Thomas Hitzslperger mit Rotzbremse

ZEIT ONLINE : Herr Hitzlsperger , Sie haben am Wochenende gegen Norwich City zum ersten Mal in diesem Jahr neunzig Minuten in der Ersten Liga Fußball gespielt.

Thomas Hitzlsperger : Das tut gut, auch wenn am Ende nur ein Punkt raussprang. Ich hoffe, dass ich noch viele Spiele hier beim FC Everton bestreiten kann, weil ich mich ausgesprochen wohlfühle.

ZEIT ONLINE : Was haben Sie da Eigenartiges in Ihrem Gesicht?

Hitzlsperger : Einen Schnurrbart, denn es ist Movember. Am Samstag haben sieben meiner Mitspieler Oberlippenbärte getragen, vor einer Woche gar die gesamte Mannschaft.

ZEIT ONLINE : Was hat es damit auf sich?

Hitzlsperger : Movember setzt sich zusammen aus Moustache und November. Man trägt also einen Monat lang eine solche Rotzbremse, muss sich mindestens einmal pro Woche drumherum rasieren. Wir haben in der Mannschaft beschlossen: Wer nicht mitmacht, zahlt 300 Pfund Strafe, und am Ende wird der gesamte Erlös gespendet.

ZEIT ONLINE : In Deutschland ist diese Aktion nicht so bekannt. Erklären Sie bitte.

Hitzlsperger : Das ist ein Fundraising zur Vorbeugung von Prostatakrebs, einer weit verbreiteten Krankheit unter Männern. Mit unseren Schnauzern erzeugen wir Aufmerksamkeit für das Fundraising. Die Idee kommt aus Australien , wandert seit 2004 über die Welt, hauptsächlich in englischsprachigen Ländern. In Liverpool laufen viele Männer zurzeit so rum, ebenso in der Premier League , wenn auch nicht so extrem wie bei uns. Man muss aber auch sagen, dass nicht alle im englischen Fußball von der Idee begeistert sind und den Spielern sagen: Spielt Fußball, spendet Geld und rasiert Euch anständig! In Deutschland ist die Aktion weniger verbreitet, ich hörte auch erst im Oktober zum ersten Mal davon.

ZEIT ONLINE : Gefallen Sie sich mit Schnorres?

Hitzlsperger : Meine Begeisterung hält sich arg in Grenzen.

ZEIT ONLINE : Wie reagieren die Leute?

Hitzlsperger : Manche wundern sich und fragen nach. Einige meiner Teamkollegen sagten: "Jetzt siehst Du endlich aus wie ein echter Deutscher. Fehlt nur noch die Lederhose."

ZEIT ONLINE : Gab es Leute, die Ihnen vorgaukeln wollten, dass Ihnen der Pornobalken steht?

Hitzlsperger : Ja, ein paar, aber ich lasse mich nicht beirren und werde am 1. Dezember den Rasierer rausholen.

ZEIT ONLINE : Aber die Bürste ist generell wieder in Mode. Auf deutschen Hipster-Kiezen, etwa der Sternschanze in Hamburg oder Kreuzkölln in Berlin , laufen angehende Drehbuchautoren so rum.

Hitzlsperger : In London ebenfalls, wie ich vor ein paar Jahren erlebt habe. Am Samstag kommt meine jedenfalls ab. Bis dahin mach ich den Spaß mit, denn es ist für einen guten Zweck

ZEIT ONLINE : Sie unterstützen ein anderes einzelnes Charity-Projekt? 

Adriano sollte bei Beckmann beichten

Hitzlsperger : Als Fußballprofi bekommt man häufiger Anfragen, etwa ob man sein Trikot oder einfach Geld spenden will. Ich unterstütze seit drei Jahren Ubuntu Africa , das sich HIV-infizierten Kindern im Township Khayelitsha bei Kapstadt angenommen hat. Mit dem Geld wird Essen bezahlt, Bildung, Aufklärung, gemeinsame Ausflüge. Die Zustände sind teilweise erschreckend, jedoch schöpfen die Kinder neuen Mut dank Ubuntu Africa.

ZEIT ONLINE : Kennen Sie die Verantwortlichen persönlich?

Hitzlsperger : Ja, ich habe mir versichern lassen, dass die Spenden ausschließlich Ubuntu Africa zugutekommen. Wir haben einen Dokumentarfilm gedreht, und ich bin einmal nach Südafrika gereist, um mit der Gründerin des Projekts, Whitney Johnson, zu sprechen. Es war ein einschneidendes Erlebnis, aber auch mit Angst verbunden, denn das Leben dort ist geprägt von Armut, Drogen und Gewalt. Und als Weißer in Khayelitsha ist es nicht ungefährlich.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Spendenbereitschaft unter Fußballern allgemein verbreitet?

Hitzlsperger : Ich denke, gut. In England ist Charity sehr wichtig, in Deutschland haben einige Fußballer Stiftungen. Grundsätzlich finde ich es wichtig, dass man Bescheid weiß, wofür man sein Geld und seinen Namen hergibt. Promis, die aus Image-Gründen Gutes tun, sind mir suspekt.

ZEIT ONLINE : In der vorigen Woche haben Fußballfans eine andere Moraldebatte geführt. Luiz Adriano aus Donezk hat im Stile eines Schufts ein Tor geschossen.

Hitzlsperger : Das geht gar nicht, er hat gegen ein ungeschriebenes Gesetz verstoßen: Er hätte den Ball dem Gegner überlassen müssen. Man muss bedenken, er hatte Zeit genug, seine Aktion zu unterbrechen. Es war eine bewusste Aktion.

ZEIT ONLINE : Wie hätten Sie als Mitspieler gehandelt?

Hitzlsperger : Das beste Mittel ist, den Gegner ungehindert ein Tor erzielen zu lassen, um die gleiche Ausgangsposition wieder herzustellen.

ZEIT ONLINE : Und als Gegenspieler? Mal ein kleiner Tritt?

Hitzlsperger : Nein, da darf man nicht überreagieren. Man sollte einen Regelverstoß nicht mit einem Regelverstoß ahnden. Am Ende holt man sich noch eine Rote Karte.

ZEIT ONLINE : Welche Strafe sollte Adriano zukommen?

Hitzlsperger : Er sollte bei Beckmann beichten.

ZEIT ONLINE : Ich wusste gar nicht, dass Sie ein Hardliner sind.

Hitzlsperger : Vielleicht tut's auch eine ehrlich gemeinte, hohe Spende für Movember.