NationalmannschaftLöw braucht den BVB

Zweifel an der Mentalität der Mannschaft, Zweifel am Coach – 2012 hat sich die Stimmung gegen das DFB-Team gedreht. Joachim Löw kann daraus lernen. von 

Joachim Löw sieht sich einer neuen Situation ausgesetzt.

Joachim Löw sieht sich einer neuen Situation ausgesetzt.  |  © Dennis Grombkowski/Bongarts/Getty Images

Heute vor einem Jahr gewann die DFB-Elf in einem Testspiel gegen Holland 3:0. So gut habe eine deutsche Nationalmannschaft seit vierzig Jahren nicht mehr gespielt, schwärmten Fans und Presse . Das 0:0 in Amsterdam ein Jahr später verursachte bei vielen Begleitern Ernüchterung, obwohl die Mannschaft ersatzgeschwächt war, obwohl ein Unentschieden in Amsterdam ein gutes Ergebnis ist.

Die Stimmung nach dem letzten Spiel des Jahres ist bezeichnend, denn sie hat sich gegen die Nationalmannschaft gedreht. Bis vor einem halben Jahr galt sie als Vorreiter und Ideengeber des deutschen Fußballs. An den Turnieren 2006, 2008 und 2010 gelangen ihr Platzierungen über den Erwartungen, teilweise deutlich. Zudem verfeinerte sie unter Joachim Löw ihr Spiel zunehmend.

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Der Bruch erfolgte in diesem Juni, bei der EM 2012 schied sie als Mitfavorit im Halbfinale aus. Es war nicht nur die Niederlage, sondern auch die leblose Art, die anhaltenden Zweifel verbreiteten. Zweifel an der Mannschaft und ihrer Siegermentalität, Zweifel an ihrem Fußballlehrer Joachim Löw, dem gegen Italien ein entscheidender Coaching-Fehler unterlief.

In die jüngste Zeit fallen auch andere Bei-Spiele, die den Eindruck verstärken, dass die Mannschaft Rückschritte geht. Vier Niederlagen in einem Jahr, mehr gab es unter Löw nie. Zudem werfen die vielen Gegentore, fünf gegen die Schweiz , vier gegen Schweden , drei gegen Argentinien , die Frage auf, ob die Mannschaft die deutsche Grundtugend, das Verteidigen, beherrscht – und ob sie dem Trainer wichtig ist.

Nicht nur wegen dieser Bedenken findet sich Löw in einer neuen Situation wieder, denn seine Aufgabe hat sich geändert. Die deutschen Vereine haben elf Jahre keinen internationalen Titel geholt, das ist eine rekordhafte Durststrecke. Auf dieses Defizit konnte Löw stets verweisen, doch inzwischen scheinen auch andere deutsche Teams als Bayern München in Europa konkurrenzfähig, allen voran Borussia Dortmund .

Doch den BVB hat Löw noch nicht integriert. Weder die Spieler wie das Großtalent Mario Götze noch das Prinzip des Dortmunder Fußballs: Tempo, Laufen, Gegenpressing. Zudem ließ sein Affront gegen Marcel Schmelzer, den er öffentlich kleinredete, einen Konflikt mit dem Deutschen Meister zu Tage treten.

Natürlich darf ein Bundestrainer seine eigenen Ideen umsetzen und muss nicht immer nur auf den Vereinsfußball reagieren. Aber die Bundesliga bietet Löw längst von (mindestens) zwei Orten, München und Dortmund, Substanz für die internationale Klasse. Wenn er verloren gegangenen Kredit mit einer erfolgreichen WM 2014 zurückerobern will, sollte er die beiden Faktoren künftig besser mischen. Gelingt ihm das, schafft er es, aus dem Jahr 2012 die richtigen Schlüsse zu ziehen, könnte 2013 wieder geschwärmt werden.

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Leserkommentare
    • wawerka
    • 15. November 2012 18:14 Uhr

    ...aber das Italienspiel sehe ich schon etwas anders. Zwar haben die Italiener durchaus verdient gewonnen, weil sie cleverer agiert haben und, ja, sie hätten auch noch deutlich höher gewinnen können, als die Deutschen hinten aufgemacht haben, aber wenn Buffon sich den Ball in der Anfangsphase selbst ins Tor legt (und dass dies nicht geschah war reines Glück) dann, da leg ich mich fest, verliert Italien dieses Spiel und Löw hätte alles richtig gemacht. Ich glaube, Löw fühlt sich zutiefst ungerecht behandelt, weil seiner Meinung nach dieses Halbfinale nicht wegen seiner fragwürdigen Aufstellung verloren wurde, sondern durch 2 katastrophale individuelle Fehler durch Hummels/Badstuber bzw. Lahm. Und, bei aller Kritik an Löw, man KANN das so sehen. Oder eben auch ganz anders. Die Deutschen standen gegen Italien jedenfalls nicht wie noch 2 (oder auch 4) Jahre zuvor gegen Spanien wie die Schlange vor dem Kaninchen, diesmal war es also nicht überzogene Demut die zur Niederlage führte, das Ausscheiden hatte andere Gründe.

