SV SandhausenEin Metzger als Vizepräsident
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Im Sommer wurde ihnen der Europameister Charisteas angeboten

Gerd Dais nimmt seinen Schlüsselbund und schließt eine Tür auf. Sandhausens 49 Jahre alter Trainer sieht aus wie eine gemütlichere Version von Jürgen Klopp, blonde Haare, Badeschlappen, der schwarze Trainingsanzug spannt. An Spieltagen muss Dais sein Trainerbüro räumen, da funktioniert es als Schiedsrichterumkleide. Das Improvisieren ist er gewohnt, er arbeitet bereits zum dritten Mal im Verein. Auch als der Verein jahrzehntelang in der Oberliga Baden-Württemberg spielte, vor teils nur 250 Zuschauern. Doch "die Ziele und Ambitionen waren groß", sagt er, der Klub wollte in Liga zwei, und er musste gehen, obwohl er den Klub in die Dritte Liga geführt hatte. Sandhausen stieg fast ab, Dais kam zurück und stieg im Sommer auf, als Drittligameister. Jetzt ist sein Verein nach gutem Start Vorletzter, der Mannschaftsetat von knapp fünf Millionen Euro ist der kleinste der Liga, die Mannschaft, praktisch ohne Ablösesummen verstärkt, scheint an ihre Grenzen zu stoßen.

Im Sommer wurde ihnen Europameister Angelos Charisteas angeboten, aber der passte nicht hier her. Dais passt hier her, er ist von hier, ein Kurpfälzer, er sagt "viellaischt" und "Aldernadiiiwe". Wenn Dais mit Vereinsangestellten scherzt, ist sein Dialekt kaum zu verstehen. "Neue Spieler fragen in der Kabine manchmal: Was hat er jetzt gesagt?", erzählt Löning. Auch er hatte seine Probleme mit dem Dialekt, aber mittlerweile kann sich der gelernte Krankenpfleger vorstellen, nach der Karriere zu bleiben. In der wirtschaftsstarken Region gibt es ohnehin mehr Jobs als in der norddeutschen Heimat. "Und in Sandhausen hat man eigentlich alles, was man braucht, man muss hier gar nicht weg", sagt er und zeigt eines der drei Cafés im Ort, in dem frühstücke er oft, den Frisör, der Freunden gehört, die Schule der Kinder und die Metzgerei Balles. Da kauft Löning ein, wenn er für die Familie kocht "oder fürs Mannschaftsgrillen".

Drinnen steht Frank Balles mit Schürze hinter der Fleischtheke. Der 43-Jährige ist Vizepräsident des Vereins. "Früher sagte man hier, man kommt aus der Nähe von Heidelberg", sagt er stolz, "heute kennen die Leute Sandhausen." Die Hotels profitieren von den Buchungen der Gästefans, die Bauern vermieten ihre Felder als Parkplätze. Die Metzgerei hat Balles von seinem Vater übernommen, Erich Balles war bis 1998 Präsident und sitzt im holzvertäfelten Hinterzimmer, an den Wänden Vereinsteller. "Sandhausen ist ein sportbegeistertes Dorf, das immer nach oben strebte", sagt der rundliche 76-Jährige mit dem weißen Haarkranz. Doch eines hat er in rund zwanzig Jahren Amtszeit gelernt. "Wer den Job hat, der muss finanziell flexibel sein und Verbindungen haben, Geld kostet’s immer."

Golf- und Duzfreund von Dietmar Hopp

Das Geld stellt nun ein anderer Präsident. Um zu Jürgen Machmeier zu kommen, muss man die Hauptstraße in die andere Richtung, weg vom Stadion, zum überraschend großen Industriegebiet Sandhausens. Der Bauunternehmer hat seinen Firmensitz in einem grauen Mehrfamilienhaus. Der Mittelständler in blauweißkariertem Hemd hat laut eigener Aussage einen hohen siebenstelligen Betrag in den Verein gesteckt, seit er 1999 das Präsidentenamt übernahm. "Eine Herzensangelegenheit", sagt der 51-Jährige, der ebenso für den Verein gespielt hat wie sein Vater zuvor.

Machmeiers Vision ist, "dass sich Sandhausen langfristig in der Zweiten Liga etabliert und in drei Jahren autark wird, ohne finanzielle Beihilfe von mir". Klingt fast wie bei seinem Golf- und Duzfreund Hopp. Nach der gescheiterten Fusion war ihr Verhältnis angespannt, aber man hat sich angenähert. Einen in der Region derart einflussreichen Mann wie Hopp möchte man nicht zum Feind haben. Hopp hat eine der neuen Logen im Stadion über fünf Jahre für 175.000 Euro gemietet, eine weitere Kooperation ist geplant, Spieler könnten ausgeliehen werden.

Die Fans sind da skeptisch. "Die Rivalität ist groß", sagt Löning auf dem Weg zurück zu seinem Haus, der Stürmer ist Ehrenmitglied im Fanklub und weiß, dass sie die Hoffenheimer hier Hoppeldeppen nennen. "Aber die Fans vergessen manchmal, dass es ohne Machmeier hier vorbei wäre mit Fußball." Dann wäre Sandhausen nur noch ein Dorf. Wenn auch ein sehr freundliches, das man nicht so schnell durchqueren kann.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Machmeiers Vision ist, "dass sich Sandhausen langfristig in der Zweiten Liga etabliert und in drei Jahren autark wird, ohne finanzielle Beihilfe von mir"

    Ist doch dasselbe in bisschen weniger! Hoffenheim sei Hopp, Sandhausen sei gewachsen. Gut, aber Hoffenheim wächst auch, nur eben während sie in Liga 1 kicken.

    Ohne Investoren geht es nicht, ob Hopp oder Audi oder T-Com oder was auch immer. In jeden Verein werden von allen Seiten Millionen reingepumpt, da muss man sich nicht so scheinheilig über Hoppenheim aufregen.

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    • lxththf
    • 11. November 2012 16:44 Uhr

    besonders, wenn man sich zum Beispiel mal die "Traditionsvereine" genau anschaut. VanderVaart kam nicht zurück zum HSV, weil ihm die Stadt so toll gefiel, sondern weil er ordentlich Geld dafür bekommt. Bayerns Finanzkraft resultiert aus der Mischung zwischen sportlichen Erfolgen der Vergangenheit und den potentesten Sponsoren. Schalke und der Gaspromdeal sei auch nebenbei erwähnt.
    Es ist sinnlos immer auf Hoffenheim rumzuhacken, denn ob nun ein privater Investor oder eine Firma Geld in einen Verein pumpt ist im Grunde egal.

    • lxththf
    • 11. November 2012 16:44 Uhr

    besonders, wenn man sich zum Beispiel mal die "Traditionsvereine" genau anschaut. VanderVaart kam nicht zurück zum HSV, weil ihm die Stadt so toll gefiel, sondern weil er ordentlich Geld dafür bekommt. Bayerns Finanzkraft resultiert aus der Mischung zwischen sportlichen Erfolgen der Vergangenheit und den potentesten Sponsoren. Schalke und der Gaspromdeal sei auch nebenbei erwähnt.
    Es ist sinnlos immer auf Hoffenheim rumzuhacken, denn ob nun ein privater Investor oder eine Firma Geld in einen Verein pumpt ist im Grunde egal.

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