Ayrton Senna mochte auf der Strecke ein Rambo sein, aber er war sich zumindest in seinen reifen Jahren der Verantwortung als Anführer einer Schicksalsgemeinschaft bewusst. 1992 knallte vor ihm der Franzose Eric Comas in die Leitplanken. Senna stieg aus und sprintete unter Lebensgefahr über die Strecke, um zu helfen. Zwei Jahre später handelte sich Senna in Imola eine Rüge des Weltverbandes ein, weil er zur Stelle des tödlichen Unfalls von Roland Ratzenberger gefahren war. Am nächsten Tag raste Senna auf der gleichen Strecke in die Mauer. Schumacher, der direkt hinter ihm fuhr, hielt nicht an.

Während Senna im Krankenhaus den Kampf um sein Leben verlor, gewann der Deutsche das Rennen. Zum Begräbnis erschien er nicht. Einer der dunkelsten Flecken auf Schumachers Weste.

Das vorerst letzte Fleckchen bekam er im September beim Rennen in Singapur . Die Formel 1 verabschiedete sich von Sid Watkins; der langjährige Rennarzt war so etwas wie der Rettungsengel, dem viele Piloten ihr Leben zu verdanken haben. Als das Fahrerfeld zusammentrat, um dem verstorbenen Watkins die letzte Ehre zu erweisen, fehlte nur einer: der Rekordweltmeister. Seine Entschuldigung danach war ein klassischer Schumi: „Ich war noch auf dem WC. Meine Gedanken waren aber bei Sid.“

Vettel als Gegenmodell

Sebastian Vettels Weste ist noch vergleichsweise unbefleckt. Wenn es Schumachers Verdienst war, alles bis an die Grenze und darüber hinaus zu bringen, dann ist es Vettels Leistung, dass er das Rad wieder ein klein wenig zurückgedreht hat. Vettel wirkt noch immer bubenhaft, sein schelmisches Grinsen verleitet dazu, ihn zu unterschätzen. Dabei ist er kaum weniger ehrgeizig als Schumacher, auch er ist ein Egoist, sonst wäre er in der Formel 1 nichts geworden. Er hat viel von Schumacher gelernt, wie Schumacher von Senna lernte. Es gibt Fotos, die ihn als Kind mit seinem Idol auf der Kartbahn zeigen, er hatte Schumacher-Poster überm Bett hängen. Vettel wird zugetraut, dessen sieben Titel vielleicht sogar zu überbieten. Doch in ihrer Außenwirkung könnten der alte und der neue deutsche Weltmeister nicht unterschiedlicher sein.

Bereits mit Mitte 20 verfügt er über eine Eigenschaft, die Schumacher auch in den besten Jahren noch abgeht: den Blick über den Cockpitrand hinaus. Wohin es Vettel im globalen Rennen auch verschlägt, überall macht er sich die Mühe, wenigstens das Wort „Danke“ in der Landessprache zu lernen. Mitten im WM-Kampf verblüffte er nach einem Sieg mit Betrachtungen über das Leben der Inder. Vettel macht sich Gedanken um die Welt um sich herum, Schumacher blendete sie immer aus.

Mensch in der Formel 1 zu bleiben, das kann Vettels Vermächtnis werden. Was das Milliardengeschäft aus einem machen kann, ist am besten an Fernando Alonso zu sehen. Damals, in der Rascasse, da war er noch Schumachers Opfer. Inzwischen greift er selbst zu allen Tricks. Wie weit er für seinen dritten Titel gehen würde, zeigte er am vergangenen Wochenende in den USA. Da hielt der Spanier seine WM-Chancen dadurch am Leben, dass Ferrari bei seinem Teamkollegen Felipe Massa absichtlich eine Strafe von fünf Startplätzen provozierte. So rückte Alonso weiter nach vorn und wurde hinter Vettel Dritter. Eine taktische Strafe – das hätte auch Schumacher einfallen können.

Vettels Stärke ist die Authentizität, er verliert keine Energie dadurch, dass er eine Schutzhülle aufrechterhalten muss. Während andere im Pokerspiel Formel 1 ihre menschlichen Regungen verstecken, treiben sie ihn an. „Er trägt sein Herz auf der Zunge“, sagt Vettels Teamchef Christian Horner jüngst in der „Welt“. Die Gefühle könnten bei ihm schon einmal durchbrechen, „er wäre kein Mensch, wenn das bei ihm nicht so wäre“.

Wie weit würde Vettel gehen?

Nicht immer zur Freude aller, er hat da inzwischen eine kleine Privatfehde mit dem Inder Narain Karthikeyan, den er schon als „Gurke“ beschimpft und ihn per Mittelfinger gegrüßt hat, weil er ihm seiner Meinung nach nicht rechtzeitig Platz machte. Andererseits hat er sich nach seinem Crash in Belgien 2010 auch schon so oft bei Jenson Button entschuldigt, bis der irgendwann genervt mit den Augen rollte und meinte: „Ist ja schon gut.“

Ein Unfall ist Sebastian Vettel immer noch unangenehm. Ihn als letztes taktisches Mittel einzusetzen, so weit ist er noch nicht. Doch was, wenn es hart auf hart kommt? Wenn Alonso in Brasilien nicht ins Ziel kommen sollte, wäre Vettel wieder Weltmeister. Ein kleiner Rempler genügt, theoretisch. Er könnte es tun, wie Schumacher und vor ihm Senna. Vielleicht muss man das in der Formel 1 sogar, wenn man der Beste werden will. Aber will er das? Die Antwort kann nur Vettel geben, vielleicht schon am Sonntag.

Noch ist Schumacher der Beste in den Statistiken. Er wird in Brasilien noch einmal alles geben, obwohl es für ihn um nichts mehr geht, weil er gar nicht anders kann. Dann ist Schluss, er tritt zum zweiten Mal zurück. Es wird weniger emotional sein als beim ersten Mal, sagt er.

Erschienen im Tagesspiegel