Thomas Hitzlsperger"Ich trage einen Monat lang eine Rotzbremse"

Unser Kolumnist trägt Schnurrbart, wie seine Mannschaftskollegen, für einen guten Zweck. Ein Alles-außer-Fußball-Gespräch über Movember, Spenden, Beckmann und Moral. von 

Thomas Hitzslperger mit Rotzbremse

Thomas Hitzslperger mit Rotzbremse  |  © privat

ZEIT ONLINE : Herr Hitzlsperger , Sie haben am Wochenende gegen Norwich City zum ersten Mal in diesem Jahr neunzig Minuten in der Ersten Liga Fußball gespielt.

Thomas Hitzlsperger : Das tut gut, auch wenn am Ende nur ein Punkt raussprang. Ich hoffe, dass ich noch viele Spiele hier beim FC Everton bestreiten kann, weil ich mich ausgesprochen wohlfühle.

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ZEIT ONLINE : Was haben Sie da Eigenartiges in Ihrem Gesicht?

Hitzlsperger : Einen Schnurrbart, denn es ist Movember. Am Samstag haben sieben meiner Mitspieler Oberlippenbärte getragen, vor einer Woche gar die gesamte Mannschaft.

ZEIT ONLINE : Was hat es damit auf sich?

Hitzlsperger : Movember setzt sich zusammen aus Moustache und November. Man trägt also einen Monat lang eine solche Rotzbremse, muss sich mindestens einmal pro Woche drumherum rasieren. Wir haben in der Mannschaft beschlossen: Wer nicht mitmacht, zahlt 300 Pfund Strafe, und am Ende wird der gesamte Erlös gespendet.

ZEIT ONLINE : In Deutschland ist diese Aktion nicht so bekannt. Erklären Sie bitte.

Alles außer Fußball

Alles außer Fußball ist die Kolumne von René Adler, Thomas Hitzlsperger und Arne Friedrich. Einmal im Monat geben wir während der Bundesliga-Saison einem das Wort. Sie sollen und wollen nicht das Tagesgeschäft kommentieren, klassische Fußballerkolumnen gibt es genug. Alles außer Fußball ist der Versuch, Fußballer Fußball als gesellschaftliches Phänomen betrachten zu lassen. Hier finden Sie alle Gespräche.

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Hitzlsperger : Das ist ein Fundraising zur Vorbeugung von Prostatakrebs, einer weit verbreiteten Krankheit unter Männern. Mit unseren Schnauzern erzeugen wir Aufmerksamkeit für das Fundraising. Die Idee kommt aus Australien , wandert seit 2004 über die Welt, hauptsächlich in englischsprachigen Ländern. In Liverpool laufen viele Männer zurzeit so rum, ebenso in der Premier League , wenn auch nicht so extrem wie bei uns. Man muss aber auch sagen, dass nicht alle im englischen Fußball von der Idee begeistert sind und den Spielern sagen: Spielt Fußball, spendet Geld und rasiert Euch anständig! In Deutschland ist die Aktion weniger verbreitet, ich hörte auch erst im Oktober zum ersten Mal davon.

ZEIT ONLINE : Gefallen Sie sich mit Schnorres?

Hitzlsperger : Meine Begeisterung hält sich arg in Grenzen.

ZEIT ONLINE : Wie reagieren die Leute?

Hitzlsperger : Manche wundern sich und fragen nach. Einige meiner Teamkollegen sagten: "Jetzt siehst Du endlich aus wie ein echter Deutscher. Fehlt nur noch die Lederhose."

ZEIT ONLINE : Gab es Leute, die Ihnen vorgaukeln wollten, dass Ihnen der Pornobalken steht?

Hitzlsperger : Ja, ein paar, aber ich lasse mich nicht beirren und werde am 1. Dezember den Rasierer rausholen.

ZEIT ONLINE : Aber die Bürste ist generell wieder in Mode. Auf deutschen Hipster-Kiezen, etwa der Sternschanze in Hamburg oder Kreuzkölln in Berlin , laufen angehende Drehbuchautoren so rum.

Hitzlsperger : In London ebenfalls, wie ich vor ein paar Jahren erlebt habe. Am Samstag kommt meine jedenfalls ab. Bis dahin mach ich den Spaß mit, denn es ist für einen guten Zweck

ZEIT ONLINE : Sie unterstützen ein anderes einzelnes Charity-Projekt? 

