Fett wie ein TurnschuhReiten, das ist das beste Fitnessstudio

Tuvia Tenenbom hat genug vom Entgiften. Unser Fitnesskolumnist will Kaiserschmarren. Und Tiroler Zitrone. Und Milch mit Wasser. Und das schönste Pferd Europas. von Tuvia Tenenbom

Tuvia Tenenbom in Tirol

Tuvia Tenenbom in Tirol  |  © Isi Tenenbom

Ganz Österreich schlägt sich den Bauch mit Kaiserschmarren voll, nur ich sitze in einem Entgiftungsspa . Das klingt vielleicht toll und gesund, aber mein Körper sagt mir, dass er sich, wenn ich so weitermache, von meiner Seele lösen und verschwinden wird. Da ich bei gesundem Verstand bin, entscheide ich augenblicklich, mich vom Entgiften zu entgiften. Aber wie?

Weil Kaiserschmarren ein österreichisches Gericht ist und ich beim Entgiften oft von dieser Delikatesse geträumt habe, bleibe ich am besten noch ein bisschen in Österreich und genieße den Kaiserschmarren. Die Frage ist nur: In welchem Teil von Österreich?

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Diese komplizierte Frage beschäftigt mich eine ganze Weile, bis ich nach intensiven Diskussionen mit den gelehrtesten der österreichischen Stammesältesten beschließe, nach Tirol zu fahren. Da weiß man, wie man Kaiserschmarren macht, erzählt man mir, und die bergige Landschaft ist einfach herrlich.

Klingt überzeugend, aber eine kleine Frage habe ich noch: Wo genau in Tirol? Ich war noch nie in diesem Teil der Welt und habe keine Ahnung, wohin ich soll.

Tuvia Tenenbom
Tuvia Tenenbom

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh".

Gott sei Dank gibt es die Engländer, Geschöpfe, die alles über alles wissen. Ich begegne einer englischen Lady, die mir vorschlägt, zum Wiesenhof zu fahren, einem Hotel & Wellness Spa im Norden Tirols. Die haben auch Pferde, sagt sie, und ich könnte einen supergesunden Sport betreiben, nachdem ich mir den Bauch mit Kaiserschmarren vollgeschlagen habe.

Ich kann nicht reiten und habe sogar ein bisschen Angst vor Pferden, aber dann kommt mir eine brillante Idee: Mach einen guten Eindruck auf die Pferde, dann sind sie nett zu dir.

Aber wie?

Ich überlege und überlege und beschließe dann: Ich ziehe die japanischen Klamotten an, die ich letztes Jahr in Tokio gekauft habe . Darin sehe ich aus wie ein Sumoringer. Ich stelle mir vor, dass Pferde zu japanischen Kämpfern niemals grausam sein werden.

Total einleuchtend, oder?

Ich bin überzeugt und mache mich auf den Weg zum Wiesenhof.

Aber bevor ich auf ein Pferd steigen darf, bringt mich eine schöne junge Dame in einen Wellness-Raum, wo eine Holzbadewanne voller Steinöl auf mich wartet. Sie reicht mir auch noch etwas namens Hauttonic mit Tiroler Steinöl. Wie sie geschafft haben, Öl aus Steinen zu pressen, ist mir unverständlich, aber solche Tatsachen stelle ich nicht infrage. Das Hauttonic ist gesund, sagt die österreichische Schönheit, und fügt noch hinzu, "aber nicht hier anwenden", wobei sie auf ihren Intimbereich zeigt.

Warum nicht?

"Dafür ist es zu stark."

Zeigen Sie mir einen Mann, vor allem einen sportlichen wie mich, dem "zu stark" nicht gefällt, und ich zeige Ihnen einen fliegenden Elefanten. Sobald die Dame den Raum verlassen hat, verteile ich den Tiroler Zaubertrank über meinen Intimbereich.

Was soll ich sagen?

Nur eines: Wenn eine Tiroler Schönheit Ihnen sagt, Sie sollen etwas nicht tun, dann gehorchen Sie besser. Oder Sie werden schreien vor Vergnügen.

Jetzt bin ich bereit für mein Pferd!

