SV SandhausenEin Metzger als Vizepräsident

Mit 14.500 Einwohnern ist Sandhausen der kleinste Standort im deutschen Profifußball. Ein Rundgang durch das Städtchen, das sich als Gegenentwurf zu Hoffenheim sieht. von Dominik Bardow

Ein Rundgang durch Sandhausen dauert etwas länger. Zumindest für Frank Löning, obwohl man das Dorf zu Fuß in weniger als einer halben Stunde durchqueren kann, immer die Hauptstraße entlang. Doch Löning ist Kapitän des Zweitligavereins SV Sandhausen, und nicht nur deshalb muss er pausenlos Leute grüßen, hier im kleinsten Ort des deutschen Profifußballs. "Guten Tag, Herr Löning!" "Hallo Frank!" Ständig hebt der 31-Jährige, blond, gebräunt, kräftig, die Hand und lächelt ein breites Lächeln. 14.500 Menschen leben hier, die meisten sind sich bekannt. "Ich kenne in jedem zweiten Auto wen, auch mit Vornamen", sagt Lönung. Also schnell weiter, "auch wenn es nicht viel zu sehen gibt".

So barock wie Heidelberg, acht Kilometer weiter nördlich, ist Sandhausen nicht. Eine Schule im Jugendstil, das alte Rathaus und die alte Synagoge liegen an einem kleinen Platz mit Brunnen, das war’s an Sehenswürdigkeiten. Rundherum prägen graue, weiße und grauweiße Häuser aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren das Bild. Sandhausen sieht aus wie viele Dörfer hier in der Gegend: sauber, aber ohne viel Glanz. Im Hintergrund hängt Nebel über den Feldern.

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Löning geht im blauen Mantel den schmalen Gehweg entlang und muss aufpassen, dass ihn keines der Autos auf der Hauptstraße überfährt. Viele brausen hier schnell durch, fast 90 Prozent der Sandhäuser arbeiten andernorts. Mittags sind wenig Menschen unterwegs, die Läden haben geschlossen. Löning trifft seinen ehemaligen Nachbarn und fragt dessen kleinen Sohn, ob es ihm schon besser gehe. Der gebürtige Ostfriese ist einer der wenigen aus der Mannschaft, die im Ort leben, die meisten wohnen rundherum, im Radius von ein paar Kilometern, in dem dichten Flickenteppich aus den Dörfern in der Rhein-Neckar-Metropolregion oder in Heidelberg.

Ein Stadion in das mehr Leute passen, als der Ort Einwohner hat

Normalerweise ist Löning mit dem Fahrrad unterwegs, von seiner Doppelhaushälfte radelt er zum Training. "Ich mag die kurzen Wege", sagt der Stürmer. Zum Verein hat er es nicht weit. Dort, wo die Hauptstraße den Ort verlässt und zur Landstraße wird, beginnt der Hardtwald. Auf der rechten Seite, noch vor dem Seniorenheim und dem Friedhof, liegt ein Gebäudekomplex, der mit seinen Fertigflachbauten und Containern aussieht wie ein Bauhof oder ein Sägewerk. Es sind Stadion, Vereinsgaststätte und Geschäftsstelle des SV Sandhausen. Fast alles neu. Früher staubten hier die Sanddünen, die dem Ort seinen Namen gaben.

Nun hat der Klub sein Stadion gerade für 12.000 Zuschauer ausgebaut. Laut Zweitligaauflagen müssen es 15.000 werden, mehr als der Ort Einwohner hat. Eine neue Stehplatz- und Vip-Tribüne kamen hinzu. Nur die Gegengerade fehlt fast komplett, über wenigen Reihen neigen sich Kiefern zum Spielfeld, davor ein wellblechener Hochsitz, als wollte auch der Förster zuschauen. Sandhausen kann jeden Zuschauer gebrauchen. Etwas weniger als 4.000 kamen zu den Zweitligaspielen, der schlechteste Schnitt der Liga. Gehofft hatte der Klub auf 6.000, immerhin doppelt so viel wie in Liga drei. "Wenn beim Aufwärmen nur ein paar Hundert Fans da sind und man hört fast jeden Furz auf der Tribüne, denkt man manchmal schon: Super Stimmung heute", sagt Löning.

