"Meine Damen und Herren – der Bundespräsident", ruft der Mann im Anzug. Das ist das Zeichen. Die geladenen Gäste erheben sich, so wurde es ihnen vorher erklärt, von Johannes B. Kerner , dem Moderator, der sich auskennt, weil er schon mal da war. Joachim Gauck betritt schnellen Schrittes den Großen Saal des Schlosses Bellevue. "Guten Morgen", ruft er in die Menge, zackig wie ein Schuldirektor, der etwas Wichtiges zu verkünden hat. "Morgen", murmelt die Menge zurück, matt wie Schüler vor den Ferien.

Wahrscheinlich sind die jungen Gäste, die das erste Mal dabei sind, so zurückhaltend, weil sie erschlagen sind von der Wucht der Veranstaltung. Die schwarzen Limousinen, die sie durch den Ehrenhof von Bellevue fuhren, die vier Kronleuchter über ihnen und ganz vorne dieser Mann, den die meisten nur aus dem Fernsehen kennen, und der ihnen, den Medaillengewinnern von London , das Silberne Lorbeerblatt überreichen wird. Die Älteren sind gelangweilt, weil sie sich fragen, was schon passieren soll bei so einer Feierstunde. Der Präsident sagt ein paar Worte, dann gehen alle nach vorne, Shakehands, fürs Foto lächeln, Hymne singen, Schnittchen, fertig.

Doch dieses Mal könnte es anders werden. Dieses Mal redet Gauck, und bei Gauck kann man nie wissen.

Gauck ist ja vor allem als kantiger Kauz zum Bundespräsidenten gewählt worden. Und wenn er auf den deutschen Sport schaut, müsste der Zweifel aus einem streitbaren Präsidenten nur so heraussprudeln. Der Kampf gegen Doping wirkt wie ein Scheingefecht , das Sportfördersystem steht nach dem durchwachsenen Abschneiden in London zur Debatte . Und was bringt Leistungssport der Gesellschaft überhaupt, die ihn mit Steuergeld päppelt? Wir haben uns noch nicht darüber verständigt, was für einen Sport wir haben wollen. Eine Medaillenschmiede wie China , in der Kinder früh verbogen werden, ist nicht unser Ding. Aber wenn wir leer ausgehen, wird dennoch gemeckert. Soll Gauck doch mal sagen, was er dazu denkt.

Warnung vor Verführung und Kommerzialisierung

Über Sport hat Gauck bereits in seiner vorpäsidentialen Zeit geredet und dabei eine eigenwillige Meinung vertreten. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk bezeichnete er den Sport zwar als "großes Geschenk für die Gesellschaft". Der Hochleistungssport mit seinem Drang zur Spitze berge aber auch das Potenzial einer "unglaublichen Verführung", verbunden mit einer "unglaublichen Kommerzialisierung" und einer, auch von den Medien geschürten "maßlosen Bewunderung einer wunderbar schönen Menschenwelt". Sport und die daraus resultierende Begeisterung sei wichtig. Hochleistungssport aber dürfe nicht zu einem reinen Glamour-Event verkommen.

Jetzt, im Großen Saal von Bellevue, hält Gauck keine sportpolitische Grundsatzrede. Vielleicht liegt es an seiner neuen Rolle, als Präsident muss man sich auch mal auf die Zunge beißen. Vielleicht liegt es daran, dass vor ihm der Innenminister Hans-Peter Friedrich sitzt, der heute und hier nun wirklich nicht dran erinnert werden will, welch peinliches Bild sein Ministerium abgab, als es bei Olympia nicht verraten wollte, wie viele Medaillen die deutschen Sportler laut seinen Geheimplänen holen sollten . Oder Klaus Riegert, vom Bundestagssportausschuss, der unlängst kritische Journalisten aussperrte . Oder Michael Vesper , vom Deutschen Olympischen Sportbund, der im Fall Drygalla in der Kritik stand. Vielleicht hält Joachim Gauck diese Feierstunde aber auch für zu banal, für den falschen Rahmen für eine Generalkritik. Aber es lohnt sich, auf die Zwischentöne zu achten.

"Tiefere Bejahung des eigenen Ichs"

Gauck redet über Inklusion. Es waren ja nicht nur die Gewinner olympischer, sondern auch die Sieger paralympischer Medaillen eingeladen. Er wolle sich ja nicht mit dem IOC anlegen, sagt Gauck. "Aber heißt 'para' nicht 'neben'?", fragt er. Er war auch bei den Paralympics, die Stimmung sei in diesen Wochen noch besser gewesen als während der Olympischen Spiele. "Da war nichts 'para', das war ehrlich gesagt 'supra'", sagt Gauck.

Über den Wert des Leistungssports für die Gesellschaft spricht er auch: "Sport verkörpert unser Idealbild einer Welt, in der beides möglich ist, harter Wettbewerb und eine spielerische Existenz, die den Menschen Freude macht. Der Leistungsmensch und der spielende Mensch, der homo ludens , kommen in der Lebenswelt des Sports zusammen. Das gibt dem Sport eine ganz besondere Bedeutung", sagt er.

Plädoyer für die Leistungsgesellschaft

Gauck preist die Mühen, die die Sportler auf sich genommen haben. "Sie leben in einer Gesellschaft, die denkt, wir sind dazu geboren, uns zu amüsieren. Jeder Mensch amüsiert sich gerne. Aber tiefste Freude und eine tiefere Bejahung unseres eigenen Ichs erleben wir erst dann, wenn wir uns für etwas angestrengt und Mühen in Kauf genommen haben", sagt er und hebt geradezu zu einem Plädoyer für die Leistungsgesellschaft an. "Mein größter Wunsch ist, dass unsere Gesellschaft davon mehr begreift. Wir tun uns nichts Böses, wenn wir uns fordern", sagt Gauck.

Beim Thema Doping hält Gauck sich zurück, hier brauche es einen "weiterhin kraftvollen und sehr bewussten Einsatz". Ein Satz, der nicht so recht passen will, zur Tatsache, dass die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) Jahr für Jahr um ihre Finanzierung kämpfen muss , Dopingforschungsprojekte von Wissenschaft, Politik und Verbänden ausgebremst werden und ein Anti-Doping-Gesetz in diesem Land noch fehlt. Ein Lance Armstrong wäre in Deutschland jedenfalls nicht aufgeflogen.

Gauck klang schon einmal anders. Vor einem Jahr verlieh Gauck Ines Geipel , der Schriftstellerin, ehemaligen DDR-Sprinterin und anerkanntem Doping-Opfer , den Ethikpreis des katholischen Sportverbandes Deutsche Jugendkraft. "Es ist eines, über Doping einer vergangenen Diktatur zu sprechen, so spüren wir, und ein anderes, darüber, was uns aktuell die Freude am Siegen, an Siegern und Siegerinnen nehmen könnte", sagte er damals und fragte: "Will diese spaßwütige Event-Gesellschaft wirklich wissen, warum wer siegt?"

Am Tag der Verleihung des Silbernen Lorbeerblatts schien das auch Gauck egal zu sein.