Fett wie ein TurnschuhSchokolade statt Sex vor dem Zumba-Tanz

Unser Fitness-Kolumnist Tuvia Tenenbom reist durch Kanada, tanzt den Zumba-Tanz, nimmt 2,5 Kilo auf einmal zu. Und steht vor der wichtigen Frage: Sex oder Schokolade? von Tuvia Tenenbom

Tuvia Tenenbom mit Bibermantel in Kanada

Tuvia Tenenbom mit Bibermantel in Kanada  |  © Isi Tenenbom

Schon mal davon geträumt, das Leckerste der Welt zu essen und sich trotzdem zu fühlen, als würden Sie Sport treiben?

In Kanada geht das.

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Fragen Sie Anne, und sie wird es Ihnen erklären. "Schokolade zu essen", sagt die deutsche Einwanderin, verleiht einem "dasselbe Gefühl, das man nach dem Sport empfindet". Und nicht nur das, erklärt die entzückende Anne, Schokolade löst außerdem "im Hirn die gleichen Reaktionen aus wie Sex".

Was ist besser, Schokolade oder Sex?

"Wenn ich wählen müsste, würde ich mich für Schokolade entscheiden."

Das sind tolle Neuigkeiten für mich, und ich bin extrem froh, dass ich eine Weile in Kanada sein werde.

Kanada, dessen einziger Feind der Nordpol ist, ist für die politisch Korrekten dieser Welt das Paradies auf Erden. Hier liebt jeder jeden, wie ich bald erfahre, und jeder sorgt sich um die Tiere.

Tuvia Tenenbom
Tuvia Tenenbom

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh".

Natürlich wünschte ich, ich hätte all das vor meiner Anreise gewusst.

Als ich in Ottawa ankomme, ist es bitterkalt und ich trage einen Bibermantel. Biber ist warm, habe ich mir vor der Anreise gesagt, und der Bibermantel eignet sich für Regen und für Schnee – Kanadas berühmtestes Pärchen.

Was für eine Fehleinschätzung!

Schnell muss ich feststellen, dass der Biber Kanadas nationales Symbol ist. Die Leute lieben Biber und hassen jeden, der ihr Fell trägt – und genau das tue ich. "Ist das Biber?", hält mich ein Kanadier gleich bei meinem ersten Vorstoß auf die kalten Straßen an und zeigt drohend mit der Faust auf meinen Oberkörper. Sofort leuchtet ein feuerrotes Licht in meinem Hirn auf und ich erkenne: Ich stehe einem rechtschaffenen Mann gegenüber, der mich gleich niederschlagen wird. Ich muss mich um jeden Preis verteidigen.

Nein, schreie ich. Das ist kein Biber. War nie welcher und ist keiner! Das ist Kunstfell!

"Gut", sagt er und lässt mich gehen.

Ich zünde eine Zigarette an und rauche leise vor mich hin, als mir plötzlich ein Schild an der Bushaltestelle neben mir auffällt: "Rauchen im Umkreis von 9 Metern verboten. Bis zu 5.000 Dollar Strafe."

Ich bekomme Angst und will schnell Zuflucht vor den gesunden und rechtschaffenen Kanadiern finden. Ich gehe so schnell, dass ich noch mehr abnehme, als wenn ich nur Schokolade essen würde, bis ich das Haus meines Gastgebers erreiche, eines kanadischen Politikers. Politiker sind oft korrupt, sage ich mir, der wird mich bestimmt vor den Rechtschaffenen beschützen.

Sobald ich sitze, erzählt er mir, dass ich bei einer Kampagne gegen die chinesische Regierung mitmachen solle, die, wie er sagt, brutal gegen die Menschenrechte verstößt. Ich erkläre ihm, dass ich kein Chinesisch spreche und mir die Probleme nicht bekannt sind. "Bitte verlassen Sie mein Haus", sagt er und sieht mich mit äußerster Verachtung an.

Was für ein Pech: Da finde ich schon mal einen Politiker, und dann ist er rechtschaffen!

Ich brauche dringend eine andere Unterkunft, sonst muss ich die Nacht bei den echten Bibern in der Kälte verbringen.

Wo kann ein Mann in Kanada Unterschlupf finden?

Gottseidank gibt es ein hundert Jahre altes Hotel, das viele Menschen beherbergt, darunter auch die von Natur aus korrupten Ausländer.

Ich ruhe mich neben einem Bild von Albert Einstein aus, esse Tonnen allerbester Schokolade, trinke eimerweise Kaffee und bin schließlich total gelangweilt. Ich fühle mich wie Eva Braun: Ich bin ein Gefangener in einem goldenen Käfig.

Was soll ich tun?

Zum Glück kommt mir die Touristeninformation von Ottawa zur Hilfe. Sie finden eine Bleibe für mich, die etwas 'Ausländisches' hat: die Jack Purcell Recreation Association.

Ein netter Ort.

