Der Schiedsrichter Burkhard Bock © David Oliveira

Burkhard Bock glaubte, dass seine Freunde nie erfahren würden, was er wirklich denkt. Seit mehr als vierzig Jahren ist er im Fußball aktiv, als Spieler, Funktionär, Schiedsrichter. Anfang August dieses Jahres steht er in einem schmucklosen Schulungsraum in der kleinen Gemeinde Sommerfeld. Zur Eröffnung der Saison spricht er vor fünfzig Schiedsrichtern aus dem nördlichen Brandenburg über Regeln und Spielpläne. Er ist mit seinen Gedanken nicht bei der Sache, sein Herz pocht, seine Stimme zittert. Er will sich durchringen, er möchte die Wahrheit rauslassen.

Nach zwei Stunden kramt Burkhard Bock einen Zettel hervor. Er hatte zu Hause Stunden gebraucht, um den Text zu formulieren, er hat Zeilen verworfen und wieder hinzugefügt, er hat laut gelesen, auf seine Körperhaltung geachtet. Die Schiedsrichter schauen ihn in Sommerfeld neugierig an und dann beginnt er, seinen Text vorzulesen: "Weil im Sport Fairness, Respekt, Vertrauen, Zusammenhalt und der offene Umgang miteinander so wichtig sind, möchte ich heute eine sehr persönliche Erklärung abgeben." Er ist konzentriert, hält den Zettel mit beiden Händen fest, blickt kaum nach oben. "Ja, ich bin schwul und ich bitte euch, diese Tatsache einfach nur zur Kenntnis zu nehmen. Ich bitte auch weiterhin um euer Vertrauen und einen respektvollen Umgang miteinander."

Langsam setzt Applaus ein, und der Applaus wird immer lauter. Burkhard Bock schaut zu Boden, er kann nicht erkennen, ob seine Kollegen es mit der Zustimmung ernst meinen. Einige von ihnen stehen auf, reichen ihm die Hand, umarmen ihn. Burkhard Bock kann sich nicht erinnern, jemals eine solche Erleichterung verspürt zu haben. Sein Versteckspiel ist vorbei, nach mehr als drei Jahrzehnten.

Wenn er an die Jahre der Selbstleugnung denkt, kommen ihm die Tränen

Im Fußball geht es um Tore, Siege, Meisterschaften, um Stärke, Männlichkeit, Macht. Und Homosexualität? Gilt für viele als Schwäche. Vor wenigen Wochen schilderte ein schwuler Bundesligakicker in Fluter, dem Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung, anonym seine Angst vor dem Coming-out. Er wisse nicht, ob er den Druck bis zum Ende seiner Karriere aushalten könne. Bislang hat sich kein namhafter Profi öffentlich zum Schwulsein bekannt, wohl aus Angst vor Diskriminierung und dem Verlust von Sponsoren. Im Amateurfußball, betont Burkhard Bock, ist die Lage kaum anders.

Ein verregneter Samstag in Zehdenick, sechzig Kilometer nördlich von Berlin. Burkhard Bock legt seine schwarze Sporttasche in einer engen Kabine auf einer Holzbank ab, er soll als Assistent des Schiedsrichters die Linie ablaufen und bei strittigen Spielszenen die Fahne heben. Der SV Zehdenick 1920 trifft auf den FSV Schorfheide Joachimsthal in der Landesklasse Nord, in der achten Liga. Einige Zuschauer wärmen sich in der Vereinskneipe. Neben der Pokalvitrine hängen Mannschaftsfotos und Werbeschilder von Biermarken. Die Tische sind in den bayrischen Landesfarben gedeckt, der Wirt trägt Lederhose und serviert Leberkäse. Der SV Zehdenick feiert Oktoberfest. Zwei Frauen sind zwischen den Männern in der Kneipe zu sehen, beide stehen hinter der Theke.

Burkhard Bock, 53 Jahre alt, nimmt in der letzten Reihe Platz und erzählt seine Geschichte. Er bereist die Fußballplätze Brandenburgs seit seiner Kindheit. Er kennt jeden im Sport, und jeder kennt ihn. Er ist ein Mann von kräftiger Statur. Stoppelfrisur, Schnurbart, freundliche Augen. Er antwortet leise, präzise, schweift nie ab, als würde er lange Reden als aufdringlich empfinden. Sein Coming-out ist nun zwei Monate her, vermutlich hat es sich noch nicht überall herumgesprochen.

Burkhard Bock beobachtet nun, wie andere ihn beobachten. Er glaubt, dass sich einige Kollegen von ihm abwenden, sich seltener melden, andere dafür umso öfter. "Ich werde weiter genau auf mein Verhalten achten", sagt er. "Aber endlich kann ich offen darüber sprechen." Er sehnt sich nach Normalität. Wobei er nicht weiß, was das eigentlich sein soll, Normalität. Wenn er an die Jahre der Selbstleugnung denkt, kommen ihm die Tränen.