Doping in der BRDBesser keine Sporthelden stürzen

Forscher sollten die westdeutsche Doping-Geschichte aufklären. Sie beschuldigten auch die Fußballer von 1954 und 1966. Jetzt ist das Projekt gescheitert. von 

Szene aus dem WM-Finale 1954

Szene aus dem WM-Finale 1954  |  © Bongarts/Getty Images

Es sollte der große Befreiungsschlag werden: Sporthistoriker klären die westdeutsche Dopingvergangenheit auf, historisch, soziologisch, juristisch und ethisch, von 1950 bis heute . So kündigten der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) das Forschungsprojekt im Jahr 2008 an. Dass im DDR-Sport systematisch gedopt wurde, ist längst bekannt. Nun alles Brisante über die BRD bitte, so lautete der Auftrag.

Seit dieser Woche ist klar, das Projekt ist gescheitert. Als das BISp, das dem Innenministerium angegliedert ist, am Dienstag im Berliner Bundespresseamt die Ergebnisse vorstellte, war der wichtigste Teil der Arbeitsgruppe nicht mal eingeladen: das Forscherteam der Berliner Humboldt-Universität , das durch Archivarbeit mit Fallbeispielen Doping in Westdeutschland belegen sollte. Zwar stellte eine zweite Teilgruppe aus Münster ihre Analyse vor, doch das war nur eine Nacherzählung von Medienberichten ohne Erkenntnisgewinn.

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Dabei förderten die Arbeiten der Berliner in den zurückliegenden Jahren heikle Einblicke zutage. Im Jahr 2010 stellten sie erste Ergebnisse zu den fünfziger und sechziger Jahren vor. Sie belegten unter anderem Doping-Forschungen der Universität Freiburg , die die Wirkung von Aufputschmitteln testeten. Ein Jahr später verursachten sie weitere Schlagzeilen und sprachen von "systemischem Doping" in Westdeutschland. Dabei beschuldigten sie das BISp, das Innenministerium und den DOSB, in den siebziger und achtziger Jahren von Doping nicht nur gewusst, sondern es gefördert zu haben.

Daniel Drepper

Der Autor arbeitet für das Recherche-Ressort der WAZ und hatte einige seiner Erkenntnisse bereits am Donnerstag auf der Veranstaltung der Berliner Forscher vorgetragen.

Sie brachten Indizien ans Licht, dass die Fußball-Weltmeister von 1954 mit Pervitin gedopt wurden. Auch drei Vizeweltmeister von 1966 seien gedopt gewesen. Mit diesen Ergebnissen provozierten sie den Widerstand des Deutschen Fußball-Bundes. Der schloss ihnen seine Archive – nicht als einziger Sportverband übrigens – und reagierte mit einem Rechtsgutachten, das den Forschern weitere Behauptungen verbieten will. Diese Helden will man nicht stürzen. Die Berliner Gruppe wehrte sich mit einem Gegengutachten. Sie schont weder große Namen noch ihren Auftraggeber.

Vielleicht auch deswegen reden Forscher und Auftraggeber nur noch über-, nicht mehr miteinander. So luden die Wissenschaftler am Donnerstag zur Gegenveranstaltung an die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Dabei erklärten sie ihren Ausstieg. Es ging um Geld, das fehlte. Und es ging um rechtliche Auflagen. So mussten sie während des Projekts unterschreiben, dass sie dem BISp die Hoheit über Daten zusichern. Sie können also nichts veröffentlichen, wenn es das BISp nicht gestattet.

Eine delikate Situation, da die Behörde selbst von den Forschungen betroffen ist. Solch hohe Hürden hatte es bei der Aufklärung des DDR-Dopings nicht gegeben. Solch hohe Hürden sind ungewöhnlich für Wissenschaftler. Nun bleiben wichtige sporthistorische Ergebnisse der Zeit von 1950 bis 1989 unpubliziert. Mit der spannendsten Phase von 1990 bis 2007 haben die Forscher nicht mal begonnen.

Leserkommentare
    • ebsw
    • 09. November 2012 13:21 Uhr

    nur ein Hund
    der frisst.

