Bosnien und Herzegowina : Wenn der Krieg ins Stadion zurückkehrt

Prügeleien, Hassgesänge, Stadionverbot für Auswärtsfans – der Jugoslawien-Krieg ist lange vorbei, doch er prägt noch immer die Identität bosnischer Fußballfans.

Selbst im Fußballstadion holt Mustafa Herenda die Belagerung seiner Heimatstadt Sarajevo immer wieder ein. Wo der Bosniake auch hinschaut, alles erinnert an den Krieg, der vor zwanzig Jahren begann und sein Land auch heute noch bestimmt.

Die Fassaden der zwanzigstöckigen Mietkasernen hinter der Südtribüne tragen Narben aus Schusslöchern. Dahinter ragen die Hügel in den Himmel, von denen serbische Soldaten rund vier Jahre lang in Herendas Geburtsstadt schossen und mehr als 10.000 Menschen töteten. Das Stadion Grbravica, auf dessen Nordtribüne der Dreißigjährige sitzt und den FK Željezničar anfeuert, lag bei all dem genau an der Front, mitten in der Stadt.

Herendas Verein, der FK Željezničar, hat in den vergangenen Jahren Titel in Serie abgeräumt, in dieser Saison führt er die Tabelle nach der Hinrunde an. Richtig voll ist es in dem kleinen Stadion trotzdem nie. Wenn Herenda und die anderen Fans zur Südtribüne schauten, sahen sie einen vollkommen leeren Block. Das ist eine Spätfolge des Kriegs, denn die Vergangenheit Bosnien-Herzewoginas zeigt sich im Fußballstadion.

In der bosnischen Premijer Liga lassen sich die Vereine und ihre Fans den drei Ethnien des Landes zuordnen, muslimische Bosniaken, römisch-katholische Kroaten und christlich-orthodoxe Serben. Wenn im Stadion ein Serbe auf einen Bosniaken trifft, ist die Gefahr groß, dass die Wunden der Vergangenheit wieder aufreißen. Serben prügeln dann auf Bosniaken ein und Bosniaken auf Kroaten. Auch Messerstechereien und Schießereien kamen immer wieder vor. Die Folge: Über einen Großteil der vergangenen Saison musste der bosnische Fußballverband Auswärtsfans von den Spielen der ersten Liga aussperren. Das beruhigte die Lage, vorerst.

In der aktuellen Saison dürfen die Auswärtsfans wieder in die Stadien – und prompt kommt es auch wieder zu Gewalt, etwa beim Spiel zwischen Željezničar und Banja Luka, deren Fans überwiegend serbisch-orthodoxe Christen sind. Zu Auswärtsspielen, erzählt Herenda, fährt er schon lange nicht mehr. Er hat das Vertrauen in viele seiner Landsleute verloren, er hat Angst.

Wer verstehen will, wo all der Hass herkommt, muss aus den Stadien herausgehen und sich die Lage der Republik bewusst machen. Bosnien-Herzegowina ist ethnisch zerstückelt, von allen Seiten zerren Funktionäre an dem Land. Politisch-administrativ ist es in zwei Hälften geteilt: Die Republika Srpska, in der hauptsächlich serbische Bosnier leben und die bosnische Föderation, in der die Bosniaken und kroatische Bosnier leben. In der Politik stechen sich die Funktionäre dieser Teile gegenseitig aus. Und im Sport, wo Trikots ethnische Unterschiede offensichtlich machen, lassen die Fans ihrer Frustration freien Lauf.

Wozu die Konfrontation führen kann, weiß Herenda aus Erfahrung. Er erinnert sich noch gut an sein letztes Auswärtsspiel vor eineinhalb Jahren in Banja Luka, dem Regierungssitz der Republika Srpska. "Erst haben die Banja-Luka-Fans Sitzschalen rausgerissen und mit Steinen geschmissen", sagt er. "Und dann haben sie plötzlich angefangen, ihr Lied zu singen: 'Nož, žica, Srebrenica'" (Messer, Stacheldraht, Srebrenica). Solche Anspielungen auf das Massaker serbischer Truppen an etwa 8.000 Bosniaken hört man unter faschistischen serbischen Fan-Gruppen häufig.

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Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Sozialverhaltenstest

Problematik des Fussballspiels ist der gruppendynamische Koerpereinsatz. Und nach spannenden Zweikaempfen wird zum Abschluss heftig getreten (nach dem Ball).
Dieses "Spiel" zwischen Aufladung, Anspannung, Energieausbruch / Entladung geht emotional 1:1 auf (begeisterte) Zuschauer ueber.
Experimentell koennte man versuchen die Emotionalitaet zu "erziehen".
Dazu muessten die jeweiligen Mannschaften, deren Fans in gruppendynamischer Gewalt schwelgen, ihre Fans mal "foppen":

Nachdem ein Spiel, bei vollbesetztem Stadion, angepfiffen wurde, werden entlang der Mittellinie Campingstuehle und Campingtische fuer je ein Spielerpaar aufgestellt, und dann 2 x 45 Minuten lang Mikado gespielt :)

es gibt keine.....

......fuer alle Seiten befriedigende Loesung. Die Chance wurde damals vertan, als sich EU und USA eingemischt haben und den unertraeglichen Status der Entklaven schufen, und so die ethnischen Gruppen zu einem Zusammenleben zwangen.Z.B. leben die Muslime in Srebrenica in einer serbischen Enklave. Nach dem unvorstellbarem Massaka dort fuer diese Menschen ein unhaltbarer Zustand. Vom wirtschaftlichem Standpunkt und staendiger Benachteiligung mal ganz abgesehen. Am besten mal hinfahren und anschauen. So wird der Balkan niemals vollkommen befriedet werden.