Formel 1Die dunklen Flecken des Michael Schumacher

Michael Schumacher ist der beste Rennfahrer aller Zeiten. Fraglich aber ist, ob er auch der größte ist – allzu oft versuchte er, sich mit Tricks Vorteile zu verschaffen. von Christian Hönicke

Michael Schumacher während einer Trainingspause in Brasilien

Michael Schumacher während einer Trainingspause in Brasilien  |  © Orlando Kissner/AFP/Getty Images

Der Fußball hat Pelé, das Boxen hat Ali, der Basketball hat Jordan. Fast jeder Sport hat einen Goat. Einen Greatest of all time , einen Allergrößten der Geschichte. In der Formel 1 ist die Frage nach dem strahlendsten Stern am Himmel ein heikles Thema. Weil sie, wie praktisch alle Fragen in der Formel 1, mit Michael Schumacher zu tun hat.

Er hat die höchste Klasse des Motorsports mehr als ein Jahrzehnt lang dominiert und Rekorde aufgestellt, die vielleicht niemand mehr brechen wird. Am Sonntag wird er in São Paulo seinen 308. und endgültig letzten Grand Prix fahren, doch die Frage danach, ob er wirklich der Größte aller Zeiten ist, die nimmt er mit in den Ruhestand .

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Sieben WM-Titel und 91 Rennsiege hat Schumacher eingefahren. Genügt das, um zu vergessen, wie er manchen Erfolg erreicht hat? Oder ist der 43-Jährige nur der „Beste aller Zeiten“, wie sein Kollege Nico Rosberg ihn nennt?

Alles für den Erfolg

Größe war in der Geschichte des Rennsports noch nie nur eine Frage von Titeln oder Siegen. Es mag paradox wirken, aber gerade im Angesicht der kreischenden Maschinen ist der weiche Faktor Mensch ein hohes Gut im Motorsport. In der potenziell tödlichen Formel 1 müssen die Größten mehr als sich selbst im Blick haben, sie haben als Leitfiguren auch Verantwortung für den Rest der Meute. „Für mich beinhaltet die Bezeichnung ‚der Größte‘, dass man auch seinen Platz im Zusammenspiel der Dinge versteht“, sagt Damon Hill . Der Brite, Weltmeister von 1996, ist gegen die Ikonen der 90er gefahren, gegen Alain Prost , Ayrton Senna , Nigel Mansell . Längst hat sich Hill aus dem Rennsportgeschäft zurückgezogen und ist würdevoll ergraut, doch einer jagt ihn immer noch und er ihn. Das Rätsel Michael Schumacher lässt ihn nicht los.

Das liegt auch daran, dass Hill Teilnehmer eines der denkwürdigsten WM-Finals in der Formel-1-Geschichte war. Immer noch wird er auf Adelaide 1994 angesprochen, als ihm Schumacher ins Auto fuhr und sich so seinen ersten Titel holte. „So sollte eine Saison nicht zu Ende gehen“, sagt Hill. Er fragt sich immer noch: Wie weit kann, wie weit darf man für den Erfolg gehen?

Weste mit "dunklen Flecken"

Die Situation im diesjährigen WM-Kampf ist ein wenig entspannter als vor 18 Jahren, nicht nur deswegen, weil Schumacher gar nicht beteiligt ist. Um den Titel fahren der Red-Bull-Pilot Sebastian Vettel und Fernando Alonso im Ferrari . Vettel liegt 13 Punkte vor Alonso, ein vierter Platz würde ihm reichen, auch wenn Alonso gewänne, dann wäre er zum dritten Mal in Folge Weltmeister. Drei Titel, das ist in der Formel 1 eine Schallmauer, wer sie durchbricht, steigt auf in den Olymp des Motorsports. Da oben tummeln sich Ayrton Senna, Jackie Stewart oder auch Niki Lauda. Alain Prost wurde viermal Weltmeister, der Argentinier Juan Manuel Fangio war mit fünf Titeln lange Rekordhalter. Bis Schumacher kam und alle beiseite räumte.

Dem Erfolg alles unterzuordnen, im Zweifel auch das Gewissen, das ist das Erbe, das Michael Schumacher der Formel 1 hinterlassen hat. Wenn er fuhr, saßen Held und Bösewicht im gleichen Cockpit, und man wusste nie, wer am Ende das Steuer übernahm. Mal quetschte er sich in der engsten Schikane des Nürburgrings an Jean Alesi vorbei, dann wieder rammte er seine WM-Rivalen Hill oder Villeneuve. Über die Kontroversen seiner Karriere, und es gab fast jedes Jahr eine, spricht Schumacher bis heute nicht gern. Sein Standardsatz zu diesem Thema lautet: „Meine Weste hat ein paar dunkle Flecken, aber sie ist immer noch ziemlich weiß.“

Leserkommentare
    • TDU
    • 24. November 2012 12:47 Uhr

    Das ist das Schwierige bei Vergleichen. Wer hat wen geholfen, wer hat getrickst.

