Fußball-FansDas alte, neue Nazi-Problem in den Fankurven

Rechtsradikale Fans gelten als Problem von gestern. Doch nicht nur in Aachen, Braunschweig und Dortmund zeigt sich der Kampf in der Kurve wieder offen. Von Oliver Fritsch von 

Als eine Schalker Fan-Gruppierung am Samstag beim Spiel gegen Frankfurt ein Feuer zündete, erfuhr sie sofort Ablehnung aus dem eigenen Lager. "Wir sind Schalker und ihr nicht", skandierte eine große Menge anderer blau-weißer Anhänger. Dies zeigt: Fans können ein Regulativ sein, wie es sich Vereine, Verbände und Politik nicht besser wünschen können.

Das Gegenbeispiel findet man in Aachen . Aus dem Tivoli ist eine Fan-Gruppe, die eine regulative Rolle spielen könnte, fast vertrieben worden: die Aachener Ultras (ACU). Auch sie fechten einen Kampf im Stadion aus, ihnen geht es aber nicht um Pyrotechnik, ihr Kampf gilt Homophobie, Rassismus, jeder Form der Diskriminierung – und Rechtsextremismus.

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Seit den 90-ern gilt Rechtsextremismus unter Fans als Problem von gestern oder als Problem des Ostens. Doch latent seien auch im Westen Haltungen wie Autoritarismus, Sozialdarwinismus, weißes Überlegenheitsdenken und aggressive Männlichkeit vorhanden gewesen, sagt Gerd Dembowski, Fan-Konfliktorscher und Mitarbeiter der Kompetenzgruppe Fan-Kulturen an der Universität Hannover. Nun zeige sich dieser Meinungskampf in einigen Bundesligastadien wieder offen.

Der Kampf um die Kurve dreht sich dort nicht mehr nur um Fragen nach dem richtigen Support für die Mannschaft. Er ist politisiert. Es geht um Rechts gegen Links, eher: sogenannt Links. Als links gelte man in vielen Fan-Kurven nämlich schon, "wenn man Werte vertritt, die Antidiskriminierungsgrundlagen der EU sind", sagt Dembowski.

Das sind etwa die Werte der Aachener Ultras. "Die gelten in Aachen als linksradikal", sagt er. Diese Ausgrenzung verstärkte das Problem, nämlich bedeute es "einen imaginären Schulterschluss" der Haupttribüne, der Polizei und des Vereins, sagt Dembowski mit Blick auf Aachen.

Die Aachener Karlsbande ist der Rivale des ACU. Die meisten ihrer Mitglieder sind nach rechts offen. In ihrem Umfeld bewegen sich Neonazis aus der Kameradschaft Aachener Land. Auch dem langjährigen Alemannia-Fan Sascha Wagner, einem Vorstandsmitglied des NPD-Jugendorgans Junge Nationaldemokraten, wird großer Einfluss nachgesagt.

Seit über einem Jahr bedroht und attackiert die Karlsbande die Ultras immer wieder, zuletzt vor zehn Tagen bei der Heimreise von einer Auswärtsfahrt nach Stuttgart . Auf einem Rastplatz in der Nähe von Pforzheim beschädigten die Insassen eines Reisebusses der Karlsbande einen Privatwagen erheblich. In ihm saßen fünf ACU-Mitglieder, darunter eine Sechzehnjährige, die einem Zeugen zufolge einen Nervenzusammenbruch erlitten haben soll. Im August wurde eine Gruppe der Ultras in Saarbrücken verprügelt , einige wurden getreten, obwohl sie schon am Boden lagen. Der nächste Vorfall könnte bedeuten, dass die Ultras dem Stadion in Aachen fernbleiben werden. Noch wollen sie nicht aufgeben, ein Beobachter der Szene spricht aber vom "letzten Aufbäumen".

Leserkommentare
  1. ...wenn die "Unzufriedenen" sich mit so albernen Kinderkram wie Bundesliga (Brot & Spiele) nicht mehr hinhalten lassen. Dann könnte es einen heißen Herbst auf Deutschlands Straßen geben. Deutschlands Fußballstadien sind Ersatztummelplätze für die Austragung politischer und gesellschaftlicher Differenzen. Eine Regierung, die den Armutsbericht fälscht (U.v.d.Leyen) - so sehe ich dies zumindest - hat nicht mehr lang.

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    • Nero11
    • 29. November 2012 19:08 Uhr

    steht sicher ein großer Teil der Gesellschaft gegenüber, der bereit ist aufzustehen, wenn es nötig ist. Mann soll die Spinner nicht unterbewerten, aber überbewerten soll man sie auch nicht.

    • AndreD
    • 30. November 2012 2:43 Uhr

    Kennen Sie wirkliche Alternativen?
    Es gibt sie ja, aber sie werden medial nicht repräsentiert:

    http://www.nachdenkseiten...

    Noch Fragen?

