Adler: Sagt Ihnen der Name Sparwasser etwas? Vor der Wende konnten sich DDR-Fußballer halt nur selten mit dem Westen messen, dazu gab es noch die Einmischung der Stasi zugunsten Dynamo Berlins. Doch Fußballer wie Kirsten, Sammer, Thom, Doll, später Ballack, Rehmer, Jeremies, Borowski, Schneider, Beinlich, Fritz – das waren tragende Säulen der Bundesliga.

ZEIT ONLINE: Der heutige Osten kennt aber nur die Zweite Liga, höchstens.

Adler: In Dresden entsteht wieder was, auch in Cottbus. Und ich hoffe auf den RB Leipzig. Es wäre schön, wenn ich als HSV-Torwart wenigstens ein Mal in meiner Heimatstadt spielen würde. Leipzig ist ein sportbegeisterter Traditionsstandort, dort wird schon in der Zweiten Liga jedes Spiel ausverkauft sein. Ich kenne natürlich auch die dortige Debatte: Der Kapitalismus macht alles kaputt und so weiter. Aber ohne Geld läuft's halt nicht.

ZEIT ONLINE: Das kann doch nicht der einzige Faktor sein. Auch andere Regionen sind strukturschwach. Trotzdem spielen Dortmund und Schalke Erste Liga, Champions League.

Adler: Wirtschaftliche Gründe sind auch nicht die einzige Erklärung, im Osten fehlt auch die Infrastruktur. Ich erinnere mich an meine Fußballkindheit, meine Konkurrenten aus Dortmund und München hatten jeden Tag Torwarttraining, ich in Leipzig nie. Deswegen ging ich im Jahr 2000 in den Westen, ähnlich wie andere Talente, etwa Marcel Schmelzer oder Toni Kroos .

ZEIT ONLINE: Haben Sie von der Ausbildung in Leverkusen, also im Westen, profitiert?

Adler: Ohne diese Ausbildung wäre ich nie Fußballprofi geworden. In Deutschland setzt man seit etwa einem Jahrzehnt systematisch auf Jugendförderung: Jugendleistungszentren, Eliteschulen des Sports, Förderung der dualen Karriere Fußball/Schule. Dieses System müssten Wissenschaftler einmal mit den Strukturen des DDR-Sports vergleichen, da kämen sicher einige Parallelen zu Tage. Im Sport könnten sicher einige vom Know-How des Ostsports profitieren. Aber ich will die DDR nicht schönreden, das politische System, auch der Sport, hat viele Menschen gebrochen. Das war die Kehrseite des Erfolgs: Es wurde knallhart ausgewählt, man setzte nicht zuletzt auf Doping.

ZEIT ONLINE: Die Debatte scheint tabuisiert. Es gibt Leute, die behaupten, die ostdeutsche Identität sei allenfalls so bedeutend wie die nord- oder süddeutsche, also ein rein regionaler Faktor.

Adler: Seine ostdeutsche Geschichte schüttelt man nicht einfach ab. Ich weiß, dass das ein heikles Thema ist. Mich beäugen zwei Seiten: Vielleicht fühlt sich ein Westdeutscher angegriffen, vielleicht widerspricht mir ein Ostdeutscher, der die DDR wirklich erlebt hat. Im Alltag diskutiere ich jedenfalls häufig über dieses Thema. Meine Freundin ist aus Köln , sie stammt aus einer Künstlerfamilie, ihre Mutter ist Türkin. Die sehen viele Sachen entspannter, meine Freundin war viel mehr Kind als ich das war. Mein bester Freund und mein Bruder hingegen sind aus dem Osten, die sind wie ich. Wir sitzen oft alle zusammen und führen abendfüllende Ost-West-Debatten.