    Ich weiß auch nicht, ob Löw nochmal als Vereinstrainer tätig wird, gehe aber davon aus, da er aller Wahrscheinlichkeit nach nach der WM 2014 so oder so als Trainer der NM aufhören wird (oder aufgehört werden wird). Ob er dann ein guter Trainer sein wird, bleibt abzuwarten, auf jeden Fall ist er ein großer Theoretiker des Spiels. Aber wichtig is' halt auffem Platz.

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    • Jouba
    • 15. November 2012 18:28 Uhr

    jedenfalls weitestgehend. Aber: Schweinsteiger hatte bereits in der Pressekonferenz mit einer überdeutlichen Mimik und Körpersprache darum gebettelt, NICHT aufgestellt zu werden. Das hätte Löw verstehenund berücksichtigen MÜSSEN. Außerdem gehörte Podolski nicht auf den Platz!

    ...Fussball ist eben kein "Hätte, Wäre" etc. Vielleicht wäre das Spiel anders ausgangen. Den Italienern spielt eine Führung sicher mehr in die Hände als den meisten anderen Teams. Nebenbei, wenn England 2010 nach 0:2 Rückstand den Ausgleich (Lampard) zugesprochen bekommen hätte, wäre der Spielverlauf auch ganz anders gewesen. Nach einem Achtelfinalaus hätte das dann alles ganz anders ausgesehen. Ist es aber nicht.
    Zu Slomka. Ich denke die meisten dt Fans würden ihn begrüßen. Er hat zwar bisher keine Titel gewonnen (was ihm dann tatsächlich von einigen vorgeworfen werden könnte), hat aber nicht nur bei Hannover exzellente Arbeit geleistet (kaum überzubewerten), sondern war bei Schalke auch schon erfolgreich (Vize, CL-Viertelfinale). Man hat ihn aber vom Hof gejagt, weil er den Vereinsbossen zu bieder und sein System angeblich nicht attraktiv genug war.
    Ob bei Slomka alles anders aussehen würde ist natürlich fragwürdig. Aber einen Versuch wäre es wert.

    • Jouba
    • 15. November 2012 18:28 Uhr

    jedenfalls weitestgehend. Aber: Schweinsteiger hatte bereits in der Pressekonferenz mit einer überdeutlichen Mimik und Körpersprache darum gebettelt, NICHT aufgestellt zu werden. Das hätte Löw verstehenund berücksichtigen MÜSSEN. Außerdem gehörte Podolski nicht auf den Platz!

    3 Leserempfehlungen
  1. Löw braucht vor allem System bzw. eine Intepretation, an der er festhält.
    Man kann ein 4-2-3-1 vertikal oder horizontal orientiert spielen.

    Während sich in der Bundesliga momentan eher das vertikale System durchsetzt (spielen der BVB, die Bayern (erst seit diesem Jahr) und auch Herne-West)

    Löw spielt irgendein Hybridwesen aus beidem.
    Mehr Gegenpressing, mehr Tempo, mehr Laufen, also die Entscheidung für die vertikale Spielanlage (wie Herr Fritsch beschreibt), wäre sicherlich nicht ganz verkehrt. Dafür fehlt nur ein Stürmer...Gomez läuft dafür etwas wenig.

    • wawerka
    • 15. November 2012 18:42 Uhr

    Ich kann Ihre Kritik an Löw durchaus nachvollziehen, meine Kritik bezieht sich ganz allgemein auf die mediale Kritik an Löw.

    Löw hatte schon vor der EM ein paar erwähnenswerte Schwächen (z.B. seine mangelnde Wertschätzung des Trainierens von Standardsituationen),nur kommt es mir inzwischen vor, als kippe die damalige Zurückhaltung jetzt ins absolute Gegenteil und es wird jede Kleinigkeit zur mittleren Katastrophe aufgeblasen.

