Formel 1Die dunklen Flecken des Michael Schumacher
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Sennas Begräbnis ohne Schumacher

Ayrton Senna mochte auf der Strecke ein Rambo sein, aber er war sich zumindest in seinen reifen Jahren der Verantwortung als Anführer einer Schicksalsgemeinschaft bewusst. 1992 knallte vor ihm der Franzose Eric Comas in die Leitplanken. Senna stieg aus und sprintete unter Lebensgefahr über die Strecke, um zu helfen. Zwei Jahre später handelte sich Senna in Imola eine Rüge des Weltverbandes ein, weil er zur Stelle des tödlichen Unfalls von Roland Ratzenberger gefahren war. Am nächsten Tag raste Senna auf der gleichen Strecke in die Mauer. Schumacher, der direkt hinter ihm fuhr, hielt nicht an.

Während Senna im Krankenhaus den Kampf um sein Leben verlor, gewann der Deutsche das Rennen. Zum Begräbnis erschien er nicht. Einer der dunkelsten Flecken auf Schumachers Weste.

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Das vorerst letzte Fleckchen bekam er im September beim Rennen in Singapur . Die Formel 1 verabschiedete sich von Sid Watkins; der langjährige Rennarzt war so etwas wie der Rettungsengel, dem viele Piloten ihr Leben zu verdanken haben. Als das Fahrerfeld zusammentrat, um dem verstorbenen Watkins die letzte Ehre zu erweisen, fehlte nur einer: der Rekordweltmeister. Seine Entschuldigung danach war ein klassischer Schumi: „Ich war noch auf dem WC. Meine Gedanken waren aber bei Sid.“

Vettel als Gegenmodell

Sebastian Vettels Weste ist noch vergleichsweise unbefleckt. Wenn es Schumachers Verdienst war, alles bis an die Grenze und darüber hinaus zu bringen, dann ist es Vettels Leistung, dass er das Rad wieder ein klein wenig zurückgedreht hat. Vettel wirkt noch immer bubenhaft, sein schelmisches Grinsen verleitet dazu, ihn zu unterschätzen. Dabei ist er kaum weniger ehrgeizig als Schumacher, auch er ist ein Egoist, sonst wäre er in der Formel 1 nichts geworden. Er hat viel von Schumacher gelernt, wie Schumacher von Senna lernte. Es gibt Fotos, die ihn als Kind mit seinem Idol auf der Kartbahn zeigen, er hatte Schumacher-Poster überm Bett hängen. Vettel wird zugetraut, dessen sieben Titel vielleicht sogar zu überbieten. Doch in ihrer Außenwirkung könnten der alte und der neue deutsche Weltmeister nicht unterschiedlicher sein.

Bereits mit Mitte 20 verfügt er über eine Eigenschaft, die Schumacher auch in den besten Jahren noch abgeht: den Blick über den Cockpitrand hinaus. Wohin es Vettel im globalen Rennen auch verschlägt, überall macht er sich die Mühe, wenigstens das Wort „Danke“ in der Landessprache zu lernen. Mitten im WM-Kampf verblüffte er nach einem Sieg mit Betrachtungen über das Leben der Inder. Vettel macht sich Gedanken um die Welt um sich herum, Schumacher blendete sie immer aus.

Mensch in der Formel 1 zu bleiben, das kann Vettels Vermächtnis werden. Was das Milliardengeschäft aus einem machen kann, ist am besten an Fernando Alonso zu sehen. Damals, in der Rascasse, da war er noch Schumachers Opfer. Inzwischen greift er selbst zu allen Tricks. Wie weit er für seinen dritten Titel gehen würde, zeigte er am vergangenen Wochenende in den USA. Da hielt der Spanier seine WM-Chancen dadurch am Leben, dass Ferrari bei seinem Teamkollegen Felipe Massa absichtlich eine Strafe von fünf Startplätzen provozierte. So rückte Alonso weiter nach vorn und wurde hinter Vettel Dritter. Eine taktische Strafe – das hätte auch Schumacher einfallen können.

Vettels Stärke ist die Authentizität, er verliert keine Energie dadurch, dass er eine Schutzhülle aufrechterhalten muss. Während andere im Pokerspiel Formel 1 ihre menschlichen Regungen verstecken, treiben sie ihn an. „Er trägt sein Herz auf der Zunge“, sagt Vettels Teamchef Christian Horner jüngst in der „Welt“. Die Gefühle könnten bei ihm schon einmal durchbrechen, „er wäre kein Mensch, wenn das bei ihm nicht so wäre“.

Wie weit würde Vettel gehen?

