Burkhard Bock glaubte, dass seine Freunde nie erfahren würden, was er wirklich denkt. Seit mehr als vierzig Jahren ist er im Fußball aktiv, als Spieler, Funktionär, Schiedsrichter. Anfang August dieses Jahres steht er in einem schmucklosen Schulungsraum in der kleinen Gemeinde Sommerfeld. Zur Eröffnung der Saison spricht er vor fünfzig Schiedsrichtern aus dem nördlichen Brandenburg über Regeln und Spielpläne. Er ist mit seinen Gedanken nicht bei der Sache, sein Herz pocht, seine Stimme zittert. Er will sich durchringen, er möchte die Wahrheit rauslassen.

Nach zwei Stunden kramt Burkhard Bock einen Zettel hervor. Er hatte zu Hause Stunden gebraucht, um den Text zu formulieren, er hat Zeilen verworfen und wieder hinzugefügt, er hat laut gelesen, auf seine Körperhaltung geachtet. Die Schiedsrichter schauen ihn in Sommerfeld neugierig an und dann beginnt er, seinen Text vorzulesen: "Weil im Sport Fairness, Respekt, Vertrauen, Zusammenhalt und der offene Umgang miteinander so wichtig sind, möchte ich heute eine sehr persönliche Erklärung abgeben." Er ist konzentriert, hält den Zettel mit beiden Händen fest, blickt kaum nach oben. "Ja, ich bin schwul und ich bitte euch, diese Tatsache einfach nur zur Kenntnis zu nehmen. Ich bitte auch weiterhin um euer Vertrauen und einen respektvollen Umgang miteinander."

Langsam setzt Applaus ein, und der Applaus wird immer lauter. Burkhard Bock schaut zu Boden, er kann nicht erkennen, ob seine Kollegen es mit der Zustimmung ernst meinen. Einige von ihnen stehen auf, reichen ihm die Hand, umarmen ihn. Burkhard Bock kann sich nicht erinnern, jemals eine solche Erleichterung verspürt zu haben. Sein Versteckspiel ist vorbei, nach mehr als drei Jahrzehnten.

Wenn er an die Jahre der Selbstleugnung denkt, kommen ihm die Tränen

Im Fußball geht es um Tore, Siege, Meisterschaften, um Stärke, Männlichkeit, Macht. Und Homosexualität? Gilt für viele als Schwäche. Vor wenigen Wochen schilderte ein schwuler Bundesligakicker in Fluter, dem Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung, anonym seine Angst vor dem Coming-out. Er wisse nicht, ob er den Druck bis zum Ende seiner Karriere aushalten könne. Bislang hat sich kein namhafter Profi öffentlich zum Schwulsein bekannt, wohl aus Angst vor Diskriminierung und dem Verlust von Sponsoren. Im Amateurfußball, betont Burkhard Bock, ist die Lage kaum anders.

Ein verregneter Samstag in Zehdenick, sechzig Kilometer nördlich von Berlin. Burkhard Bock legt seine schwarze Sporttasche in einer engen Kabine auf einer Holzbank ab, er soll als Assistent des Schiedsrichters die Linie ablaufen und bei strittigen Spielszenen die Fahne heben. Der SV Zehdenick 1920 trifft auf den FSV Schorfheide Joachimsthal in der Landesklasse Nord, in der achten Liga. Einige Zuschauer wärmen sich in der Vereinskneipe. Neben der Pokalvitrine hängen Mannschaftsfotos und Werbeschilder von Biermarken. Die Tische sind in den bayrischen Landesfarben gedeckt, der Wirt trägt Lederhose und serviert Leberkäse. Der SV Zehdenick feiert Oktoberfest. Zwei Frauen sind zwischen den Männern in der Kneipe zu sehen, beide stehen hinter der Theke.