  2. die volle Härte der Gesetze anwenden würden und das Ergebnis dann den Vereinen die nicht dazu in der Lage sind Veranstaltungen so auszurichten das es diese Umstände nicht gibt in Rechnung stellen würde wäre das Thema schnell vom Tisch.

    Das ist doch keine sportliche Begeisterng mehr sondern hirntotes Handeln das unterbunden werden muß.

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    Spiel abbrechen, alle Fans nach Hause schicken!

    Das zwei dreimal konsequent Vereins übergreifend zelebriert, dann wäre
    1. Ruhe im Karton und
    2. würde das dem Steuerzahler viel rausgeschmissenes Geld für martialische PolizeiEinsätze ohne Ende ersparen.

    Haben Sie eigentlich den Artikel gelesen, dass Sie hier so eine undifferenzierte Meinung liefern? Die Taten wurden lt. Artikel ausschließlich außerhalb der Stadien begangen.

    Sie pauschalisieren einfach Hooligans, links und rechts - ist doch egal. Nur darum geht es im Artikel eigentlich nicht, sondern um Rechtsextremismus! Selbst wenn Sie bestimmte Gruppen in den Stadien ausweisen, würden die Taten außerhalb der Stadien trotzdem begangen, und diese Leute ihre Weltanschauung wohl keineswegs ändern.

  3. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit muss riesig sein. Wo viele Menschen miteinander fiebern, Parolen brüllen und hüpfen, dann wird sich bei ihnen das Gefühl von extremer Macht einstellen. Die Menschen agieren und reagieren wie eine Einheit, der Einzelne geht in dieser Einheit schlicht unter.

    Für mich ähneln die künstlich hergestellten Bedingungen in unseren Stadien Kriegen, die vor dem Aufkommen von Gewehren und Kanonen geführt wurden. Die gegnerischen Fans stehen sich gegenüber, und es wird provoziert. Es gibt Planer, Einpeitscher, Akteure und Mitläufer. Stimmung wird gemacht. Was früher Schwert auf Schild hauen und Uniform war, sind heute Lärmhupen und Schals.

    Allerdings sind die Fans nicht durch wilde Rekrutierungen zum Spielbesuch gezwungen, sie sind abhängig von dem mächtigen Gefühl ihrer jeweiligen Gemeinschaft. Die Gemeinschaft gibt ihnen das Gefühl wichtig zu sein.

    Ist es ein Wunder, dass Nazis sich die Fans zu Nutze machen?

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    Fußball ist (fast) immer auch politisch. Ob während der Nazizeit, als die damaligen Machthaber die Popularität des Fußballs zu nutzen wussten, um Kampf- und Teamgeist für eigene Zwecke zu überhöhen, oder zur heutigen Zeit, in der man sich damit abfinden muss, kein grosses Tunier ohne Kanzlerrinnenauftritt zu erleben. Populäre Mannschaftssportarten sind besonders geeignet, sich in deren Glanze zu sonnen und für sich nutzbar zu machen.

    Oder kucken Sie nach Schottland. Dort werden die Glasgow Rangers von den Celtics nur verächtlich "The Huns" genannt. Die Rivalität der beiden Vereine spiegelt den Riss in der Gesellschaft wieder.

    Apropos Schottland, die Gelegenheit will ich nutzen diesen Link zu posten: http://www.youtube.com/wa...

    Das nenn' ich mal 'ne Stimmung! Hier können Sie sehen, wieviel Spass ein Stadionbesuch bereiten kann. Das ist Lebensfreude pur. Einfach nur mitreißend.

  4. Fußballfunktionäre werden dieses Problem nicht lösen können. Bedenkt man, dass der heutige DFB-Präsident Niersbach 1978 bei der Fuball-WM in Argentinien als Agentur-Journalist nichts an der Militärdiktatur auszusetzen hatte und sogar ausdrücklich begrüßte, dass dem Alt- und Neu-Nazi Rudel Gastrecht im Mannschaftsquartier gewährt wurde, erkennt man den Unverstand dieses ganzen Fußballklüngels. Indem sich diese Leute als unpolitische Sportsmänner deklarieren, leisten die diesen Fehlentwicklungen Vorschub.
    Nimmt man noch die neuen Stadien hinzu, wird das Bild komplett. Das Prekariat bevölkert die "billigen" Kurvenstehplätze, während sich im abgeschotteten VIP-Bereich die ganz Wichtigen mit ihren Adabeis an den Champagnerkelchen festhalten. Eine Mischung also, die Wut erzeugt und ein ideales Gewässer für Neonazis, um darin zu fischen.
    Dass die aufrechten Kämpfer gegen diese Umtriebe von den Funktionären wie in Aachen auch noch im Stich gelassen werden, entspricht der besten Tradition des deutschen Funktionärsunwesens im Fußball.