Nicht immer zur Freude aller, er hat da inzwischen eine kleine Privatfehde mit dem Inder Narain Karthikeyan, den er schon als „Gurke“ beschimpft und ihn per Mittelfinger gegrüßt hat, weil er ihm seiner Meinung nach nicht rechtzeitig Platz machte. Andererseits hat er sich nach seinem Crash in Belgien 2010 auch schon so oft bei Jenson Button entschuldigt, bis der irgendwann genervt mit den Augen rollte und meinte: „Ist ja schon gut.“

Ein Unfall ist Sebastian Vettel immer noch unangenehm. Ihn als letztes taktisches Mittel einzusetzen, so weit ist er noch nicht. Doch was, wenn es hart auf hart kommt? Wenn Alonso in Brasilien nicht ins Ziel kommen sollte, wäre Vettel wieder Weltmeister. Ein kleiner Rempler genügt, theoretisch. Er könnte es tun, wie Schumacher und vor ihm Senna. Vielleicht muss man das in der Formel 1 sogar, wenn man der Beste werden will. Aber will er das? Die Antwort kann nur Vettel geben, vielleicht schon am Sonntag.

Noch ist Schumacher der Beste in den Statistiken. Er wird in Brasilien noch einmal alles geben, obwohl es für ihn um nichts mehr geht, weil er gar nicht anders kann. Dann ist Schluss, er tritt zum zweiten Mal zurück. Es wird weniger emotional sein als beim ersten Mal, sagt er.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Weil Schumacher sein Privatleben nicht nach außen kehrt sind seine sportlichen Erfolge weniger wert oder was?

    Zudem ist auch nicht geklärt, wieviele seiner "Tricks" gar nicht auf seinem Mist gewachsen sind, sondern von seiner Teamleitung angeordnet wurden.

    Es können auch persönliche Gründe gewesen, die ihn dazu bewogen sich nicht trauernd in der Öffentlichkeit zu zeigen. Ich hätte es an seiner Stelle genauso gemacht, da ich nicht wollte, daß irgendwelche Sensationsreporter mich in diesen intimen Momenten belästigen.

  2. wird welche finden - überall.

    "Die Situation im diesjährigen WM-Kampf ist ein wenig entspannter als vor 18 Jahren"
    --------
    Eben, und da ich nicht auf "entspannte Rennen" stehe, schaue ich keine Formel 1 mehr. Sie ist einfach langweilig geworden. Eben ohne Aufreger, ohne "Tricks". Schade.

  3. 3. [...]

    Bitte beachten Sie Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/mo.

  4. Jetzt, wo Schumacher als Formel 1-Fahrer keine lukrativen Schlagzeilen mehr hergibt, wird werden Skandal-journalistisch seine "dunklen Flecken" ans Licht gezerrt, die übrigens schon immer ein persönliches Markenzeichen auf seiner weißen Rennfahrerkluft waren. Nur hatte sich bis dato niemand darüber moralisch entrüstet. - Auch Sie nicht, Herr Autor. Oder sehe ich da was falsch???

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    sondern R E A L I T Ä T !

    So sehen das viele Weltweit.

    "Während Senna im Krankenhaus den Kampf um sein Leben verlor, gewann der Deutsche das Rennen. Zum Begräbnis erschien er nicht. Einer der dunkelsten Flecken auf Schumachers Weste."

    Das habe ich bis heute nicht vergessen und werde es auch nie!
    Senna ist und bleibt eine Ikone, das wird M. Schumacher nie sein.

  5. Schumacher kann man nicht als besten Rennfahrer titulieren. Nur weil er die Bestmarke an Siegen etc. hält. Es gibt immer nur den besten aktuellen Fahrer, aber der ist nicht mit den vorhergehenden oder nachfolgenden vergleichbar.

    Sicher, Schumi hat so ziemlich alle Rekorde inne, von den meisten Siegen und Titeln über die Führungsrunden und so weiter. Letztens hat man auch Vettel gefeiert, dass er Jackie Stewarts Siege egalisiert hat - keine Kunst, wenn eine Saison heute 20 Rennen hat und man jahrelang im besten Auto sitzt. Die meisten Führungsrunden aller Zeiten? In den 50ern und weit danach hatten die Rennen 20-30 Runden.

    Zu Schumachers Zeiten gab es Fahrer wie Rubens Barrichello, oder Eddie Irvine, letzterer wäre 1999 nach dem letzten Punktesystem sogar Weltmeister gewesen. Auch ein Mika Salo fuhr damals an der Spitze. Schumacher musste stets nur besser als diese Leute sein.

