Vielleicht muss man sich entscheiden. Partei ergreifen für oder gegen Holger Geschwindner , Dirk Nowitzkis Mentor. Seinen Lieblingssatz weise finden oder platt: "Man kann alles über eine Fledermaus wissen und hat doch keine Ahnung, wie es ist, eine Fledermaus zu sein." Vielleicht muss man anerkennen, dass er einen Gesprächstermin noch am selben Abend anbietet; unkompliziert, per SMS, drei Stunden lang. Oder es verurteilen, als durchsichtige, kalkulierte Charmeoffensive, pünktlich zur Veröffentlichung seines Buchs.

Sein Buch Nowitzki. Die Geschichte ist das sonderliche Märchen vom Aufstieg des schlaksigen Schulbuben Dirk Nowitzki zum vielleicht besten weißen Basketballer aller Zeiten . Es ist ein Puzzle aus Anekdoten und Trainingstipps, Weis- und Albernheiten, Pädagogik und Philosophie, Jazz und Literaturtipps vom Lucky Luke-Comic bis zum kirgisischen Liebesroman. Manche wird es inspirieren, andere enttäuschen. Zu viele werden sich gar nicht darauf einlassen, sondern Seiten zählen (so wenige?) und Schriftgrößen kritisieren (so groß?). Das Buch ist uneindeutig, anders, es ist wie sein Autor. Dieses Genie, dieser Kauz.

An einem regnerischen Sonntagmorgen steht Geschwinder in einer Bamberger Lagerhalle, die er mit seinem Projekt BasKidBall zur Sporthalle umgerüstet und für alle geöffnet hat. An den Wänden hängen Graffitis und Poster: Roger Federer , der Saubermann, Torsten Frings, der Wühler. Mehrere der Bilder haben die Kinder mitgestaltet, an einer Wand hängt ein Zettel mit den Zahlen von Eins bis Zehn auf Englisch, Französisch, Russisch, Türkisch, für sinnvolle Strafarbeiten. Gegenüber steht ein Regal mit Kinderbüchern: Harry Potter, TKKG, Mark Twain und Erich Kästner. Auf einem XXL-Plakat Weisheiten von Dante, Goethe, Saint-Exupéry – und Geschwindner: "Nicht gaggern, sondern Eier legen!"

Holger Geschwindner ist jetzt 66, ein Hüne im Holzfällerhemd. Er war Kapitän des deutschen Olympia-Basketballteams von 1972, absolvierte 150 Länder- und 600 Bundesligaspiele und gewann drei Deutsche Meisterschaften. Nebenbei studierte er Mathematik, Physik und Philosophie, reiste um die Welt und arbeitete. Am Max-Planck-Institut für Psychiatrie, in den Rechenzentren von Unis und schließlich als selbstständiger "Problemlöser" mit seinem "Institut für angewandten Unfug". Zufällig traf er 1995 den 16-jährigen Dirk Nowitzki. Systematisch formte er ihn zum Weltstar.

"Der Holger war immer schon ein bisschen anders", sagte Nowitzki zu diesem Thema kürzlich dem Deutschlandfunk . "Er hat einen anderen Ansatz, da ist nix normal." Geschwindner ordnete nicht nur Korbleger und Würfe an, sondern auch Froschsprünge, Spaziergänge im Handstand und viele namenlose Übungen für Agilität und Ausdauer. Geschwindner forderte eine ganzheitliche Entwicklung. Also stand Rudern auf dem Programm, Fechten und mal Saxofonstunden, Geschwindners alter Bekannter Till Brönner gab Tipps. Und zwischendurch Lektüre, etwa Carl Friedrich von Weizsäckers Die Geschichte der Natur .

Spielpraxis sammelte Nowitzki nicht nur direkt unterm Korb, wo die Großen um Bälle ringen, wo das Spiel rau ist und simpel. Aus ihm sollte mehr werden als ein eindimensionaler Vollstrecker, darin war sich Geschwindner mit Vereinstrainer Pit Stahl einig. Also schubsten sie ihn auch auf die Position des Spielmachers, wo Körpergröße ein Handicap ist. Dort, in der Mitte des Platzes, lernte Nowitzki die Feinheiten des Spiels: das Gefühl für Ball, Mitspieler, Entscheidungen und Timing.

In Bamberg dribbeln die 12- und 13-Jährigen, täuschen, sprinten, stoppen, werfen. Geschwindner korrigiert sanft, aber präzise. Wenn er sich unbeobachtet fühlt, weicht ein Lächeln seine strengen Züge auf. Ihm gefällt, dass die Jungs die Würfe der anderen blocken, wenn die nicht damit rechnen, weil das nicht Teil der Übung ist. "Die müssen sich doch gegenseitig testen dürfen. Man muss sie mit dem Feuer spielen lassen. Man muss sie sogar dazu ermutigen." Antiautoritäre Erziehung? Geschwindner widerspricht: Zu kurz gedacht. Die Autorität sei ja nicht verschwunden, sie solle lediglich vom Trainer auf die Kinder übergehen. Die Bamberger haben gute Chancen auf die Deutsche Meisterschaft der U-14.

Wenn Geschwindner ruft "Halle vermessen!", springen sie in großen Sätzen durch die Halle. In zehn Sprüngen schaffen es die Besten. Danach greifen sie wieder nach den Bällen – und kontrollieren sie wie Jo-Jos. Sie treffen mit rechts und links, nach Wurffinten und komplexen Dribblings, nachdem sie den Ball hinter dem Rücken entlanggeführt oder Geschwindner getunnelt haben. "Wenn jeder Bundesligaspieler könnte, was diese Buben können, wär' ich heilfroh", sagt Geschwindner. Er weiß, was er da sagt. Dass ihn das wieder Sympathien kosten wird. Aber er kann nicht anders.

Ingo Weiss, der Präsident des Deutschen Basketball Bundes (DBB), erinnert sich genau an seine erste Begegnung mit Geschwindner: "Wir waren mit der U-18 in Frankreich. Dirk spielte, war aber völlig verwirrt. Weil von der linken Seite des Feldes der Bundestrainer und von rechts Geschwindner Anweisungen rief. Nach dem Spiel hab' ich mir den Holger zur Brust genommen und ihm klargemacht, dass es so nicht geht. Seitdem ist unsere Beziehung sehr gut." Weiss mutmaßt, man müsse Geschwindner frei laufen lassen, dann führen seine Ideen zu Ergebnissen. Beim DBB bemühe man sich, Geschwindner zuzuhören, nicht nur weil er der Schlüssel zu Nowitzki ist. "Er hält uns auf Trab. Die Arbeit mit ihm ist manchmal nervenaufreibend, aber immer zielführend", sagt Weiss.