Als eine Schalker Fan-Gruppierung am Samstag beim Spiel gegen Frankfurt ein Feuer zündete, erfuhr sie sofort Ablehnung aus dem eigenen Lager. "Wir sind Schalker und ihr nicht", skandierte eine große Menge anderer blau-weißer Anhänger. Dies zeigt: Fans können ein Regulativ sein, wie es sich Vereine, Verbände und Politik nicht besser wünschen können.

Das Gegenbeispiel findet man in Aachen . Aus dem Tivoli ist eine Fan-Gruppe, die eine regulative Rolle spielen könnte, fast vertrieben worden: die Aachener Ultras (ACU). Auch sie fechten einen Kampf im Stadion aus, ihnen geht es aber nicht um Pyrotechnik, ihr Kampf gilt Homophobie, Rassismus, jeder Form der Diskriminierung – und Rechtsextremismus.

Seit den 90-ern gilt Rechtsextremismus unter Fans als Problem von gestern oder als Problem des Ostens. Doch latent seien auch im Westen Haltungen wie Autoritarismus, Sozialdarwinismus, weißes Überlegenheitsdenken und aggressive Männlichkeit vorhanden gewesen, sagt Gerd Dembowski, Fan-Konfliktorscher und Mitarbeiter der Kompetenzgruppe Fan-Kulturen an der Universität Hannover. Nun zeige sich dieser Meinungskampf in einigen Bundesligastadien wieder offen.

Der Kampf um die Kurve dreht sich dort nicht mehr nur um Fragen nach dem richtigen Support für die Mannschaft. Er ist politisiert. Es geht um Rechts gegen Links, eher: sogenannt Links. Als links gelte man in vielen Fan-Kurven nämlich schon, "wenn man Werte vertritt, die Antidiskriminierungsgrundlagen der EU sind", sagt Dembowski.

Das sind etwa die Werte der Aachener Ultras. "Die gelten in Aachen als linksradikal", sagt er. Diese Ausgrenzung verstärkte das Problem, nämlich bedeute es "einen imaginären Schulterschluss" der Haupttribüne, der Polizei und des Vereins, sagt Dembowski mit Blick auf Aachen.

Die Aachener Karlsbande ist der Rivale des ACU. Die meisten ihrer Mitglieder sind nach rechts offen. In ihrem Umfeld bewegen sich Neonazis aus der Kameradschaft Aachener Land. Auch dem langjährigen Alemannia-Fan Sascha Wagner, einem Vorstandsmitglied des NPD-Jugendorgans Junge Nationaldemokraten, wird großer Einfluss nachgesagt.

Seit über einem Jahr bedroht und attackiert die Karlsbande die Ultras immer wieder, zuletzt vor zehn Tagen bei der Heimreise von einer Auswärtsfahrt nach Stuttgart . Auf einem Rastplatz in der Nähe von Pforzheim beschädigten die Insassen eines Reisebusses der Karlsbande einen Privatwagen erheblich. In ihm saßen fünf ACU-Mitglieder, darunter eine Sechzehnjährige, die einem Zeugen zufolge einen Nervenzusammenbruch erlitten haben soll. Im August wurde eine Gruppe der Ultras in Saarbrücken verprügelt , einige wurden getreten, obwohl sie schon am Boden lagen. Der nächste Vorfall könnte bedeuten, dass die Ultras dem Stadion in Aachen fernbleiben werden. Noch wollen sie nicht aufgeben, ein Beobachter der Szene spricht aber vom "letzten Aufbäumen".

Vereine wollen nicht politisch sein

Aachen ist ein Extremfall, aber kein Einzelfall. "Wir beobachten solche Auseinandersetzungen in vielen Vereinen", sagt Dembowski. Nicht nur in Duisburg und Dortmund sei die Lage ähnlich, wenn auch in einem früheren Stadium als in Aachen, sagt er. Besonders anfällig sind Städte mit vielen Neonazis wie Dortmund und Aachen. Oder Vereine, die viele Fans zählen, auf eine Tradition zurückblicken und in den vergangenen zwanzig Jahren eher unterklassig spielten, wie Düsseldorf , Braunschweig – und Aachen. "Dort wurde eine wichtige Debatte verpasst", sagt Dembowski.

Die Dortmunder Südtribüne gilt der Neonazi-Szene als Ort der Rekrutierung. Sogar ein Ordner soll ihr angehören, wie der Spiegel berichtete. Auch Eintracht Braunschweig, nächstes Jahr vermutlich Bundesligist, hat ein Neonazi-Problem in der Kurve . Es kommt schon mal vor, dass rechte Hooligans im Stadion antisemitische Parolen grölen. Einige Braunschweiger Ordner sollen Thor Steinar tragen, die Marke der Nazis. Nicht nur in der Innenstadt verzeichnete man in den vergangenen zwei Jahren mehrere Angriffe rechter Fußballfans auf Jugendliche, in Aachen schon länger.

Die Vereine sowie der DFB und die DFL berücksichtigen diese politischen Konflikte in ihrer aktuellen Debatte über Fans und Sicherheit offenbar nicht. Frithjof Kraemer, bis vor Kurzem Geschäftsführer der Alemannia, sprach zwar mit allen Fraktionen aus der Kurve. Aber, so lautet der Vorwurf der Ultras, er habe übersehen, dass es Opfer und Täter gebe.

Die Verantwortlichen von Eintracht Braunschweig reagierten ähnlich. Nachdem die linken Ultras in einer Broschüre die Taten der Rechten aufgelistet und sich öffentlich gegen Nazis und Rassisten ausgesprochen hatten, wendete sich der Verein mit einer Absage an "politischen Extremismus" an die Öffentlichkeit. Damit meinte die Eintracht nicht die Rechten, sondern die Ultras. "Vereine wollen nicht politisch sein", sagt Dembowski, "sie igeln sich lieber ein".

Zeichen der Solidarität vernehmen die Aachener Ultras von Fans von anderen Vereinen, nicht nur von solchen, bei denen linke Milieus die Kultur prägen, etwa St. Pauli, Babelsberg und Münster. Auch Oldenburg , Fürth , Köln , Bremen und andere machen immer wieder auf die heikle Lage der Aachener aufmerksam. Sie laden sie sogar zu Vorträgen ein. Dort sollen sie den Kampf gegen Rechts schildern.