Burkhard Bock, 53 Jahre alt, nimmt in der letzten Reihe Platz und erzählt seine Geschichte. Er bereist die Fußballplätze Brandenburgs seit seiner Kindheit. Er kennt jeden im Sport, und jeder kennt ihn. Er ist ein Mann von kräftiger Statur. Stoppelfrisur, Schnurbart, freundliche Augen. Er antwortet leise, präzise, schweift nie ab, als würde er lange Reden als aufdringlich empfinden. Sein Coming-out ist nun zwei Monate her, vermutlich hat es sich noch nicht überall herumgesprochen.

Burkhard Bock beobachtet nun, wie andere ihn beobachten. Er glaubt, dass sich einige Kollegen von ihm abwenden, sich seltener melden, andere dafür umso öfter. "Ich werde weiter genau auf mein Verhalten achten", sagt er. "Aber endlich kann ich offen darüber sprechen." Er sehnt sich nach Normalität. Wobei er nicht weiß, was das eigentlich sein soll, Normalität. Wenn er an die Jahre der Selbstleugnung denkt, kommen ihm die Tränen.

Spiel mit einer unsichtbaren Maske

Im Alter von sieben Jahren beginnt Burkhard Bock mit Fußball. Für Traktor Lychen läuft er als Libero auf, als letzter Schutzmann vor dem Torwart. Mit zwölf stirbt seine Mutter an einem Gehirntumor, er verliert seine wichtigste Bezugsperson. In seiner Trauer flüchtet er in den Alkohol. Es bricht eine Zeit an, in der Burkhard Bock sich für verrückt hält, krank, aussätzig. Er fühlt sich zu Männern hingezogen, wünscht sich Zärtlichkeit. Doch im Fußball kämpfen Männer aus Nachbardörfern mit stolz geschwellter Brust um den Sieg, näher kommen sie sich höchstens beim Torjubel. Zärtlichkeit? Absolut tabu.

Burkhard Bock spielt in seiner Jugend mit einer unsichtbaren Maske, er grätscht und plustert sich auf. Er kontrolliert seine Körpersprache, seinen Händedruck, seine Stimme. "Ich wollte auf keinen Fall weich wirken", sagt er. Er versteckt sich, obwohl ihn eigentlich niemand sucht. Wenn jemand beim Tanzabend eine Schlägerei anzettelt, mischt er an vorderster Front mit. Wenn jemand einen Schwulenwitz erzählt, lacht er am lautesten. Wenn jemand von seiner Freundin prahlt, äußert er Bewunderung. Er lässt sich mit Frauen in der Kaufhalle sehen, doch abends, wenn er allein ist, bricht er in Tränen aus. Er fühlt sich auf seinen Schatten reduziert, wie ein Anhängsel. In Neubrandenburg tritt er eine Ausbildung zum Kellner an, später leistet er seinen Wehrdienst in Potsdam ab. Er trinkt weiter, immer mehr, bis seine Gedanken zerfließen. Bald braucht er morgens eine Flasche Wodka, um seine zitternden Hände zu beruhigen.

Irgendwann macht die Leber nicht mehr mit. Mit Mitte zwanzig landet er in der Klinik, zehn Tage liegt er im Koma. Danach geht es aufwärts, zumindest körperlich, Burkhard Bock wird nie wieder Alkohol anrühren. Er ist nun bei klaren Gedanken, grübelt Nacht für Nacht. In Köln, während einer Reise zu einer Tante, besucht er 1987 zum ersten Mal eine Schwulenbar. Er blättert in Sexzeitschriften, führt Gespräche, klärt sich auf. Er kann nicht glauben, wie offen Männer in seiner Situation leben können. Für einen Moment überlegt er, im Westen zu bleiben, doch er möchte seine Familie vor Problemen mit der Stasi bewahren. Er kehrt in die Uckermark zurück, isoliert sich. In seinem Wohnort Lychen, einem Städtchen mit dreieinhalb Tausend Einwohnern, kennt jeder jeden.