    Ich persönlich wünsche mir, dass Löw bleibt und zwar als starker Trainer, der sich nicht dauernd für jede Personalentscheidung rechtfertigen muss, was selbstverständlich nicht bedeutet, dass man ihn gar nicht kritisieren darf. Nur frage ich mich nach Spielen wie gegen Schweden, warum der Trainer zwar für den "Zusammenbruch" nach der 60. Minute verantwortlich gemacht wird, für den Zauberfußball der bis dahin gezeigt wurde, allerdings nicht.

    Und auch nach dem gestrigen Spiel gegen einen tatsächlich "Großen" im Weltfußball wird das zugegebenermaßen langweilige Spiel der Deutschen medial zerlegt, dass der Gastgeber entgegen seiner "Tradition" alle Energie darauf verwendet hat, das Spiel zu verhindern, wird dagegen kaum erwähnt.

    Zu guter Letzt: Mich stört die naive Erwartung, wenn Löw durch einen anderen Trainer abgelöst würde, bliebe alles, was er "erschaffen" hat, erhalten und nur die Defizite würden abgeschafft. Dem ist aber nicht so und ich habe Sorge, dass der frühere Rumpelfußball wiederkehrt. Mit "echten Kerlen". Die die Hymne mitsingen. O Gott!

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    Antwort auf "Substanz?"
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    "...dass der frühere Rumpelfußball wiederkehrt..."

    Beinahe jede Bundesligamannschaft bemüht sich um attraktiven Fußball. Ob Freiburg, Frankfurt oder Hannover, beinahe alle Mannschaften wollen Spiele gewinnen und nicht nur Niederlagen verhindern. Und diese Mannschaften haben doch auch (deutsche) Trainer.

    Ich kann nicht verstehen, warum man in Löw eine Art Messias sieht. Keine Frage, die deutsche Mannschaft spielt gegen nominell schwächere Mannschaft häufig sensationell gut. Aber wenn es drauf ankommt, versagt die NM häufig.

    Neben Löw gibt es eine ganze Reihe guter deutscher Trainer, ich kann nicht verstehen, warum man nach einem möglichen Ende der "Ära" Löw davon ausgeht, dass kein attraktiver Fußball mehr gespielt werden würde.

  2. "...dass der frühere Rumpelfußball wiederkehrt..."

    Beinahe jede Bundesligamannschaft bemüht sich um attraktiven Fußball. Ob Freiburg, Frankfurt oder Hannover, beinahe alle Mannschaften wollen Spiele gewinnen und nicht nur Niederlagen verhindern. Und diese Mannschaften haben doch auch (deutsche) Trainer.

    Ich kann nicht verstehen, warum man in Löw eine Art Messias sieht. Keine Frage, die deutsche Mannschaft spielt gegen nominell schwächere Mannschaft häufig sensationell gut. Aber wenn es drauf ankommt, versagt die NM häufig.

    Neben Löw gibt es eine ganze Reihe guter deutscher Trainer, ich kann nicht verstehen, warum man nach einem möglichen Ende der "Ära" Löw davon ausgeht, dass kein attraktiver Fußball mehr gespielt werden würde.

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    Antwort auf "@OliFritsch"
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    • wawerka
    • 15. November 2012 19:29 Uhr

    ...die sind beide medial kaum bzw. gar nicht vermittelbar. Das, was an Veh jetzt knorrig und an Streich originell wirkt, wird unter der Lupe der Nationaltrainerbetrachtung grotesk vergrößert und dann zerrissen werden.

    Dazu kommt: Weder Veh noch Streich lassen einen großartig anderen Fußball spielen als Löw das tut. Was machen sie besser? Was qualifiziert sie in größerem Maße?

    Slomka würde ich das tatsächlich zutrauen, allerdings wird bei den ersten Misserfolgen auch ihm entgegengehalten werden, dass er ja als Vereinstrainer "noch nie was gewonnen habe".

    " Keine Frage, die deutsche Mannschaft spielt gegen nominell schwächere Mannschaft häufig sensationell gut.

    Nein, die deutsche Mannschaft spielt auch gegen starke Mannschaften gut. Problem ist immer nur: Wenn die Deutschen wie bei der WM 2010 erst England und dann Argentinien höchst beeindruckend aus dem Turnier kegeln, dann waren die Gegner auf einmal "doch nicht soooo gut".

    "Aber wenn es drauf ankommt, versagt die NM häufig."

    Eigentlich nicht: Es gab in den entscheidenden Momenten 3 Niederlagen, zwei davon gegen Spanien, die mehr als verdient waren, weil der Gegner einfach viel besser war. Bleibt die Niederlage gegen Italien bei der EM, die tatsächlich unnötig war. Von häufigem "Versagen" kann man da kaum sprechen.

  3. eigentlich will ich neben der überschrift dazu nichts weiter sagen/schreiben.

