Joachim Löw einen Tag vor dem Spiel gegen die Niederlande © Koen van Weel/AFP/Getty Images

Es ist das letzte Länderspiel des Jahres, der Bundestrainer steht unter besonderer Beobachtung, nachdem es zuletzt viel Kritik an seiner Spielphilosophie und den vielen Gegentoren gegeben hat. Für die Stimmung im Land wäre es sicher nicht schlecht, wenn zum Jahresabschluss gewisse Fortschritte zu sehen wäre. Tatsächlich zeigt sich der Bundestrainer, sonst ein ziemlicher Sturkopf, einsichtig. Im Training konzentriert er sich diesmal auf die Verteidigung, im Spiel gruppiert er sein Mittelfeld nicht wie üblich als Raute, sondern mit zwei Sechsern als zweite Viererkette vor der Abwehr. Es wirkt. 0:0 spielt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Paris gegen Frankreich . „Die Entdeckung der Abwehrkunst“ will die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ an diesem 12. November 2005 gesehen haben.

Sieben Jahre später ist die Situation ähnlich: Es ist das letzte Länderspiel des Jahres. Der Bundestrainer steht unter besonderer Beobachtung. Es gibt Kritik an seiner Spielphilosophie und vor allem den vielen Gegentoren. So weit die Parallelen. Doch dass Joachim Löw heute in Amsterdam gegen die holländische Nationalmannschaft einen undurchdringlichen Defensivriegel schmieden wird, wie es sein Vorgänger Jürgen Klinsmann im November 2005 getan hat, das ist eher nicht zu erwarten. „Wir können das, wenn wir wollen“, sagt der Bundestrainer. Aber will er wirklich? Oder sollte sich das Publikum gegen die ebenfalls als spielfreudig bekannten Holländer lieber auf ein munteres 5:6 einstellen? Oder vielleicht ein wahnwitziges 7:4?

Joachim Löw ist gestern gefragt worden, was ihm denn lieber sei: ein 4:4 wie gegen Schweden oder ein 0:0? Eine klare Antwort blieb er schuldig. Für den Bundestrainer können beide Resultate ihre Reize haben. Für die Stimmung im Volk wäre ein 0:0 sicher besser. Selbst der Nationaltorhüter Manuel Neuer hat sich zuletzt in der Tradition von Oliver Kahn für mehr Defensive ausgesprochen: „Wir müssen lernen, die Prioritäten anders zu setzen.“ Oberstes Ziel solle vor jedem Länderspiel sein, erst einmal zu null zu spielen. Nach 22 Gegentoren in den 13 Länderspielen dieses Jahres steht Neuer mit dieser Ansicht ganz sicher nicht allein da. Es regt sich eine Sehnsucht nach Stabilität, nach Kampfbereitschaft und Lust am Verteidigen, nach den guten alten deutschen Tugenden also. Löw registriert das sehr wohl, erlaubt sich aber weiterhin eine abweichende Meinung: „Wir müssen den Mut haben zu sagen, dass zu den deutschen Tugenden auch technisch guter Fußball gehört. Das wollen wir weiterhin fördern.“

Löw bleibt ein trotziger Idealist

Der Bundestrainer hat zuletzt eine Charmeoffensive in eigener Sache betrieben, nachdem sich seine Sympathiewerte seit dem EM-Aus rapide verschlechtert haben. Löw hat sich nach dem 4:4 gegen Schweden öffentlich gemacht, er hat – für seine Verhältnisse – exorbitant viele Interviews gegeben, um sich nicht wieder wie nach der EM dem Vorwurf auszusetzen, er sei abgetaucht; er hat Fehler eingestanden („Ich muss mir auch an die eigene Nase fassen“) und dem Volk mit der Nominierung von Torhüter René Adler einen Herzenswunsch erfüllt. Der Kern seiner Philosophie aber, das offensive, mutige Spiel, ist für ihn nicht verhandelbar. „Dieser Spielstil ist alternativlos“, sagt der Bundestrainer. In dieser Frage bleibt Löw, wie der Kicker geschrieben hat „ein trotziger Idealist“.

Selbst gegen die Holländer wird es allenfalls in Nuancen Veränderungen geben, und die sind in erster Linie der Personalsituation geschuldet. Gleich sechs Defensivspieler (Boateng, Badstuber, Schmelzer, Khedira, Schweinsteiger, Kroos) fallen aus. „Wir müssen erst mal gut stehen und von Anfang an das Hauptaugenmerk auf Stabilität legen“, sagt Löw. „Wir müssen aber auch versuchen, die Holländer unter Druck zu setzen.“ Die defensive Organisation verbessern, ohne das druckvolle Spiel aufzugeben, offensiv die volle Kraft entfalten und trotzdem alles unter Kontrolle zu halten: Das ist das, was Löw vorschwebt.

Generell fände der Bundestrainer es fahrlässig, die offensive Wucht, die der deutsche Fußball inzwischen besitzt, in irgendeiner Weise zu beschneiden. Für Löw ist Angriff immer noch die beste Verteidigung. „Wenn wir unseren Spielstil durchziehen, haben wir defensiv weniger Probleme“, sagt er. Gegen Schweden war das am Ende nicht mehr der Fall: „In den letzten 30 Minuten haben wir 25 hohe Bälle geschlagen, die alle beim Gegner gelandet sind.“ Es ist ein Muster, das Löw nicht zum ersten Mal beobachtet hat. „Meistens haben wir Probleme, wenn es Unwägbarkeiten gibt“, sagt er. Dann weicht die Mannschaft von ihrer Linie ab, anstatt sie noch konsequenter zu verfolgen. Etwas überspitzt könnte man auch sagen: Dass die Deutschen gegen Schweden vier Gegentore kassierten, lag nicht daran, dass sie zu offensiv spielten. Sie spielten – im Gegenteil – für Löws Geschmack nicht offensiv genug.

Erschienen im Tagesspiegel