Mit Mitte dreißig noch nie eine Beziehung

Die Mauer fällt, die DDR ist Geschichte, und Burkhard Bock stürzt sich in Arbeit. Er fängt beim Kreissportbund als Geschäftsführer an, ist für 12.000 Mitglieder und 140 Vereine zuständig. Er ist den ganzen Tag auf Versammlungen unterwegs. Selbst kickt er nicht mehr, stattdessen läuft er als Schiedsrichter auf. So bleibt er aktiv, ohne im Korsett einer Mannschaft unter Beobachtung zu stehen. Er mag es, auf dem Platz mit seiner Pfeife das letzte Wort zu haben. Doch zu sehr möchte er auch nicht im Mittelpunkt stehen, er verteilt selten Rote Karten, geht Streitigkeiten aus dem Weg. Er will nicht, dass Spieler sich genauer mit ihm beschäftigen und herausfinden könnten, dass er anders ist als sie. Ein schwuler Schiri wäre eine Lachnummer und hätte keine Autorität. Das redet er sich ein.

Burkhard Bock ist nun Mitte dreißig und hatte noch nie eine ernsthafte Beziehung. Er übernimmt neue Ehrenämter, wird Chef des Fußball-Kreisverbandes Westuckermark, leitet den Lychener Sportverein. Er bildet Schiedsrichter aus, entwirft Spielpläne, pflegt Statistiken. Am Wochenende, wenn er keine Spiele leitet, schreibt er für die Lokalzeitung Artikel über Wettkämpfe, im Handball, Boxen, in der Leichtathletik. Zehn Stunden ist er täglich unterwegs, mindestens. Er ist beliebt, gilt als verlässliche Führungskraft. Jeder kennt ihn im Landkreis, und doch kennt ihn niemand. "Ich konnte nicht fröhlich sein", sagt Burkhard Bock. "Ich hatte keine wirklichen Freunde." Er gibt niemandem, mit dem er sich wirklich austauschen kann. Sein Selbstvertrauen bleibt auf der Strecke. Jahrelang.

Vor der Fußball-WM 2006 in Deutschland berichten Medien über schwule Fußballer, sie spekulieren und mutmaßen. 2008 schildert der ehemalige DDR-Jugendnationalspieler Marcus Urban, wie seine Homosexualität eine große Karriere unmöglich gemacht hat. Burkhard Bock sieht Urban 2010 in einer Fernsehtalkshow, er besorgt sich dessen Biografie. "Ich habe mich an vielen Stellen wieder gefunden und wusste nun: Ich bin nicht allein." Burkhard Bock hadert damals, wägt ab, schreibt Urban schließlich eine E-Mail und bekennt sich als schwul. Das Geheimnis ist kein Geheimnis mehr. Sie schreiben sich hin und her, telefonieren, treffen sich zum Kaffee. Und entwerfen einen behutsamen Weg zum Coming-out.

Burkhard Bock vertraut sich auch einer Psychologin an, sein Schutzpanzer bröckelt. Er gibt Partneranzeigen auf, schaut sich in Internetportalen für Homosexuelle um. Auf einer Reise in die Türkei mit anderen Schiedsrichtern sieht er, wie selbstbewusst ein schwuler Kollege auftritt. Doch der Kollege ist mehr als zwanzig Jahre jünger und hat nicht sein halbes Leben in der Provinz einer Diktatur verbracht. Bock fasst Mut, weiht im August 2011 zwei Fußballfreunde ein. Sie sind nicht überrascht, sie unterstützen ihn, haben jederzeit ein offenes Ohr. Aber stehen sie auch für die Mehrheit?