Am Freitag kam der Bundesliga-Absteiger Hertha BSC. Größer konnte der Kontrast kaum sein. Hertha hat 30.000 Mitglieder, Sandhausen 700. Der Hauptstadtverein hat mit 16.000 mehr Dauerkarten verkauft, als Sandhausen Einwohner hat. 8.300 Zuschauer kamen ins Hardtwaldtstadion – Saisonbestmarke. Durch das 1:6 fiel der SV auf den letzten Rang der Zweiten Liga. "Die meisten kamen, um Hertha zu sehen", sagt Löning. Ein harter Kern unterstützt die Mannschaft seit Oberligazeiten, "die machen schon Radau, auch wenn das nur 1.000 sind", der Rest kommt aus den umliegenden Dörfern, weniger aus der Akademikerstadt Heidelberg, aus Neugier und eher zum Gucken.

Zumindest die, die nicht lieber in der Bundesliga Hoffenheim zuschauen. Der Verein gräbt viele Fans und Sponsoren ab. Sinsheim liegt eine halbe Autostunde entfernt, im nächsten Ort Walldorf liegt die Zentrale von SAP. Der Unternehmensgründer und Mäzen Dietmar Hopp wollte 2005 die drei Vereine fusionieren lassen, aber Sandhausen wollte kein Farmteam werden. "Sandhausen ist gewachsen, Hoffenheim ist Dietmar Hopp", lästern die Fans in der Vereinsgaststätte, die sich ansonsten einfach nur freuen, die große Fußballwelt zu sehen.

Die Fußballatmosphäre muss aber noch weiter wachsen in Sandhausen. Nach vier Monaten Umbau werden im Stadion noch die letzten Rohre verlegt, einige Fans halfen im Sommer mit beim Umbau. Über Stahltreppen kommt man ins Innere der neuen Haupttribüne, dort riecht es nach Farbe und Putzmittel, nach frisch fertiggestellt, wie der Verein. Doch auch die Tradition ist da, gerahmte Fotos von der Amateurmeisterschaft 1978 und 1993, mit Autogrammen.

Leserkommentare
  1. Machmeiers Vision ist, "dass sich Sandhausen langfristig in der Zweiten Liga etabliert und in drei Jahren autark wird, ohne finanzielle Beihilfe von mir"

    Ist doch dasselbe in bisschen weniger! Hoffenheim sei Hopp, Sandhausen sei gewachsen. Gut, aber Hoffenheim wächst auch, nur eben während sie in Liga 1 kicken.

    Ohne Investoren geht es nicht, ob Hopp oder Audi oder T-Com oder was auch immer. In jeden Verein werden von allen Seiten Millionen reingepumpt, da muss man sich nicht so scheinheilig über Hoppenheim aufregen.

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    • lxththf
    • 11. November 2012 16:44 Uhr

    besonders, wenn man sich zum Beispiel mal die "Traditionsvereine" genau anschaut. VanderVaart kam nicht zurück zum HSV, weil ihm die Stadt so toll gefiel, sondern weil er ordentlich Geld dafür bekommt. Bayerns Finanzkraft resultiert aus der Mischung zwischen sportlichen Erfolgen der Vergangenheit und den potentesten Sponsoren. Schalke und der Gaspromdeal sei auch nebenbei erwähnt.
    Es ist sinnlos immer auf Hoffenheim rumzuhacken, denn ob nun ein privater Investor oder eine Firma Geld in einen Verein pumpt ist im Grunde egal.

    • lxththf
    • 11. November 2012 16:44 Uhr

    besonders, wenn man sich zum Beispiel mal die "Traditionsvereine" genau anschaut. VanderVaart kam nicht zurück zum HSV, weil ihm die Stadt so toll gefiel, sondern weil er ordentlich Geld dafür bekommt. Bayerns Finanzkraft resultiert aus der Mischung zwischen sportlichen Erfolgen der Vergangenheit und den potentesten Sponsoren. Schalke und der Gaspromdeal sei auch nebenbei erwähnt.
    Es ist sinnlos immer auf Hoffenheim rumzuhacken, denn ob nun ein privater Investor oder eine Firma Geld in einen Verein pumpt ist im Grunde egal.

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