Was bedeutet das jetzt, ein Nullzunull im Testspiel ? Ein Journalist will das wissen. Mit der Frage hat er auch erwähnt, dass acht deutsche und zwei wichtige holländische Spieler nicht dabei waren. Louis van Gaal , dieser große, egomanische Fußballlehrer, legt die Arme übereinander, beugt sich vor und sieht von seinem Podest-Platz herunter auf den Reporter:
 
"Zwei? Sie haben gesagt: zwei?"
 
Kurze Grummelpause.
 
"Wir hatten sechs Absagen!"
 
Als der Coach "Ich bitte sie" grollt und nachschiebt, dass er auf viele seiner besten Spieler verzichten musste, wird es ernst. In diesem Moment im Presseraum war mehr Aggressivität als im ganzen Freundschaftsspiel zuvor. Dem Coach der Holländer ist wichtig, dass er genauso ersatzgeschwächt wie das DFB-Team angetreten war.
 
Torlos endete dieses letzte Länderspiel des Jahres, für viele Zuschauer war es auch das Letzte. In der ersten Halbzeit spielte die deutsche Nationalelf besser, in der zweiten die holländische. Gut war keine Mannschaft. Ansehnlich oder spannend sah es in 92 Spielminuten nur aus, wenn sich der deutsche Adler mit gelber Riesennase und der plüschige orangene Löwe, die Maskottchen beider Teams, am Spielfeldrand auf die Schenkel klopften.
 
Nach etwa dreißig Minuten schoss Marco Reus eine Ecke. Zumindest wollte er das. Der Ball flog nicht einmal bis in den Sechzehnmeterraum, plumpste wie eine Rosine auf den Rasen. Wenige Augenblicke später wollten es die Holländer wissen, aus etwa zwanzig bis dreißig Metern schoss der Stürmer aufs Tor. Zumindest wollte er das. Der Ball driftete ab, ohne ins Seitenaus zu rollen, er leitete einen Gegenangriff für Deutschland ein. Zumindest hätte es ein Gegenangriff werden können.
 
Im Anschluss kamen solche Sätze: "Die Räume waren eng." ( Lewis Holtby ) "Es gab heute viel Ballbesitz – auf beiden Seiten." ( Philipp Lahm ) "Wir haben sehr positionstreu gespielt." ( Joachim Löw ) "Keiner wollte einen Fehler machen." ( Manuel Neuer ) Ein anderer deutscher Spieler wollte sich nach dem Schlusspfiff nicht in ein öffentliches Gespräch verwickeln lassen.
 
Thomas Müller fürchtete vermutlich, erneut Opfer seiner Ehrlichkeit zu werden. Dieser Abend in Amsterdam sei ein "klasse Länderspieltermin", auf den sich "alle freuen", hatte der Nationalspieler am Wochenende gesagt. Und mit Ironie, die schwer zu überhören war, fortgeführt: "Da werden wir mit voller Leidenschaft unser Land vertreten und werden das tun, wofür wir geboren wurden: für Deutschland Fußball zu spielen." Genau so hat es dann auch ausgesehen.

Löw hat seine Souveränität nicht verloren

Thomas Müller mit seiner Spitzfindigkeit und Louis van Gaal mit seinem Aggressivitätsanfall – bei beiden ging es um das gleiche Problem. Dieses Testspiel Mitte November mitten in der Bundesligaspielzeit, genau zwischen zwei Champions-League-Spieltagen, kommt vielen Spielern so gelegen wie eine echte Herbstgrippe mit Herpes. Der eine hat Magen-Darm, der andere ist erkältet oder sein Muskel zwickt. Viele Absager fehlen, weil sie überlastet sind. Geboren, um im November für sein Land zu spielen, scheint im Herbst 2012 kein Fußballer zu sein.

Van Gaal sagt, das sei "natürlich ein großes Problem". Wäre er noch Trainer eines Klubs wie Bayern München , würde er Kritiker verstehen, die den Termin abschaffen wollen. Doch als Nationalcoach sehe er seine Mannschaft nur zehn Mal im Jahr, da sei jeder Termin wichtig. Auch Belgiens Nationaltrainer Marc Wilmots äußerte sich kritisch über den Terminplan der Fußballverbände.

Anderer Meinung ist der deutsche Cheftrainer. Joachim Löw glaubt fest daran, dass keiner seiner Stammspieler eine Verletzung vorgeschoben hat, um pausieren zu können. Genau einen Tag konnte Löw mit den Nichterkrankten trainieren. Wie viel das vor der zweimonatigen Winterpause bringt, ist die eine Frage.
 
Die andere lautete vor diesem letzten Test des Jahres: Mit welcher Leistung verabschieden sich Löw und sein Team nach dem 4:4 gegen Schweden in die Winterruhe? Die Antworten fallen nach dem Spiel unterschiedlich aus. Einerseits ist ein 0:0 besser als ein 4:4, weil man ja kein Gegentor hinnehmen musste. Andererseits heißt 0:0 auch, dass man kein Tor geschossen hat.

Im letzten Spiel des Jahres hat die Nationalelf erstmals in diesem Jahr kein Tor geschossen und viele ihrer Fans gelangweilt. Dem Bundestrainer, dem seit dem Aus im EM-Halbfinale öffentliche Wertschätzung so oft begegnet wie ein scheues Reh, stört das wenig. Kurz nachdem Louis van Gaal voller Ernst auf die verletzten Spitzenspieler im holländischen Team verwiesen hat, antwortet Löw gelassen auf alle Reporterfragen.
 
Mario Götze als Stürmer? "Das habe ich mir nicht erst heute oder gestern Nacht überlegt." Lukas Podolski nur als Ersatz-Ersatzspieler? "Seine Zeit wird 2013 wieder kommen." Erleichterung nach Wochen der Kritik? "Weiß ich nicht. Unser Spiel war gut. Wir werden weiter konsequent an der Offensive arbeiten."
 
Da kann Zlatan Ibrahimović noch im Handstand ein Tor schießen oder die Schweden einen 1:5-Rückstand aufholen – Löw hat seine Souveränität auch nach dem Länderspieljahresende und einem Nullzunull nicht verloren.