René Adler"Meine Muttermilch ist aus dem Osten"

René Adler ist 1985 geboren, doch fühlt er sich durch seine DDR-Herkunft geprägt. Ein Alles-außer-Fußball-Gespräch über Ost-Identität und wie sie sich im Sport äußert. von 

René Adler: "Seine ostdeutsche Geschichte schüttelt man nicht einfach so ab."

René Adler: "Seine ostdeutsche Geschichte schüttelt man nicht einfach so ab."  |  © Jörn Pollex/Bongarts/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Adler , Sie wurden erstmals seit zwei Jahren wieder zur Nationalmannschaft berufen. Was bedeutet das für Sie?

René Adler: Vor einem halben Jahr war ich einem Karriereende relativ nah. Ich war nicht so größenwahnsinnig, im Krankenhaus von der Nationalmannschaft zu träumen.

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ZEIT ONLINE: Am Freitag haben wir den dreiundzwanzigsten Jahrestag des Mauersturzes gefeiert. Sie sind in Leipzig geboren, fühlen Sie sich als Ostdeutscher?

Adler: Ja, ich bin ein Ossi. Ich lebe in Hamburg , ich liebe Hamburg. Aber Leipzig ist meine Heimat, dort sind meine Wurzeln, Herkunft ist mir wichtig. Aus dem Osten zu kommen, kann ein Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen. Ich habe das mehrfach in Mannschaften erlebt, dass sich die drei oder vier Spieler aus dem Osten sofort zusammengetan haben. Der Hamburger Platzwart ist aus Cottbus , wir haben uns auf Anhieb gut verstanden.

ZEIT ONLINE: Sie sind Jahrgang 1985, haben Sie Erinnerungen an die DDR?

Adler: Ein paar, etwa dass uns die Großtante aus Saarbrücken Kinderschokolade, Überraschungseier und Rennautos schickte.

Alles außer Fußball

Alles außer Fußball ist die Kolumne von René Adler, Thomas Hitzlsperger und Arne Friedrich. Einmal im Monat geben wir während der Bundesliga-Saison einem das Wort. Sie sollen und wollen nicht das Tagesgeschäft kommentieren, klassische Fußballerkolumnen gibt es genug. Alles außer Fußball ist der Versuch, Fußballer Fußball als gesellschaftliches Phänomen betrachten zu lassen. Hier finden Sie alle Gespräche.

Alles über Fußball

Als Pendant zu den Kolumnengesprächen mit Fußballern sprechen wir in der Serie Alles über Fußball mit einem Prominenten aus Politik, Wirtschaft oder Kultur über ihre Beziehung zum Lieblingssport der Deutschen.

Alle bisherige Interviews u. a. mit Dieter Hildebrandt,Omid Nouripour, Markus Kavka, Franzi van Almsick, Wolfgang Bosbach, Daniel Brühl lesen Sie hier nach.

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Die Gespräche mit den Alles-außer-Fußball-Kolumnisten stehen Ihnen auch als E-Book nach dem Download jederzeit und überall zur Verfügung.

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ZEIT ONLINE: Haben Ostdeutsche eine spezielle Identität?

Adler: Ich will nicht pauschal urteilen, auch gibt es immer Gegenbeispiele. Aber mein Eindruck ist, dass es spezielle Unterschiede zwischen West und Ost gibt. Mancher aus dem Osten ist härter, das ist in einigen von uns noch drin. Für mich gab und gibt es nur eins: besser werden, Erfolg. Das war mir schon als achtjähriger Fußballknirps wichtiger als der Spaß. Man lebt, um zu arbeiten. Ich meine das übrigens wertfrei.

ZEIT ONLINE: Sie haben den größten Teil Ihrer Sozialisation im vereinigten Deutschland erfahren.

Adler: Meine Lehrer und Trainer sind im DDR-System groß geworden. Zudem ist meine Muttermilch aus dem Osten. Ich habe miterlebt, wie meine Mutter sich für uns Kinder aufopferte. Noch als Schwangere schob sie beim Hausbau den Schubkarren, ohne zu jammern. Ich bewundere sie, sie ist bedeutend härter als ich.

ZEIT ONLINE: Wie macht sich die ostdeutsche Art im Sport bemerkbar?

Adler: Sport war in der DDR die einzige Möglichkeit, nach draußen zu kommen. Das hat den Charakter vieler Sportler geprägt. Einstecken, Durchbeißen, Willen zeigen. Es ist aber ein schmaler Grat zwischen gesundem Ehrgeiz und Verbissenheit. Zur westdeutschen Mentalität gehört meiner Erfahrung nach eher, entspannter mit vielem umzugehen.

ZEIT ONLINE: Kennen Sie andere ostdeutsche Sportler, die genauso denken?

Adler: Ich kenne viele, zum Beispiel Ruderer, Leichtathleten, Schwimmer. Mehr als die Hälfte der deutschen Olympiateilnehmer ist ja aus dem Osten. Vor ihnen habe ich großen Respekt, sie zeigen maximalen Einsatz bei minimalem Ertrag. Da hab ich's leicht. Wenn die sich über ihre finanziellen Bedingungen beschweren, kann ich das verstehen. Denn ihre Konkurrenten, etwa aus den USA , sind Vollprofis. Und wenn die Deutschen keine Medaillen holen, wird dennoch geklagt.

ZEIT ONLINE: Ist Fußball ein Sonderfall? Der DDR-Fußball kannte keinen Pelé oder Cruyff, Cantona oder Maradona, es gab keinen ostdeutschen Beckenbauer oder Littbarski.

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