Hitzlsperger : Als Fußballprofi bekommt man häufiger Anfragen, etwa ob man sein Trikot oder einfach Geld spenden will. Ich unterstütze seit drei Jahren Ubuntu Africa , das sich HIV-infizierten Kindern im Township Khayelitsha bei Kapstadt angenommen hat. Mit dem Geld wird Essen bezahlt, Bildung, Aufklärung, gemeinsame Ausflüge. Die Zustände sind teilweise erschreckend, jedoch schöpfen die Kinder neuen Mut dank Ubuntu Africa.

ZEIT ONLINE : Kennen Sie die Verantwortlichen persönlich?

Hitzlsperger : Ja, ich habe mir versichern lassen, dass die Spenden ausschließlich Ubuntu Africa zugutekommen. Wir haben einen Dokumentarfilm gedreht, und ich bin einmal nach Südafrika gereist, um mit der Gründerin des Projekts, Whitney Johnson, zu sprechen. Es war ein einschneidendes Erlebnis, aber auch mit Angst verbunden, denn das Leben dort ist geprägt von Armut, Drogen und Gewalt. Und als Weißer in Khayelitsha ist es nicht ungefährlich.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Spendenbereitschaft unter Fußballern allgemein verbreitet?

Hitzlsperger : Ich denke, gut. In England ist Charity sehr wichtig, in Deutschland haben einige Fußballer Stiftungen. Grundsätzlich finde ich es wichtig, dass man Bescheid weiß, wofür man sein Geld und seinen Namen hergibt. Promis, die aus Image-Gründen Gutes tun, sind mir suspekt.

ZEIT ONLINE : In der vorigen Woche haben Fußballfans eine andere Moraldebatte geführt. Luiz Adriano aus Donezk hat im Stile eines Schufts ein Tor geschossen.

Hitzlsperger : Das geht gar nicht, er hat gegen ein ungeschriebenes Gesetz verstoßen: Er hätte den Ball dem Gegner überlassen müssen. Man muss bedenken, er hatte Zeit genug, seine Aktion zu unterbrechen. Es war eine bewusste Aktion.

ZEIT ONLINE : Wie hätten Sie als Mitspieler gehandelt?

Hitzlsperger : Das beste Mittel ist, den Gegner ungehindert ein Tor erzielen zu lassen, um die gleiche Ausgangsposition wieder herzustellen.

ZEIT ONLINE : Und als Gegenspieler? Mal ein kleiner Tritt?

Hitzlsperger : Nein, da darf man nicht überreagieren. Man sollte einen Regelverstoß nicht mit einem Regelverstoß ahnden. Am Ende holt man sich noch eine Rote Karte.

ZEIT ONLINE : Welche Strafe sollte Adriano zukommen?

Hitzlsperger : Er sollte bei Beckmann beichten.

ZEIT ONLINE : Ich wusste gar nicht, dass Sie ein Hardliner sind.

Hitzlsperger : Vielleicht tut's auch eine ehrlich gemeinte, hohe Spende für Movember.

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Leserkommentare
  1. 1. Oh ja,

    das ist ja so was von total spannend und interessant.

    Eine Leserempfehlung
  2. Schön zu sehen, dass Fußballer auch was im Kopf (und unter der Nase) haben und über den Stadionrand hinauszuschauen vermögen. Die Idee "Adriano beichtet bei Beckmann" ist quotenträchtig und zeigt, dass Hitzlsperger Witz hat. Ein Gegenentwurf zum ewigen, witzlosen Kindskopf "Lodda" Matthäus.

  3. Hirn und Herz vereint findet man selten, nicht nur bei Fußballern. Aber gerade da braucht man mehr solcher Typen, wenn man an solche Gestalten wie Matthäus, Effenberg oder Basler denkt.

  4. Ich kannte "Movember" bisher noch nicht - wer denkt schon an Prostatakrebs? Tolle Aktion! Super auch, das Thomas Hitzlsperger da mitmacht. :)

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    Ich kannte auch eine 5 Jährige, die sich zum Weihnachten Tampons gewünscht hat, 'weil man damit reiten kann'. So ähnlich mutet mir der Rückschluss auf Prostatakrebs bei dem Tragen von Schnurrbärte.

    Und auch wenn man von Schnurrbart auf Prostatakrebs schließen würde, was dann? So gesehen, finde ich die Aktion fürs Gesäß, wenn es keine aufklärende Begleitaktionen gibt.

    Aber, dass sich der Hitzlsperger auch anderswo engagiert, finde ich sehr lobenswert. Und Beichte bei Beckmann ist mehr als eine gerechte Strafe! :)

  5. Heute zwar aus der Mode gekommen, wird er sich in Zukunft irgendwann sicher wieder bei Vielen an Beliebtheit erfreuen.

    Eine Leserempfehlung
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    • match
    • 27. November 2012 20:20 Uhr

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