DFB-PräsidentZwanzigers Skandal-Buch

Viele sehen in der Autobiografie Theo Zwanzigers eine Abrechnung. Doch jene, die skandalisieren, wollen offenbar die inhaltliche Kritik überlesen. Von Jens Uthoff von Jens Uthoff

Theo Zwanziger während einer Pressekonferenz im Sommer 2011

Theo Zwanziger während einer Pressekonferenz im Sommer 2011  |  © Wolfgang Kumm, DPA

Es gibt viele Leute, die ihn gerne tief fallen sähen. Auch, wenn sie nicht Hoeneß heißen. Theo Zwanziger war einst mächtigster Mann des deutschen Fußballs. Zunächst galt er als wichtiger Reformer, in den letzten Jahren seiner Präsidentschaft als Mysterium. Kaum noch jemand spricht von seinen ersten Jahren, in denen er geholfen hat, dem deutschen Fußball ein offeneres, toleranteres Gesicht zu geben. "Für mich hat der Fußball sich enttabuisiert und geöffnet, das ist unumkehrbar", sagt Zwanziger. Derzeit kritisiert er die Losung des "Zurück zum Kerngeschäft", mit der sein Nachfolger Wolfgang Niersbach beim DFB reüssierte.

Zwanziger hat am Montag seine Biografie veröffentlicht. Bereits die Vorabdrucke via Bild, zu der Zwanziger schon zu Amtszeiten hervorragende Beziehungen unterhielt, haben für Diskussionen gesorgt. Die Zwanziger Jahre heißt die komplette Schrift – im Titel wird bereits dick aufgetragen. Zwanziger, seit 2004 in der Doppelspitze mit Gerhard Mayer-Vorfelder (MV) und von 2006 bis März 2012 alleiniger Präsident des DFB, zeichnet seinen Gang durch die Institutionen bis an die Spitze des DFB nach. Warum er in den letzten beiden Jahren manchmal unglücklich agierte, erklärt er darin mit "Amtsmüdigkeit".

Anzeige

Zum Skandalbuch taugt das Werk nicht. Die in Aufruhr gesetzte Fußballwelt sieht eine Abrechnung darin, wohlgemerkt in dem, was vorab publik wurde. Zwanziger tritt an einigen Stellen ohne Not nach, muss überflüssigerweise seine Sicht der Dinge kundtun. Etwa, wenn er gegen die Stiftung Warentest oder gegen Journalisten Uraltgefechte austrägt. Dass er aber in Uli Hoeneß einen respektlosen Fußball-Macho sieht, ist so neu nicht. Zwanziger hat gute Gründe dafür, etwa dessen Haltung zum Frauenfußball. Dass er den DFB gerne offensiv gesellschaftspolitisch agieren sähe: Wusste man auch. Und dass Klinsmann auf der Kippe stand: Nun ja. Da schockt es eher, wenn Zwanziger sagt, man könne in der Fifa auf "Sepp Blatter und seinen Reformwillen" setzen.

Lesenswert ist diese Biografie weniger wegen den Eitelkeiten, denen sie zu viel Raum gewährt, sondern eher, weil sie Einblick in einen an vielen Ecken krankenden Verband gewährt, in dem Zwanziger durchaus zunächst Gutes bewirkte: Etwa brachte er die Aufarbeitung der Nazizeit, die Integration von Minderheiten und den Kampf gegen Homophobie auf die DFB-Agenda. Man muss dazu sagen, dass es nach MV nicht so schwer war, den DFB als etwas weltoffenere Organisation dastehen zu lassen.

In Altendiez, im Westerwald fängt es an. Ein Mann aus der Fußballprovinz macht Karriere. Erst in der CDU, dann auch im DFB. 1987 ist er als Landtagsabgeordneter am Sturz des als unstürzbar geltenden rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel beteiligt. Er wird Vorsitzender des Fußballverbands Rheinland, "die erfüllendste Zeit" seines Lebens. Im damaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun sieht er einen Lehrmeister. Zwanziger begleitet den Altmännerverband durch die Neunziger Jahre, sieht später die Deutsche Eiche MV fallen. Er rückt im DFB Stück für Stück vor, 2001 wird er Schatzmeister des DFB, 2003 wird er Vizepräsident des Organisationskomitees der WM. Getrieben wird er von einer protestantischen Leistungsethik, natürlich ist er auch Machtmensch. Er würde es Verantwortung nennen.

