Wolfsburg-Fans : Auf ein Weizenbier mit den Radkappen

Traditionsloses Anhängsel von VW mit oberflächlicher Fan-Kultur, so heißt es über den VfL Wolfsburg. Ein Besuch in der Nordkurve zeigt etwas anderes.
Wolfsburg-Fan Erna © Oliver Fritsch

Als Diego nach drei Minuten zum 1:0 trifft, reißen Thomas, Ralf und Rainer die Arme hoch. Laute Jubelschreie unter den drei Mittvierzigern in der Nordkurve. Rainer schwenkt seinen Schal. Ralf klatscht alle ab. Thomas zeigt auf Erna. Erna ist eine grün-weiße Plastikente mit einem Pudelmützchen und einem Schal in Vereinsfarben, die sich Thomas auf seine Kappe geschraubt hat. Zu Hause auf seiner Gästetoilette hängen die von den siebzehn anderen Vereinen, mit denen steckt er nach jedem Spieltag die Bundesligatabelle um.

Ganz normale Fußballfans also. Das muss man erwähnen, denn Thomas, Ralf und Rainer sind Wolfsburger Fans. In Wolfsburg wird diese Spezies nicht unbedingt vermutet. Der Wolfsburg-Fan ist im Rest von Deutschland etwa so bekannt wie der Yeti. Man hat davon gehört. Zumindest hat er in Fan-Kreisen keinen Kredit. Der VfL ist der traditionslose Werksverein, das Anhängsel von Volkswagen , das nur dank einer Ausnahmegenehmigung Profifußball spielen darf. Dort herrscht eine oberflächliche Fankultur, heißt es. Die Anführungszeichen vor und nach Kultur sind mitzusprechen.

Beim 3:1 gegen Bayer Leverkusen am Sonntag, dem ersten Heimsieg der Saison, zeigt sich: Das stimmt so nicht. Die Mannschaft wird angefeuert, der gute Tormann Diego Benaglio erhält bei jeder Aktion Applaus. Als noch in der ersten Halbzeit das 3:0 fällt, ist die Sicht auf das Feld von Fahnen und aufspringenden Fans verdeckt. Als die Mannschaft aufgrund der hohen Führung anfängt, eleganter sein zu wollen, als sie kann, ruft Rainer: "Fangt nicht damit an, Jungs!" Als sie unter Druck gerät, rüttelt die Nordkurve sie wach. Vor drei Wochen, beim 0:2 gegen Freiburg , drehten großte Teile der Kurve dem Spielfeld aus Wut den Rücken zu und beschleunigten somit den Rauswurf Felix Magaths. In Wolfsburg mag sich alles ein bisschen verhaltener abspielen als in anderen Bundesligakurven, aber die Fans betreiben handelsüblichen Support.

Doch Wolfsburg ist auch anders. Zwar zählt der VfL auch Ultras, die den Ton angeben und mit den Gästefans den DFB verhöhnen, zu seinen Fans. Sie sind aber nicht so dominant wie andernorts, Pyrotechnik zünden sie nur auswärts. "Hier trauen sie sich das nicht", sagt Thomas. Um das Stadion herum ist es vor und nach Abpfiff nicht so anarchisch wie an anderen Standorten. Zwei Stunden vor Anpfiff hört man in Sichtweite zur Arena Vögel zwitschern.

Auch die Atmosphäre im Stadion unterscheidet sich von anderen. Der Verein legt wie kaum ein anderer Wert auf familienfreundliche Bedingungen. Das Stadion ist das einzige der Ersten Liga mit einem betreuten Spielplatz. In die Wölfi-Kurve gegenüber der Nordkurve dürfen nur Erwachsene mit Kind. Bis vor Kurzem gab es einen Stehblock, in den nur Kids durften, die kleiner als 1,50 Meter sind. Inzwischen wurde er ersetzt durch einen Block für betreute Kinderplätze zwischen sieben und dreizehn Jahren. Am Sonntag sieht man viele Kinder im grün-weißen Outfit. Ein Nachwuchsproblem sollte der Verein nicht bekommen.

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Kommentare

18 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Die Freude ist echt!

Es ist wahrscheinlich die Erleichterung darueber, dass die 100 mio., die den VW Mitarbeitern teilweise vom Lohn angezogen wurden, nicht ganz umsonst ausgegeben wurden.

Aber auch in Wob gibt es Fans, die aufstehen und unbeliebte Spiler anschreien und auspfeiefen, dabei sehen sie aber noch etwas unbeholfen aus...

Wolfsburg und 'Fanszene'; Zwei Welten treffen aufeinander

Niedlich geschrieben, dass es in Wolfsburg unbestätigten Gerüchten zum Trotz doch eine "Fanszene" gibt.

Allerdings, wenn ich mich bei meinem örtlichen Bezirksligisten umschaue, dann finde ich auch den einen oder anderen mit von der Oma selbstgetricktem Schal und bunter Fahne. Ob eine solche Szene allerdings bundesligareif ist? .......

