Les Sables ist an diesem Samstag Ziel einer menschgewordenen Ameisenwanderung. Auf den Zufahrtstrassen werden noch fünf Kilometer vor der Stadt die Autos geparkt. Der lange Fußmarsch hat Tradition. Alle Altersgruppen haben sich auf Wanderschaft begeben, gerüstet mit Rucksäcken und Alu-Leitern. Auch in der vierten oder fünften Reihe will man das Event noch ausleben können. Der Ort der Verheißung: Das Vendée Globe Eventzentrum, wo von einem dreißig Meter hohen Schrägdach die Konterfeis der Helden/in herabblicken, so wie die Kaimauern des langen Kanals, auf dem die Open60 am Vormittag im 15-Minutentakt zum Start hinaus auf das Meer gezogen werden.

Mehr als 300.000 Fans drängen zur frühen Morgenstunde, trotz heftiger Regenschauer, in die kleine Stadt von 16.000 Einwohnern. Sie reisen an, um die Atmosphäre zu schnuppern. Die Massen bevölkern rasch das beflaggte Hafenareal, den langen Kanal bis hinaus zum Leuchtturm am Ende der Außenmole.

Um 9.30 Uhr beginnt das feierliche Defilee der Yachten entlang des Kanals, flankiert von einer Armada bestehend aus TV und Pressebooten. Jede einzelne Open60 zieht zudem eine Schleppe von Begleitbooten hinter sich her, als würde eine Vermählung mit dem Meer bevorstehen. Dies trifft besonders für die einzige Frau im Regattafeld zu: Samantha Davies auf ihrer Savéol (38), Britin, Mutter eines Sohnes, ("Ich habe ein wenig Seewasser in meinen Adern.") nimmt schon das zweite Mal teil und ist der Star im Feld. Als ihre Yacht vorbeizieht ist der Jubel frenetisch. Auch den anderen Helden auf ihren High-Tech-Yachten wird mit Begeisterung zugejubelt. Im 15-Minutentakt werden sie den Kanal hinaus aufs offene Meer gezogen, wo um 13.02 Uhr der Startschuss fällt.

Endlich. Das brutale Race ist im Gange: Von Les Sables d’Olonne rund um die Antarktis und wieder zurück zur Startbasis. Es gilt den bestehenden Rekord von 84 Tagen 3h 09min 08s zu schlagen, aufgestellt vom aktuellen Sieger des Rennes, vom Franzosen Michel Desjoyeaux. 84 Tage für rund 27.000 Seemeilen! Auf dem Weg zu diesem Rekord müssen zwei der berüchtigtsten Kaps dieser Erde von den Skippern gerundet werden. Jedes Kap für sich ein Mythos: Kap der Guten Hoffnung und Kap Horn. Dazu addieren sich die Roaring Forties und Furious Fifties (Brüllende Vierziger oder Rasenden Fünfziger), eine Seeregion mit ganzjähriger Westwinddrift zwischen 40° und 50° südlicher Breite, die beherrscht wird von unbeständigem Wetter, Treibeis und heftigen Stürmen. In dieser gottverlassenen Seewüste werden die meisten Ausfälle erwartet.

2008/2009 kamen von 29 Yachten 11 ins Ziel. Dort und nur dort, einem Alptraum zwischen Eisbergen und gigantischen Wellenbergen, winkt der wahre Ruhm. Zutreffender wäre daher eher die Bezeichnung Antarctica-Circle-Race, denn von 27.000 Seemeilen werden mehr als die Hälfte der Strecke in jenen barbarischen Breiten gesegelt. Manche begreifen dies jedoch als die Chance ihres Lebens.

25 Minuten vor dem Start gibt es schon die erste Havarie. Der Franzose Bertrand De Broc auf seiner Votre Nom Autour Du Monde kollidiert mit einem Begleitboot, bekommt ein Loch in die Bordwand geschlagen und muss zurück in den Hafen. Keine große Sache, aber rund 15 Stunden Verzögerung bis er dem enteilten Feld nachkommen kann.

Was bedeuten aber schon 15 Stunden gegenüber 90 Tagen, die das Rennen im Schnitt dauern wird ? "Denk positiv!" lautet die SMS von seinem Skipper-Kollegen Marc Guillemot. Ihm wird nichts anderes übrigbleiben.