"Fett wie ein Turnschuh"

Hantelschwingen und Bodypumpkurse boomen: Allein in Deutschland gibt es knapp 6.000 Fitnessstudios. Dort trainieren mehr als sieben Millionen Menschen – mehr als der größte deutsche Sportverband, der DFB, Mitglieder zählt. Fast jeder zehnte Deutsche packt demnach seine Sporttasche und schwitzt an schwerem Gerät oder in Gymnastikkursen. Wieso ist der Fitnesssport so erfolgreich? Was fasziniert die Menschen daran? Und wieso?

Für unsere Kolumne Fett wie ein Turnschuh schicken wir den (noch) etwas korpulenten New Yorker Autoren Tuvia Tenenbom in die Welt der Fitten und Starken. Er lernt die Fitnessjünger kennen und nimmt ab. Alle zwei Wochen berichtet er auf ZEIT ONLINE von seinen Erlebnissen. Ausgewählte Kolumnen erschienen im illustrierten Buch Fett wie ein Turnschuh.

Ich laufe zum Stall und treffe dort Alexandra, eine Frau, die Pferde liebt und die bereit ist, Avelino, einen ihrer Geliebten, mit mir zu teilen. Avelino, so viel steht fest, ist das hübscheste Pferd Europas. Alexandra kämmt Avelino mit großer Zärtlichkeit, als wäre er ihr erstgeborenes Baby, und wie jeder österreichische Gentleman lässt Avelino ihre Liebe mit großem Vergnügen über sich ergehen, oder wie man im Englischen sagt, with much pleasure , aber Alexandra meint, dass es im Deutschen keine Entsprechung für das englische Wort pleasure gibt.

Das weiß sie genau, sagt sie.

Und dann macht sie mich mit dem Pferd bekannt: Hier ist das Maul, hier sind die Zähne, das ist der Schwanz. Wenn man auf jemandem reiten will, muss man wissen, was wo ist.

Es braucht seine Zeit. Avelino spricht kein Englisch, nicht mal Deutsch, und er hat seinen eigenen Kopf. Außerdem habe ich meine Sumo-Uniform vergessen, so ein Pech. Ich muss wohl einen anderen Trick einsetzen, um mich bei dem Tier beliebt zu machen. Ich versuche, auf Tirolerdeutsch mit ihm zu sprechen, aber das kann ich natürlich nicht, also versuch ich's mit Jiddisch. Ich sage "Bubbaleh " zu ihm und – ein Wunder! – er strahlt vor Vergnügen. Ich bitte Alexandra, uns beide allein zu lassen – sie kann ja Kaiserschmarren essen, wenn sie mag – denn Avelino und ich verstehen uns prächtig.

Ich reite auf Avelino – das beste Fitnessstudio, das man sich träumen kann. Wir reiten umher, Gott weiß wohin, und ich stelle mir vor, dass ich ein verlorener Sohn Tirols bin.

Ist Ihnen noch nie passiert? Mir passiert so was. 

Leserkommentare
  1. schreiben Sie bitte weiter - ich lese mit Vergnügen.

  2. Ich mag diese Art zu schreiben, sich selbst auf die Schippe nehmen und dabei einen Dreck auf politische Korrektheit geben.

    Eine Leserempfehlung
    • Jouba
    • 16. November 2012 16:29 Uhr

    tragen Sie Längsstreifen - machen optisch schlank.

  3. Da hat man sie ganz schön reingelegt, Herr Tenenbom. Auch in Tirol haben Pferde keine Hörner. Sie sind auf einer Ziege geritten. Bei den braun-weiß gefleckten Tieren im Hintergrund handelt es sich übrigens um Kühe. Auch das sind keine Pferde. Nicht einmal in Tirol. Na ja, woher soll man es wissen, wenn man kein Deutsch kann?

  4. Wieder einmal grossartig, Herr Tenenbom! Sie sind nicht nur ein genialer Schreiber sondern auch ein Verwandlungskünstler par excellence, diesmal mit der Krachledernen auf einer Tiroler Alm - nur würde ich gerne ein Foto von Ihnen mit Avelino sehen - und obendrein wiegen Sie tatsächlich, wie die Fotos zeigen, von Mal zu Mal ein paar Pfunde weniger.
    Ich freue mich schon wieder auf Ihren nächsten Beitrag.

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