    Senna war bei seinen guten Taten auf dem Höhepunkt seiner Karriere, Schumacher am Anfang bei seinen nicht guten Taten. Da war ein Abstand.

    Senna hat nicht so viel arbeiten müssen für den Erfolg, denn er hatte mehr Talent und war der letzte der Weltläufigen und Großzügigen, der mit dieser Eigenschaft auch Rennen gewinnen konnte. Der Unterschied zwischen Connery Bond und Daniel Craig.

    Es ist ein Spiegel der Gesellschaft. So kontrolliert wies Rennen heute scheint auch die Gesellschaft. Passiert was, muss man um Zuschauer und Einnahmen fürchten, und die Politk antwortet mit Beschränkungen. Wir kriegen was wir verdienen, auch im Sport.

    Und bitte. Teilnahme an Beerdigungen ist was Persönliches. Anwesenheit heisst beileibe nicht, dass man wegen des Gastgebers gekommen ist.

  1. 10. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    • TDU
    • 24. November 2012 13:03 Uhr
    11. Klone

    Manchmal hat man das Gefühl, die Sieger sind Klone. Von der Mütze, Gestik, Sprache, bis zum Outfit alles kalkuliert, in Zahlen gegossen und von der Presse pingelig beäugt.

    Ein Fehltritt kostet Geld, ein falsches Wort, und man wird wochenlang dran aufgehängt wenn nicht skandalisiert. Ein Arbeitnehmer in so ein Korsett gezwängt würde rebellieren.

    Die aussergewöhnliche Bezahlung solls entschuldigen. Würde ich auch tun, sagt der gemeine Zuschauer und nagelt den Profi ans Geld.

    Aber die Veranstalter verdienen mehr. Und keiner kann für weniger fahren, ohne Mütze und unbedruckten Overall, selbst wenn er es wollte.

    • lxththf
    • 24. November 2012 13:08 Uhr

    arbeiten an einem Grenzbereich und alle Weltmeister der letzten Jahre haben sich Sachen geleistet. Erinnert sei daran, wie Vettel Alonso in Monza bei weit über 200 aufs Gras gezwungen hat. Hamilton hatte auch ähnliche Manöver drauf.
    Schumacher hat die Scuderia aus einem Tief geholt und den ersten Titel für Ferrari gewonnen seit wie viel Jahren?
    Die richtig Großen haben eine leichte Macke und 7WM Titel gewinnt man nicht, indem man im entscheidenden Moment zurückzieht, denn dann wird man eben nur 2.er in der F1. Das macht den Unterschied aus.
    Schumi der Größte aller Zeiten? Das wird man nie wissen, denn man kann Leistungen in diesem technisierten Sport nicht vergleichen und WM Titel nach Wertigkeit ordnen. Was für diese Betrachtung jedoch keine Rolle spielt ist die Frage, welcher Mensch der Rennfahrer war und wäre er ein total offener Typ, dann würden bestimmt wieder Leute um die Ecke kommen und ihn für etwas anderes kritisieren.
    Das macht die richtig Großen aus. Sie polarisieren.
    Und um nochmal auf das Thema Fairness zurückzukommen. Erinnert sei an die drei Herren Piquet, Briatore und Alonso.

  2. ach diese goats sind schon eine seltsame kategorie, ein kunstprodukt beinah, genauso schwer zu ergreifen, warum der eine es ist und bleiben wird. es scheint als wird den helden wird auch mal eine hinterlist verziehen solange diese auch eine andere seite haben. z.b. alis angeberei hat seinem legendären boxstil und seine siege erst so richtig ewiglich gemacht.

    daran mangelt es dem menschlich blassen schuhmacher, selbst wenn der ein ganz netter typ ist.....

    http://www.youtube.com/watch?v=EOGiguIUyZ4

  3. Eine Unverschämtheit, dieser Artikel! Man möchte beim Abschied doch in den schönen Erinnerungen schwelgen. Wie zum Beispiel hier: http://mutti-der-libero.de/die-10-schoensten-schumi-momente/

  4. es gab noch freien Platz in der ZEIT, anders kann ich mir diesen billigen Artikel nicht erklären. Ich mag F1-Rennen überhaupt nicht, aber in welchem Sport, wo es um Moneten geht, wird nicht mit alle erlaubten Tricks gearbeitet?

  5. ...Artikels tut, daß der so offensichtlich empathielose Schumacher nach dem Tsunami im Indischen Ozean 10 Mio Dollar für die Opfer spendete.

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    Ich brauche für das Ausfüllen eines Schecks und dem kalkulieren der Vorteile einer solchen Geste auf meine Aussenwirkung keine Empathie. Noch nicht einmal Sympathie.

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