Judit Polgár sei ein fantastisches Talent, sagte Garri Kasparow, aber eben doch nur eine Frau. Und wegen der Unvollkommenheit ihrer Psyche sei die Frau an sich dem zähen Kampf eines Schachspiels nicht gewachsen. Ihre Natur arbeite unausweichlich gegen sie.

Frauen können kein Schach. Jedenfalls nicht so wie Männer. So klang das Ende der Achtziger nicht nur bei Kasparow. Und wäre der Stand der Dinge im Schach heute ein völlig anderer als damals, wäre die Geschichte von Judit Polgár die Geschichte eines Schachgenies. So ist es die Geschichte einer Frau.

Unter den hundert besten Schachspielern gibt es eine Frau, eben Judit Polgár. Die URL der offiziellen Top100-Liste des Internationalen Schachverbands Fide endet auf "list=men", als sei sie nur für Männer gedacht. Heute spricht zwar niemand Frauen die Fähigkeit ab, Schach spielen zu können, aber die Weltklasse ist immer noch ein Herrenclub.

Genies werden gemacht

Den Beweis, dass Frauen Schach können, erbrachte Judit Polgár zusammen mit ihren älteren Schwestern. In den Neunzigern brach die ungarische Familie in den Männerclub der Schachwelt ein. Dahinter steckte ihr Vater. Von ihrem Geburtstag an sei sie Teil eines Experiments gewesen. Im Ungarn des Gulaschkommunismus der siebziger Jahre nahm er seine Kinder aus der Schule, um sie zu Hause zu Schachgenies zu erziehen. Ein Genie werde nicht geboren, sondern gemacht. Das war seine Theorie und seine Töchter sollten sie bestätigen.

Seine älteste Tochter war die erste Frau, die sich für die Weltmeisterschaft der Männer qualifizierte. Das war 1986, bald darauf erreichte sie den Titel einer Großmeisterin. Die zweite Tochter spielte sich bis zum Internationalen Meistertitel vor. Die jüngste Tochter, Judit, gewann mit neun Jahren ihr erstes internationales Turnier, mit elf schlug sie einen Großmeister, mit 15 war sie selbst einer. Damit war sie schneller als Bobby Fischer.

Heute ist Judit Polgár 36 Jahre alt. Bis Dienstag spielte sie bei einem Turnier in London gegen die Besten der männlichen Schachelite. Unter ihnen waren der amtierende Weltmeister Vishy Anand sowie die Ersten der Weltrangliste: Vladimir Kramnik, Levon Aronian und das norwegische Wunderkind Magnus Carlsen.

Platz 7 von 9

Judit Polgár landete beim London Chess Classic auf Platz 7 von 9. "Ich hab hier einfach nicht den Hunger auf Schach gespürt", sagt sie. Es sei alles momentan etwas außer Kontrolle geraten. "Selbst wenn ich zehn Stunden schlafe, ist mir nicht richtig nach Aufstehen." Die Energie und Ideen, die ein Schachturnier fordert, habe sie momentan nicht.

Das war mal anders. Mit elf Jahren habe sie bei Turnieren mit einem Teddybär am Brett sitzend erfahrene Spieler zermalmt. Nach jedem Zug warf sie ihrem Gegner einen Killerblick zu, schrieben Journalisten damals. "I krraashed them", stellte sie nach solchen Spielen fest.