Reduktion auf dümmliche Duschszenen

Burkhard Bock wendet sich an Uckermark Queer, anonym. Der Verein in Templin möchte Schwule und Lesben in der dünn besiedelten Region vernetzen und zeigen, dass ein selbstbestimmtes Leben außerhalb der Metropolen möglich ist. Im Mai dieses Jahres, während eines Festivals, empfängt Victoria Templin in einem Freundschaftsspiel die Kicker von Vorspiel Berlin, des vielleicht größten Schwulensportvereins Europas. Burkhard Bock meldet sich freiwillig, um das Spiel zu pfeifen. Er schaut sich um, lässt die ungezwungene Atmosphäre auf sich wirken, gibt dem Regionalfernsehen sogar ein Interview. Niemand fragt nach seiner Sexualität, zum ersten Mal ist er nicht wirklich froh darüber. Er ist neugierig, möchte sich mitteilen. Und er ist gespannt auf die Reaktionen.

Im August folgt das gut vorbereitete Coming-out vor den Schiedsrichterkollegen in Sommerfeld. Wochen später veröffentlicht die Zeitschrift des Fußball-Landesverbandes Brandenburg ein Interview mit Marcus Urban, darin erwähnt er das Bekenntnis von Burkhard Bock. Die Schlagzeile: "Ein authentisches Leben in Freiheit". Journalisten melden sich bei Bock. Die taz überschreibt eine Geschichte mit den Worten: "Die Angst des Schiris vorm Outing". Der Bayerische Rundfunk interviewt ihn am Telefon.

Jahrzehnte lang hatte Burkhard Bock keine Antworten auf seine Fragen, nun ist er ein Vorbild und gibt anderen Ratschläge. Er will der erste Ansprechpartner in einem Amateurfußballverband gegen Homophobie sein. "Ich ärgere mich, dass ich nicht viel früher den Schritt gewagt habe." Er weiß von mindestens acht Schiedsrichtern in Brandenburg, die auch versteckt schwul leben, einige sind verheiratet und haben Kinder. Bock möchte ihnen Orientierung geben.

Bratwürste nach dem Spiel

Hin und wieder tritt er noch gegen den Ball, in Brieselang, mit anderen Schiedsrichtern. Nach seinem Coming-out schürt ein Mitspieler das Gerücht, Bock würde sich an junge Spieler heranmachen. Tagelang kann er kaum schlafen, wieder sind sie da, diese Zweifel. Er spricht mit Marcus Urban, mit seiner Psychologin, geht in die Offensive: Vor einer Trainingseinheit ergreift er vor der Gruppe das Wort: "Wenn nur einer wünscht, dass ich nicht mehr mitspiele, bleibe ich fern." Das Team spricht sich für ihn aus. Einstimmig. Der Kollege nimmt seine Vorwürfe zurück und entschuldigt sich.

Jede Woche ist Burkhard Bock nur unter Männern aktiv. Der Einsatz als Linienrichter im verregneten Zehdenick geht ohne Probleme über die Bühne, der Gastgeber gewinnt 3:0. Burkhard Bock teilt sich die kleine Kabine mit dem Schiedsrichter und dem zweiten Assistenten, beide sind wesentlich jünger als er. Was sie wohl von ihm halten? Ob sie die weit verbreiteten Klischees teilen und schwule Kicker auf dümmliche Duschszenen reduzieren? Burkhard Bock möchte für sein Engagement beurteilt werden, für seinen Charakter, nicht für seine Sexualität.

Das Schiedsrichter-Trio redet respektvoll miteinander, nach dem Spiel essen sie Bratwürste, klopfen sich auf die Schultern, wünschen sich einen schönen Sonntag. Ein älterer Herr klopft an die Tür und beschwert sich, dass es keinen Elfmeter für Zehdenick gegeben hat. Der Platzwart möchte die Tür abschließen und dreht die Heizung herab. Niemand erwähnt Homosexualität. Die Schiedsrichter haben eine gute Leistung gezeigt, gemeinsam. Vielleicht ist es das, was Burkhard Bock vermisst hat: Normalität. Er hat noch viel Zeit, diese Normalität zu genießen.