unbestritten. Er konnte das Auto besser ausbalancieren als die meisten seiner Kollegen, seinen Körper stählte er wie ein Triathlet, um nicht nur hin und wieder, sondern ständig im Grenzbereich fahren zu können. Können und Talent habe Schumacher ohne Zweifel gehabt, sagt Damon Hill. „Aber es geht auch um Sportsgeist und darum, keine falsche Einstellung zu verbreiten. Michael hat alles bis ans Limit gebracht, das unterscheidet ihn von früheren Champions.“