    Was die Fairness angeht: Auch das waren andere Zeiten. Heute ist sogar vorgeschrieben, wie oft man bei einem Überholvorgang oder am Start die Linie wechseln darf, bevor es angeblich unsportlich wird. Jeder Rennunfall zieht Höchstrichterliche Untersuchungen und Strafen nach sich. Positionskämpfe werden als absolute Highlights verkauft und man echauffiert sich gerne, wenn der eine den anderen dann tatsächlich überholt. Ein Schumacher käme so nicht zustande.

    Wenn ich einen Vorschlag für den besten Fahrer der Formel 1 machen müsste: der kaum bekannte Rhodesier John Love.

  6. Anders kann man diesen Artikel nicht bewerten. Jeder in diesem Zirkus des Herrn Eccelstone schummelt wo er nur kann. Ferrari war lange Zeit immer etwas ausgebuffter als die Anderen. Aber man denke nur an die verzweifelten Regeländerungen, um Schumi und/oder Ferrari zu stoppen. - Jetzt ist es wirklich nur noch ein Zirkus...man hat, wie bei Castingshows das Gefühl, das alles schon abgesprochen ist.

  7. Ich bin kein Fan von Michael Schumacher, aber diese Darstellung finde ich doch etwas einseitig - selbst wenn es ein Artikel über Schumachers dunkle Flecken ist, der sich auf dieses Thema konzentriert. Es gibt genügend andere Rennfahrer, die ebenfalls rücksichtslos waren - es wahrscheinlich sein mussten, sonst wären sie nicht so weit vorn gewesen. Senna und Prost sind sich mehrfach gegenseitig durchs Auto gefahren und haben sich danach noch neben der Strecke geprügelt. Und was ist mit mit Jacky Ickx, der Stefan Bellof - ich will nicht sagen ermordet hat, aber dessen Tod bei seinem Manöver zumindest billigend in Kauf genommen hat?

    In der "guten alten Zeit" ist vieles einfach verborgen geblieben, weil die Überwachung mit den Kameras noch nicht so lückenlos war wie heute. Auf einer mehr als 20 Kilometer langen Nordschleife gibt es genügend unbeobachtete Punkte, an denen man einen Gegner von der Strecke schubsen kann.

    Und was die Größe angeht: Die meisten wirklich Großen sind tot - und zwar auf der Strecke gestorben. Das trägt einiges zum Mythos bei. Beispiele sind neben Senna auch Bellof oder Bernd Rosemeyer. Damals war Motorsport noch gefährlich und abenteuerlich.

    Die Formel 1 ist heute viel sicherer als früher und das ist unter anderem das Verdienst von Schumacher, der sich als Vorsitzender der Fahrergewerkschaft GPDA jahrelang für mehr Sicherheit eingesetzt hat. Viele der spektakulären Unfälle der vergangenen Jahre wären noch in den 90er Jahren viel schlimmer ausgegangen.

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    Senna hat Prost 1990 abgeschossen, weil Prost im Jahr davor Senna ins Auto gefahren ist.

    Besonders pikant war, dass Senna die Aktion von 1990 vorher angekündigt hat. Die FIA hat im daraufhin mit Strafen gedroht. Bis hin zur Sperre auf Lebenszeit.

    Und Schumacher ist nicht Hill ins Auto gefahren. Schumacher war von der Strecke gerutscht und kam von der Wiese auf die Strecke zurück. Hill ist daneben gefahren.

    Hätte Hill die Nerven behalten und eine Kurve gewartet, hätte er leicht den havarierten Benetton überholen können.

    In die Lage nach dem WM-Titel greifen zu können, kam Hill nur, weil man den in der WM enteilten Schumacher, künstlich hart bestrafte.

    Zu Erinnerung: Von den ersten sechs Rennen gewann Schumacher damals fünf! Auch fünf Mal die schnellste Rennrunde.

    Was war mit David Coulthard, der in Spa 1998 auf der Ideallinie im Regen dahin schlich und Schumacher auffahren ließ?

    • 可为
    • 24. November 2012 12:47 Uhr

    Schumacher bezeichnete noch vor kurzem höchst selbst Senna als den besten Rennfahrer aller Zeiten, das mal nur am Rande...
    Tricks sind das was man sehen möchte, nicht weil es unfair wäre, sondern weil es zeigt dass die Fahrer bereit sind alles für einen Sieg zu geben - wer nicht bereit ist seine Gesundheit für den Sieg zu opfern, dem nehme ich auch nicht ab, dass er sich in eine 800PS Pappschachtel setzt und ein echtes Rennen fährt. Wer schon einmal dem Rennen einer der Serien beiwohnen durfte, wo die Fahrer ihr eigenes teures Spielzeug um die Strecke tragen weis genau warum.
    Wenn in der F1 irgendwer den Anspruch an Fairness stellen würde gäbe es auch einheitliche Fahrzeuge...

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