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  5. Wobei ich es der "Elite" hierzulande nicht abnehme, dass Ihnen eine Solidarisierung zwischen Linken und Rechten, "Gen-Deutschen und Menschen mit Immigrationshintergrund politisch angenehmer wäre als kurzhaarige Fahnenträger für letztlich polarisierende Abendnachrichten. Das gilt übrigens auch für weite Teile der System-Presse unter den Fittichen Deutschlands einflussreichstem Berufswitwen-Duo - aber dies ist selbstverständlich nur eine Vermutung ;-)

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    Antwort auf "Den paar Spinnern"
  6. Ein ebenso klarer wie auch für den dümmsten Hooligan verständlicher Satz Ihrerseits lautet...

    "Das ist doch keine sportliche Begeisterng mehr sondern hirntotes Handeln das unterbunden werden muss."

    Es gab Zeiten zu denen ich mich wöchentlich um Karten für die "alte Dame Hertha" angestellt habe.

    Heute, zu Zeiten der Schwachmaten, mit dem Enkel im Stadion gesessen, auf fliegende (verbotene ?) Bierbüchsen achtend, hinterrücks angepisst werden, mehr auf die Unversehrtheit eines Enkels achtend als aufs Spielfeld sehend...

    Dieser Sport ist kein Sport mehr, er ist zum Tummelplatz von Hirntamputierten verkommen.
    Wenn sich Vereine zu diesem Thema auf Aufsichtsbehörden berufen, den Staat in der Verantworten sehen, dann verabschieden wir uns doch lieber bis zur Klärung der Verantwortlichkeiten aus den Stadien.
    Bis sich selbstherrliche Manager von ihrer Verharmlosigkeitsorgie verabschieden.

    Glücklicherweise haben wir hier in Berlin Alternativen.
    Die Eisbären, Alba, die Füchse und viele andere erfolgreiche Vereine.

    Überbezahlten Kickern im Stadion zu "Huldigen"
    Nein, nicht mehr.

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    ... im Olympiastadion, wenn die Hertha dort spielte. Aber ich war in den letzten Jahrzehnten in diversen anderen Stadien, vor allem im Norden und Westen der Republik zu Gast. Und ja, dort wurde zu dem Zeitpunkt auch Fußball gespielt ;-)
    Ich muss aufgrund dieser Erfahrung annehmen, dass es sich bei den von Ihnen geschilderten Zuständen um ein spezifisch Berliner Problem handelt.
    Bierbüchsen werden in den Stadien, in denen ich Fußball gucke, schon seit ewigen Zeiten nicht mehr verkauft, dort ist man darauf gekommen, dass sich Plastikbecher bei einer Massenveranstaltung einfach besser machen.
    Angepisst worden bin ich auch noch nicht, weder im Steh- noch im Sitzblock. Vielleicht habe ich's ja aber auch nur nicht gemerkt, ich bin schließlich nur ein tumber, latent gewaltbereiter Fußballfan, was weiß ich denn schon?

    ... geht gleich weiter

  7. Also ich wäre ein klein wenig verärgert wenn ich im Titelfoto bei einer La-Ola-Welle zu sehen bin, und als Neonazi bezeichnet werde.

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  8. Ich vermisse in solchen Artikeln und den verknüpften Debatten die Distanz zum Ort der Geschehnisse, zum Ort eines Symptoms. Genauso wenig wie Drogenhandel ein Problem von Bahnhofsvorplätzen ist, hängen auch Extremismus und Fußballstadien nur unwesentlich zusammen.
    In jeder Gesellschaft gibt es Hinterbühnen, Schauplätze, Ecken und Winkel, von denen eine Magnetwirkung auf bestimmte Phänomene ausgeht. Die Frage von Ursache und Wirkung ist durch den 'Tatort' noch lange nicht beantwortet.
    Um jenen - sicherlich unerwünschten - Entwicklungen aber tatsächlich entgegenzuwirken, ermangelt es seitens der Politik klar an Engagement, um umfassend, subtil, humanistisch und perspektivisch den Dingen auf den Grund zu gehen. Es wird - das ist eine Unterstellung - sogar wissentlich abgewartet, bis sich beispielsweise in Fußballstadien gewisse kriminelle/extremistische Potenziale bündeln und gruppieren, um sie dann - relativ bequem - erfassen, kontrollieren und gegebenenfalls strafrechtlich verfolgen zu können: Also warten, bis es irgendwo knallt.

    Es ist bekannt, welche Strategien beispielhaft die NPD in Sachsen-Anhalt anwendet. Credo: Die desorientierte Jugend mit plakativen Slogans und "Schulhof-CDs" an sich zu binden. Welch ein Nährboden!
    Dass sich allerdings die Bundeszentrale für politische Bildung oder gemäßigte Parteien bequemen, um (vielleicht sogar mit eigenen "Schulhof-CDs") diesem Drama ein Gegengewicht zu setzen und also nahendes Unheil zu verhindern, ist mir bisher nicht bekannt.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bundesliga | Fußball | Eintracht Braunschweig | FC Schalke 04 | DFL | Hooligan
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