Hier gibt's keine deutschen Kanadier und keine Schokolade, aber dafür Zumba: ein Fitnesstanz zu Latin-Musik.

Haben Sie das mal probiert?

In den nächsten 45 Minuten, so erzählt man mir, werde ich ein "temporeiches Cardio-Workout" erleben, das auch "körperformende Übungen enthält". Man muss Sportwissenschaftler sein, um das zu verstehen, aber es klingt gut.

Alle anderen Anwesenden sind weiblich, größtenteils von der weißen Sorte, und sie versuchen Latin zu tanzen. Das ist ein unvergesslicher Anblick: weiße Damen, die ihren Körper schütteln und versuchen, einem Latin-Beat zu folgen. Eines muss man ihnen lassen: sie können zwar den Rhythmus nicht halten, aber dafür schwitzen sie stark – es ist rührend und schön anzusehen.

Ich versuche meinerseits die Latinos nachzuahmen, die ich aus New York City kenne, auch wenn ich eigentlich eher chinesisch als lateinamerikanisch aussehe. Immer wenn in der Musik Worte wie " Domba yaka catika " zu hören sind, tanze ich "Auya nua huya". Ich verstehe kein Wort, aber ich bin froh, dass sie diese Musik spielen und nicht die 5. Symphonie. Stellen Sie sich vor, Sie müssten zur Melodie der 5. Symphonie Zumba tanzen – da landen Sie in der Psychiatrie.

Leserkommentare
    • porph
    • 28. November 2012 17:30 Uhr

    Erklärung, falls Sie die vergangenen Kolumnen nicht genau verfolgt haben (so interpretiere ich die Rassismus-Frage): Der Autor ist selbst Jude. Außerdem bringt er in diesem Bezug öfter mal Anspielungen und Späße (bzw. genießt es, die Leute, denen er so begegnet, damit ein bisschen vorzuführen). Das ist seine Art des Humors, für die ihn einige Leser sehr mögen und andere offenbar gerade nicht. Rassismus muss man da aber wohl eher nicht vermuten.

    Gleichwohl vermute ich, dass einige Dialoge die in den Geschichten auftauchen in künstlerischer Freiheit doch "etwas" überspitzt dargestellt werden. Also locker bleiben...

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "bisweilen war es ja"
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    für die Aufklärung.

  1. nicht politisch in den Berichten des lustigen Autors.

    Doch die Judenfrage, wenn es wirklich so war, finde ich abscheulich und ich glaube da hätte der Autor auch seine Meinung sagen müssen, vorausgesetzt sie ist nicht rassistisch.

    Eine Leserempfehlung
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    • porph
    • 28. November 2012 17:30 Uhr

    Erklärung, falls Sie die vergangenen Kolumnen nicht genau verfolgt haben (so interpretiere ich die Rassismus-Frage): Der Autor ist selbst Jude. Außerdem bringt er in diesem Bezug öfter mal Anspielungen und Späße (bzw. genießt es, die Leute, denen er so begegnet, damit ein bisschen vorzuführen). Das ist seine Art des Humors, für die ihn einige Leser sehr mögen und andere offenbar gerade nicht. Rassismus muss man da aber wohl eher nicht vermuten.

    Gleichwohl vermute ich, dass einige Dialoge die in den Geschichten auftauchen in künstlerischer Freiheit doch "etwas" überspitzt dargestellt werden. Also locker bleiben...

  2. 3. Tuvia,

    you made my day ;-).

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  3. für die Aufklärung.

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    Antwort auf "Vermutungen zum Autor"
  4. Tuvia Tenenboms späte Antwort auf Rick Mercer: http://www.liveleak.com/v...

    Damit wird eine weitere frühere Gewißheit ein für allemal widerlegt: "Americans are benevolently ignorant about Canada, while Canadians are malevolently well informed about the United States", hieß es früher. Und dann kommt TT und demonstriert, daß es auch andersrum geht.

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    • lxththf
    • 29. November 2012 10:40 Uhr

    darauf verwiesen http://www.sueddeutsche.d...
    also die Quelle, aus der Sie wahrscheinlich zitieren und als Anmerkung dazu http://www.spiegel.de/kul...

    Eine Passage, welche gekürzt werden sollte findet sich hier: http://www.endstation-rec...

    Und um das Bild etwas abzurunden:
    Dazu vielleicht noch: http://www.zeit.de/sport/...

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    Antwort auf "Ups, Zitat verloren..."
  5. ...Buch endet mit "Ich liebe Deutschland.." Hier ist Tenenbom's Antwort:

    Süddeutsche Zeitung (SZ), one of Germany’s most powerful papers, is bullying our Artistic Director – “The Jew Tenenbom,” as they call him ("Jud Süss") – Tuvia Tenenbom. In response, The Jewish Theater of New York makes public all communications between Tuvia and SZ.
    Link: http://jewishtheater.org/...

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    Antwort auf "Ups, Zitat verloren..."

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