Dann trat Thomas Vonn in ihr Leben. Sie erkannte, dass sie "aus dem Vater-Tochter-Gefüge ausbrechen muss". Es kam zum Zerwürfnis. Gleichzeitig begab sie sich in die nächste Abhängigkeit. Der ehrgeizige, aber nur mittelmäßig begabte frühere Skirennläufer versuchte, auf Lindsey zu projizieren, was ihm selbst verwehrt geblieben war. Von außen schien es die optimale Symbiose zu sein, "jeder sah mich im Fernsehen oder konnte die Artikel lesen und es ging um meine großartige Ehe, die schneeweiße Fassade, den ganzen Erfolg und mein perfektes Leben. Aber hinter den Kulissen war es ein Kampf". Vor einem Jahr trennte sie sich von Thomas.

Zum ersten Mal in ihrer Karriere musste sie viele Dinge selbst bestimmen, selbst entscheiden.

Im vergangenen Winter war sie besser denn je, und es schien so weiterzugehen. Lindsey Vonn, so hatte es die Runde bei den Konkurrentinnen nach den Sommertrainingslagern in Neuseeland und Südamerika gemacht, sei wieder sehr gut drauf. Ihr Trainer Alex Hödlmoser sagte sogar, sie fahre so gut Ski wie noch nie. "Da braucht man sich keine Hoffnungen zu machen, dass Lindsey vielleicht schwächelt", sagte Höfl-Riesch im Oktober.

Aber dann schied Vonn beim Auftakt in Sölden aus, beim Riesenslalom, den sie ein Jahr zuvor gewonnen hatte. Anschließend verzichtete sie auf den Slalom in Levi Mitte November, um sich auf die Rennen in Nordamerika vorzubereiten, wie es zuerst hieß. Tatsächlich aber kämpfte sie da schon mit Darmproblemen, ein paar Tage verbrachte sie sogar im Krankenhaus. Es gab im deutschen Boulevard schon damals Gerüchte, dass sie psychische Probleme habe. Aber eine Woche später kehrte sie in Aspen in den Weltcup zurück, etwas geschwächt und nicht besonders erfolgreich.

Dann kamen die Speedrennen in Lake Louise, ihrem Wohnzimmer. Der Internationale Skiverband hatte zwar abgelehnt, sie bei den Männern eine Woche zuvor starten zu lassen, aber das spornte Vonn offenbar nur noch mehr an, ihre Überlegenheit zu demonstrieren. Drei Starts, drei Siege – Vonn schien wieder zurück. Aber in Europa lief es bisher nicht gut, Tina Maze ist im Gesamtweltcup enteilt. "Jetzt kommt der nächste Schritt in meinem neuen Leben", sagte Vonn in Val d'Isere. Es ist nur schwer vorstellbar, dass damit die Titel- und Rekordgier nachlässt.