    Diesen Gedanken von Wilhelm Busch sollte man im Hinterkopf haben, wenn man obigen Artikel liest. Wer so massiv die Hoheit über Forschungsergebnisse beansprucht, der will keine Öffentlichkeit.

    Also sind die "dummen Ossis" weiterhin die einzigen, die von sich aus den Saustall aufräumen.
    Den Saustall der Gladiatorenschulen - denn etwas anderes ist Leistungssport nicht - nirgendwo. Menschen, die zu hoch trainierten und spezialisierten Kampfmaschinen konditioniert wurden. Einfach menschenunwürdig - ob mit oder ohne Doping.
    Sportler als willfährige Opfer der Unterhaltungsindustrie.

    • TDU
    • 09. November 2012 13:43 Uhr

    Pervitin hat man früher wie AN1 ne Zeitlang genommen und Hausarbeiten oder ander Terminsachen zu erledigen. Das will man doch wohl nicht mit systematischen DDR Doping oder Radsport Praxis vergleichen.

    Das ist das Schlimme in Deutschland, wenn Tugend der Ansatz der Forschung ist. Dann wird jede Tasse Kaffee zum Doping.

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    • Uxmal
    • 09. November 2012 15:08 Uhr

    Sie wollen doch nicht ernsthaft Pervitin (Crystal Meth) verharmlosen?! Das sogar noch ein wesentlich höheres Suchtpotential als Ecstasy hat?? Unglaublich...

    Z.B. war auch Heinrich Böll stark abhängig durch militärisch verabreichtes Pervitin, empfehlenswerte Doku über Pervitin & 2. Weltkrieg:

    http://www.youtube.com/watch?v=ezyGIPbfx5k

    • TDU
    • 09. November 2012 13:47 Uhr

    Und wenn die Anfeuerung der Partnerin oder des Partners anspornende Glücksgefühle mit Hormonausschüttung auslöst, wird der, der keine hat, auch noch Doping beklagen.

  1. .
    Nirgendwo wird derart scheinheilig gelogen wie beim Doping, das immer nur die anderen begehen, klar, wir doch nicht.

    Geld wegnehmen, keine Förderung des Spitzensports mehr, auf keine Weise, egal ob sichs um überteuerte Fussballübertragungsrechteankäufe aus GEZ-Mitteln handelt oder um teure Subventionierung von Spitzensportlern als Bundeswehrler oder Polizisten im Beamtenstatus.

    Echten Sport, also den Breitensport, zu unterstützen hingegen ist ein positives Unterfangen gesellschaftlicher Relevanz, für das dann auch wieder mehr Geld übrig bleibt wenn der Drogenzirkus ersatzlos und für immer geschlossen wird.

    • Uxmal
    • 09. November 2012 15:08 Uhr

    Sie wollen doch nicht ernsthaft Pervitin (Crystal Meth) verharmlosen?! Das sogar noch ein wesentlich höheres Suchtpotential als Ecstasy hat?? Unglaublich...

    Z.B. war auch Heinrich Böll stark abhängig durch militärisch verabreichtes Pervitin, empfehlenswerte Doku über Pervitin & 2. Weltkrieg:

    http://www.youtube.com/watch?v=ezyGIPbfx5k

    Antwort auf "Pervitin"
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    • TDU
    • 10. November 2012 15:04 Uhr

    Bitte bitte! Mir gings um systematisches Dopen. Nicht darum, dass ich eine Lanze dafür brechen würde, fortan jede Terminsache durch diese Mittel zu erledigen. Im übrigen ist es eine allgemeine Frage, warum der eine süchtig wird und der andere nicht.

    Morphium wurde im Krieg jede Menge gegeben bei den schweren Verletzungen. Nicht alle sind süchtig geworden. Ein Arzt aus der erweiterten Familie ja.

    Genau das ist es, was ich beklage. Man wirft alles in einen Topf. Und die "Helden" von Bern bleiben "Helden" auch wenn ein sich paar gedopt hätten. Eine Garantie für guten Fussball ist das lange nicht.