Der DFB wirkt im Buch bis ins neue Jahrtausend hinein in weiten Teilen rückständig, in manchen ist er es bis heute. Dass man sich etwa mit den politischen Verhältnissen der WM-Gastgeberländer auseinandersetzte, stand erstmals 1986 auf dem Plan (1978 etwa waren kritische Äußerungen gegenüber dem autoritär regierten Argentinien noch unerwünscht). Franz Beckenbauer sagte damals: "Dass Kinder da in Baracken leben, das kannten wir aus dem Wohlstandsland Deutschland ja überhaupt nicht."

Beckenbauer ist auch beteiligt, als Zwanziger 2004 in die DFB-Führung vorrückt. "Dann macht's halt diese Doppelspitze", soll er gesagt haben. Auch hier: Die Führungsfrage des größten Einzelsportverbandes der Welt machen scheinbar einige wenige Männer unter sich aus. Auch 2012 gab es keinen Gegenkandidaten. Mehr Demokratie wagen? "Ich würde mir mehr Auswahl in der Führungsfrage wünschen", sagt Zwanziger. 

In den ersten Jahren seiner Präsidentschaft krempelt Klinsmann den Verband sportlich um, Zwanziger gesellschaftlich. Der Julius-Hirsch-Preis, der an die NS-Vergangenheit des Verbands gemahnen soll, wird ins Leben gerufen. Den Hoyzer-Skandal übersteht Zwanziger mit Ach und Krach, mit dem Sommermärchen kommt Glück dazu. Interessant sind die Machtkämpfe mit Klinsmann. Der Schwabe räumt mit Funktionärsprivilegien und mit Kaiserauer Sportschule auf, zeigt sich als Radikalreformer und lässt sich dabei herzlich wenig von der Öffentlichkeit beeindrucken. Zwanziger bleibt hier gemäßigter Stratege.

Vielleicht ist es das stets Diplomatische, das Saubermännische, das ihn bis heute in der Öffentlichkeit nicht allzu beliebt macht. Dass es einen Plan gab, Klinsmann möglicherweise während der WM 2006 zu feuern und durch Sammer zu ersetzen, ist ein Detail. Mehr nicht.

In Krisenzeiten reagierte Zwanziger oft vorschnell. In der Amerell-Affäre fühlt er sich von der Öffentlichkeit missverstanden. Das vorliegende Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Schiedsrichter und seinen Untergebenen habe das frühe Handeln nötig gemacht.

Was die Zukunft des DFB angeht, hinterlässt Zwanziger Ungewissheit: In den Bundesligastadien steuert man zunehmend einem "englischen Modell" entgegen, sagt er. Den gleichberechtigten Dialog mit den Fans hat man mit und nach Zwanziger nicht erreicht. Derzeit hat man das Gefühl, er und seine Nachfolger sind von Jugendkulturen wie den Ultras Lichtjahre entfernt – sie können oder wollen das positive Potenzial, was dort auch schlummert, nicht erkennen. Zwanziger befürwortet die Abschaffung von Stehplätzen in "problematischen" Stadien. Die Frauenfußball-Bundesliga dümpelt vor sich hin, ein reicher Verein wie der HSV meldet sein Team ab. Und die schwulen Fußballer? Sprechen anonym.

Heute ist Zwanziger Mitglied im Exekutivkomitee der Fifa. Auch beim Weltverband setzt er auf einen Selbstreinigungsprozess. Selbstreinigungsprozess und Fifa, das hört sich an wie Fett und Wasser. Zwanziger aber setzt im Weltverband auf das Reinigungsmittel Ethikkommission. Im Buch beschreibt Zwanziger seine Tätigkeit auf internationaler Ebene als "Auswärtsspiel".