    => alles ist gesagt!!!

    Eine Leserempfehlung
    • wawerka
    • 15. November 2012 19:29 Uhr

    ...die sind beide medial kaum bzw. gar nicht vermittelbar. Das, was an Veh jetzt knorrig und an Streich originell wirkt, wird unter der Lupe der Nationaltrainerbetrachtung grotesk vergrößert und dann zerrissen werden.

    Dazu kommt: Weder Veh noch Streich lassen einen großartig anderen Fußball spielen als Löw das tut. Was machen sie besser? Was qualifiziert sie in größerem Maße?

    Slomka würde ich das tatsächlich zutrauen, allerdings wird bei den ersten Misserfolgen auch ihm entgegengehalten werden, dass er ja als Vereinstrainer "noch nie was gewonnen habe".

    " Keine Frage, die deutsche Mannschaft spielt gegen nominell schwächere Mannschaft häufig sensationell gut.

    Nein, die deutsche Mannschaft spielt auch gegen starke Mannschaften gut. Problem ist immer nur: Wenn die Deutschen wie bei der WM 2010 erst England und dann Argentinien höchst beeindruckend aus dem Turnier kegeln, dann waren die Gegner auf einmal "doch nicht soooo gut".

    "Aber wenn es drauf ankommt, versagt die NM häufig."

    Eigentlich nicht: Es gab in den entscheidenden Momenten 3 Niederlagen, zwei davon gegen Spanien, die mehr als verdient waren, weil der Gegner einfach viel besser war. Bleibt die Niederlage gegen Italien bei der EM, die tatsächlich unnötig war. Von häufigem "Versagen" kann man da kaum sprechen.

    2 Leserempfehlungen
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    ...Löw kurzfristig zu ersetzen, wäre nicht ganz einfach. Für unmöglich halte ich es aber nicht.

    Ich stimme Ihnen aber zu, dass sich bis zur WM vermutlich nichts ändert. Löw wird bis mindestens 2014 Trainer bleiben. Sollte er den Titel gewinnen, könnte er vielleicht noch versuchen, die EM zu gewinnen, sollte er wieder scheitern, war's das wohl für ihn.

    Ob Löw die Chance hat, den Titel zu gewinnen, hängt aus meiner Sicht auch davon ab, ob er bereit ist, das System etwas zu modifizieren. Etwas mehr Augenmerk auf die Defensivarbeit täte dem deutschen Spiel gut. Das muss ja nicht unbedingt auf Kosten der Attraktivität gehen.
    Ich bin der Meinung dass zuviel ähnliche Spielertypen im Kader sind. Die Nominierung Neustädters, wenn sie denn von Dauer wäre (was ich nicht glaube), könnte da schon ein wenig helfen, weil Neustädter wesentlich defensiver agiert als z.B. Kedhira oder Schweinsteiger.
    Und ich hätte auch nichts gegen ein paar "echte Kerle" in der Mannschaft einzuwenden, weil unterschiedliche Spielertypen auch mehrere taktische Möglichkeiten schaffen. So bieten sich je nach Gegner und Spielsituation zusätzliche Optionen.

    Nur nach allem was man von Löw hört, will er weitermachen wie bisher. Und das lässt mich am Titelgewinn 2014 zweifeln.

  4. 24. Tja...

    ...Fussball ist eben kein "Hätte, Wäre" etc. Vielleicht wäre das Spiel anders ausgangen. Den Italienern spielt eine Führung sicher mehr in die Hände als den meisten anderen Teams. Nebenbei, wenn England 2010 nach 0:2 Rückstand den Ausgleich (Lampard) zugesprochen bekommen hätte, wäre der Spielverlauf auch ganz anders gewesen. Nach einem Achtelfinalaus hätte das dann alles ganz anders ausgesehen. Ist es aber nicht.
    Zu Slomka. Ich denke die meisten dt Fans würden ihn begrüßen. Er hat zwar bisher keine Titel gewonnen (was ihm dann tatsächlich von einigen vorgeworfen werden könnte), hat aber nicht nur bei Hannover exzellente Arbeit geleistet (kaum überzubewerten), sondern war bei Schalke auch schon erfolgreich (Vize, CL-Viertelfinale). Man hat ihn aber vom Hof gejagt, weil er den Vereinsbossen zu bieder und sein System angeblich nicht attraktiv genug war.
    Ob bei Slomka alles anders aussehen würde ist natürlich fragwürdig. Aber einen Versuch wäre es wert.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Joachim Löw | Nationalmannschaft | Bundesliga | Bundestrainer | Fußball | Kredit
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