Und wenn eine niedrige Zuschauerzahl bei einem Heimspiel mit dem Schichtwechsel bei VW begründet ist, dann stellt sich für mich doch die Frage, wie es die Fans eines Zweitligisten wie Kaiserslautern es organisatorisch hinbekommen, zum zu 99% aussichtslosen Pokalspiel bei Bayern Mittwochsabends annähernd die gleiche Anzahl von Fans im Gästeblock zu haben wie Wolfsburg zu Hause. Und man kann davon ausgehen, dass es sich hier nicht nur um Arbeitslose oder Studenten handelt.

Zum Vergleich dazu ein Blick in den Wolfsburger Gästeblock bei einem Spiel am Wochenende in Frankfurt:

http://img398.imageshack....

Da stimmt doch der Satz: Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte.

heiße Luft

Damit reihen Sie sich in die lange Reihe derer ein, die als Anhänger eines Traditionsvereins neue+reiche Clubs wie den VfL Wolfsburg einfach schon aus Prinzip nicht mögen. Das ist ja auch okay, aber warum "stützen" Sie ihre Ansicht immer auf so abenteuerliche und erfundene Behauptungen wie das mit den Zuschauern?

Stadion Kaiserslautern: 49.780 Plätze, Zuschauerschnitt 2011/2012: 42.429
Stadion Wolfsburg: 30.000 Plätze, Zuschauerschnitt 2011/2012: 27.616

Wo ist da jetzt bitte der Unterschied, der die Fans aus Kaiserslautern so viel toller macht?
Und übrigens, Spiele gegen Bayern sind in Wolfsburg stets ausverkauft. So wie wohl auch bei so ziemlich jedem anderen Verein. Die Erfolgschancen spielen da keine wirkliche Rolle.

"Fanszene"

Sie werden wohl einsehen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Pokalspiel auswärts Abends in München und Heimspiel zu Hause an einem Samstag gegen München? Son Heimspiel gegen Bayern kann jeder Dorfverein ausverkauft kriegen. Das ist keine Kunst.
Die Golfsburger schaffe es ja nicht mal an einem Mittwoch den Auswärtsblock im Volksparkstadion zu fülllen. Naja da trifft ja der Name "Weekend Boys" der Ultras ja voll ins Schwarze.

Ich verstehe absolut nicht

...worauf sie hinauswollen. Was für ein Volksparkstadion? Meinen sie damit das HSV-Stadion, das vor 2001 so hieß?
Und sind die Wolfsburger Fans jetzt irgendwie schlechter als andere Fans, weil sie am Mittwoch/Donnerstag im Werk arbeiten müssen, und daher keine Zeit haben unter der Woche zum Auswärtsspiel zu fahren? Und Ihnen ist schon klar, das Wolfsburg mit 120.000 Einwohnern quasi selbst ein "Dorf" ist? Nee genau, da loben wir uns doch Ihre Ultras, die an jedem beliebigen Tag nichts anderes zu tun haben als quer durch Deutschland zu fahren. Das macht Ihren Verein, welcher auch immer es ist, absolut besser als Clubs wie Wolfsburg. Und gibt Ihnen das Recht, andere Fans und Städte herabzuwürdigen. Armselig.

Stimmung

Die Fans vom BVB schaffen es auch iwie den Weg auf die Insel zu finden, und Manchester in Grund und Boden zu singen. Die Fans haben auch berufliche Verpflichtungen etc und schaffen es trotzdem irgendwie ihren Verein zu supporten.
Es nun mal so das bei Clubs wie Wolfsburg, Hoffenheim keine Stimmung aufkommt?! Warum?! WEil die Fanszene bescheiden ist, um es mal leicht auszudrücken.
Jeder Gegner kann sich in WOB glücklich schätzen, denn es ist von der Stimmung her quasi ein Heimspiel, weil die WOB Fans leiser sind als jeder Friedhof.
Es macht "meinen" Verein besser, weil "mein" Verein etwas zur tollen Atmosphäre in den Stadien beiträgt und eine jahrzehnte lange Fankultur zurückblicken kann.
Ich wollte ihr Dorf nicht herunterziehen aber wenn Sie mir das schon unterstellen, dann beende ich meinen Beitrag zu WOB mit einem "Mehr Erfolge als euer s***iß Dorf Einwohner hat"

Ja natürlich

Stimmt, 1. FCK hab ich neulich auch gesehen. Als Aufkleber im Fahrstuhl.

Ich mag die Wolfsburger Fans. Die wissen sich zu benehmen und gucken Fußball weils halt Fußball ist. Da kann man wirklich auch mit Kindern hin. Und wenn sie zu Gast sind, erkennt man die öffentlichen Verkehrsmittel hinterher auch noch als solche.

Bringt ja auch nix wenn man in Niedersachsen wohnt und arbeitet, aber krampfhaft am VfB festhält. Da müsste man alle zwei Wochen durch die halbe Republik fahren um mit Leuten in der Kurve zu stehen, mit denen man an den anderen sechs Tagen der Woche sowieso nichts unternehmen kann.

"Lebenslang Verein XY" ist erfahrungsgemäß die Philosophie zweier Grundtypen von Fans: Die einen sind geistig nicht flexibel genug, um sich mal was Neuem zu widmen. Die anderen sind einfach noch nie aus ihrem Kaff (ist Kaiserslautern eigentlich überhaupt noch Großstadt?) rausgekommen.