    Das Doping was im Focus stehen sollte ist nicht das einmalige, sondern das planmässige Doping was bei Absetzen das Karrierende bedeuten würde, weil ohne nichts möglich wäre.

    Sei es weil der Athlet trainingsfaul ist oder weil andere seinen Erfolg zu schnell wollen und er selbst ausser acht gelassen wird. Ist das dann etabliert hat keiner hat mehr Efolg ohne.

    Für die Terminsachen genommen wurde es bei manchen nur ein oder zweimal. Rausschieben bis zur letzten Minute und dann "Augen zu und durch". Eigentlich waren also Faulheit, im Grunde Desintersse oder mangelnde Disziplin die Ursache fürs Nehmen.

  2. ...ja so ist das mit Studien, die nicht das Ergebnis bringen, welches der Auftraggeber im Auge hatte.

    Ein Armutszeugnis, vor allem für den DFB und das Innenministerium, aber typisch. Es ist halt viel einfacher mit dem Finger auf den Radsport zu zeigen.

  3. Vielen Dank für den aufschlussreichen Kurzbericht über eine kleine scheinbar unbedeutende Geschichte in der deutschen Anti-Doping-Szene. Klar ist durch die Meldungen der letzten Monate über die Verfahrenseinstellung gegen die Freiburger Ärzte, über Armstrong und die statements seiner Kollegen, über die Kooperation der Verbände mit den Autoren der Studie etc, dass
    (1) Doping nur ausserhalb und gegen die Sportverbände aufgeklärt werden kann,
    (2) Doping im Spitzensport seit vielen Jahren weit verbreitet ist,
    (3) die Ergebnisliste keiner internationalen Meisterschaft von Doping unbeeinflusst ist,
    (4) dass dies von allen grossen Sportverbänden in Dt. ignoriert wird.

    Es muss den Sportverbänden klar sein, dass sie durch dieses bewusste Ignorieren ihrem Sport das Grab schaufeln: Am Radsport wurde demonstriert was dem Sport bei etwas mehr als gewöhnlicher Aufklärung droht: der finanzielle Kollaps.
    Man stelle sich (nur hypothetisch, damit der Beitrag nicht wieder zensiert wird) eine ähnlichen Nachweis von Doping in der Bundesliga vor, mitsamt folgender Milliardenklagen der kleinen, abgestiegenen Vereine vor, zum Beispiel....
    Es hat schlichtweg unvorstellbare Konsequenzen...
    Warum wurde bis heute nicht um den nachgewiesenen Dopingarzt Fuentes ermittelt und veröffentlicht?
    Mit dem gleichen Grund wie im Artikel oben beschrieben.

    • TDU
    • 10. November 2012 15:04 Uhr

    Bitte bitte! Mir gings um systematisches Dopen. Nicht darum, dass ich eine Lanze dafür brechen würde, fortan jede Terminsache durch diese Mittel zu erledigen. Im übrigen ist es eine allgemeine Frage, warum der eine süchtig wird und der andere nicht.

    Morphium wurde im Krieg jede Menge gegeben bei den schweren Verletzungen. Nicht alle sind süchtig geworden. Ein Arzt aus der erweiterten Familie ja.

    Genau das ist es, was ich beklage. Man wirft alles in einen Topf. Und die "Helden" von Bern bleiben "Helden" auch wenn ein sich paar gedopt hätten. Eine Garantie für guten Fussball ist das lange nicht.

    Das Doping was im Focus stehen sollte ist nicht das einmalige, sondern das planmässige Doping was bei Absetzen das Karrierende bedeuten würde, weil ohne nichts möglich wäre.

    Sei es weil der Athlet trainingsfaul ist oder weil andere seinen Erfolg zu schnell wollen und er selbst ausser acht gelassen wird. Ist das dann etabliert hat keiner hat mehr Efolg ohne.

    Für die Terminsachen genommen wurde es bei manchen nur ein oder zweimal. Rausschieben bis zur letzten Minute und dann "Augen zu und durch". Eigentlich waren also Faulheit, im Grunde Desintersse oder mangelnde Disziplin die Ursache fürs Nehmen.

    Antwort auf "Harmlos??"

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