Zwanziger hat es sich zum Teil selbst zuzuschreiben, etwa durch ein zuletzt bisweilen selbstgefälliges Auftreten während seiner Amtszeit, dass man kaum mehr über seine Verdienste spricht. Wenn dieses Buch aber als "Übel des Jahres in die Fußballbranche" (SZ) eingehen sollte, dann sagt das auch etwas über jene, die "Zurück zum Kerngeschäft" wollen: Die von Zwanziger in breiten Teilen ausgeführte inhaltliche Kritik würden sie gerne überlesen – und sich auf die wenigen, angeblich skandalträchtigen Bild-Passagen beschränken.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • lxththf
    • 13. November 2012 11:52 Uhr

    skizziert vom Autor. Der größte Aufhänger des Buches wurde die Kritik an Hoeneß und Sammer, was jedoch albern ist, denn man sollte doch meinen, dass man in München darüber steht und der Erfolg (mit Sammer) der Führungsriege recht gibt.
    Jemand, der in einer solchen Häufigkeit und vor allem auch Härte austeilt, wie Hoeneß, jedoch keinerlei Kritik zulässt wird zum Meinungsführer und am meisten ärgert es mich, dass hier die Bildzeitung die Berichterstattung über das Buch lenkt.
    Im Sport1 Doppelpass saß ein Reporter von jener Zeitung, und verriss das Buch, obwohl er nur die Bildpassagen kannte. So auch die anderen Diskussionsteilnehmer. Man sollte nur darüber schreiben/reden, wenn man es insgesamt gelesen hat.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Aber auch Rummenigge plustert sich auf, da kann man nur den Kopf schütteln.

    Da tun sich Abgründe auf: Bayern München ist so ein erfolgreicher Fußballverein und die Vereinsspitze hat Minderwertigkeitskomplexe. Verrückt.

    Mit ihrem Verhalten beschädigen sie nur sich selbst, aber nicht Zwanziger.

    • Lunedi
    • 13. November 2012 12:05 Uhr

    sollte von den Posten bei Blatter und Platini abtreten. Er vertritt nicht mehr den DFB. Ein billiges nachkarren liegt von ihm vor .

    • Gietzen
    • 13. November 2012 12:12 Uhr

    Die Karriere begann als Finanzanwärter in der Finanzverwaltung LRP. Herzlichen Glückwunsch von dem ehemaligen Kollegen TG.

  1. Man kann über Theo Zwanziger geteilter Meinung sein. Man kann ihn "Betschwester" nennen oder ihn ihm einen Funktionär sehen, der dem gedankenleeren DFB mit der Aufarbeitung seiner NS-Vergangenheit Anstand beibrachte.
    Eines aber wäre mit Theo Zwanziger dem DFB erspart geblieben: Die schwärzesten Stunden in der Nachkriegsgeschichte des deutschen Fußballs 1978 bei der WM im argentinischen Ascochinga. Damals, als während der Militärdiktatur DFB-Präsident Hermann Neuberger dem Alt- und Neunazi Hans-Ulrich Rudel Gästestatus im Mannschaftsquartier einräumte und diesen Vortragsredner der DVU sogar zur Mannschaft sprechen ließ.
    Mit dabei damals als junger Agenturjournalist der heutige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Und was tat dieser junge Journalist? Er erteilte Rudel eine Persilschein mit der Argumentation, es gehe doch nicht an, dass dessen herausragende Leistungen im Krieg in Zweifel gezogen würden.
    Heftig beklatscht wurden diese Worte damals von Berti Vogts, dem späteren Nationaltrainer.
    Zur Erinnerung: Johan Cruyff boykottierte damals das Endspiel, da er keinem dieser Militärdiktatoren die Hand schütteln wollte.
    Zurück zum Kerngeschäft also: Das kann auch heißen, zurück zur alten gesellschaftlichen Verantwortungslosigkeit des größten Sportverbandes der Welt. Wolfgang Niersbach passt dazu. Mit Theo Zwanziger wäre das nicht zu machen gewesen.

    Eine Leserempfehlung
    • TDU
    • 13. November 2012 12:51 Uhr

    "Daher finde ich seinen Kommentar in der heutigen "Süddeutschen" absolut treffend." Leider auch "im Sinne" von Herrn Uthoff. Einseitig und im Entweder Oder verhaftet.

  2. es gibt gar keinen Skandal, hier wird aber von Presse heftig angeheizt, damit es einer wird.

  3. Aber auch Rummenigge plustert sich auf, da kann man nur den Kopf schütteln.

    Da tun sich Abgründe auf: Bayern München ist so ein erfolgreicher Fußballverein und die Vereinsspitze hat Minderwertigkeitskomplexe. Verrückt.

    Mit ihrem Verhalten beschädigen sie nur sich selbst, aber nicht Zwanziger.

    Antwort auf "Sehr treffend,"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service