Nach dem Zumba gehe ich raus und werde gleich vom nächsten Rechtschaffenen angehalten. "Ist das Biber?", verlangt er zu wissen.

Ich muss augenblicklich weg aus Ottawa.

Ein Vogel flüstert mir in die Biber-Ohren, dass viele Québecer sich eine Abspaltung von Kanada wünschen. Also eile ich nach Montreal .

Wie ein Tier, das aus der Gefangenschaft befreit wurde, laufe ich fröhlich durch die Straßen der schönen, französisch-angehauchten Stadt in Québec, bis mich Herr Rejean anhält. Nein, mein Bibermantel ist ihm egal – Gottseidank! –, er bittet mich nur, eine nahegelegene Buchhandlung nicht zu betreten. Nicht, dass ich vorgehabt hätte, diese Buchhandlung zu betreten – dort wird keine Schokolade verkauft! –, aber ich freue mich, dass ein Mensch in Kanada mich anspricht und nicht meinen Mantel.

Warum nicht?, frage ich ihn.

"Das ist ein zionistisches Geschäft", sagt er mit ernster Miene.

Ich sehe das Geschäft an, dann ihn, und frage mich, ob ich im Berlin der 1930er-Jahre gelandet bin.

Juden?, frage ich ihn.

"Ja", antwortet er.

Rejean ist Katholik, genau wie seine Mitdemonstranten, doch auf dem Schild, das sie hochhalten, steht, dass sie Palästinenser und Juden sind.

Die Zumba-Damen halten sich für Latinas, diese Männer hier denken, sie wären Palästinenser, und ich entscheide spontan, Katholik zu sein.

Als ich die berühmte Kathedrale Notre-Dame erreiche, um dort ein bisschen zu beten, kommt ein junger Student drohend auf mich zu. "Das ist Biber, stimmt's?"

Er packt mich am Mantel. "Wer sind Sie?", verlangt er zu wissen.

Um meine Haut zu retten, sage ich die ersten Worte, die mir einfallen: Ich bin Muslim. Wer sind Sie?

Ich kann nicht fassen, dass ich so schnell durcheinander geraten bin. Warum habe ich Muslim gesagt?

Aber, welch Wunder, er lässt sofort meinen Mantel los und heißt mich freundlich in seiner Welt willkommen. "Ich bin Katholik", vertraut er mir zuckersüß an, "und ich hasse die Juden."

Jetzt brauche ich wirklich Schokolade. Anne, hörst du mich?

Leider ist die deutsche Anne in Ottawa weit weg von hier, und ich muss mit einem Franzosen namens Herr Delonga vorlieb nehmen, dem Miteigentümer des hochgelobten Restaurants Europea.

"Die Franzosen", sagt er mir, "essen zum Vergnügen; die Engländer nur, um zu überleben."

Ich beschließe, Franzose zu sein.

Ich gebe mich komplett dem Vergnügen hin und nehme 2,5 Kilo auf einmal zu – aber dann esse ich einfach richtig mächtige Schokolade.

Anne, du hast so recht!

Aus dem amerikanischen Englisch von Tobias Schnettler