Bosnien und HerzegowinaWenn der Krieg ins Stadion zurückkehrt

Prügeleien, Hassgesänge, Stadionverbot für Auswärtsfans – der Jugoslawien-Krieg ist lange vorbei, doch er prägt noch immer die Identität bosnischer Fußballfans. von Sebastian Kempkens

Selbst im Fußballstadion holt Mustafa Herenda die Belagerung seiner Heimatstadt Sarajevo immer wieder ein. Wo der Bosniake auch hinschaut, alles erinnert an den Krieg, der vor zwanzig Jahren begann und sein Land auch heute noch bestimmt.

Die Fassaden der zwanzigstöckigen Mietkasernen hinter der Südtribüne tragen Narben aus Schusslöchern. Dahinter ragen die Hügel in den Himmel, von denen serbische Soldaten rund vier Jahre lang in Herendas Geburtsstadt schossen und mehr als 10.000 Menschen töteten. Das Stadion Grbravica, auf dessen Nordtribüne der Dreißigjährige sitzt und den FK Željezničar anfeuert, lag bei all dem genau an der Front, mitten in der Stadt.

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Herendas Verein, der FK Željezničar, hat in den vergangenen Jahren Titel in Serie abgeräumt, in dieser Saison führt er die Tabelle nach der Hinrunde an. Richtig voll ist es in dem kleinen Stadion trotzdem nie. Wenn Herenda und die anderen Fans zur Südtribüne schauten, sahen sie einen vollkommen leeren Block. Das ist eine Spätfolge des Kriegs, denn die Vergangenheit Bosnien-Herzewoginas zeigt sich im Fußballstadion.

In der bosnischen Premijer Liga lassen sich die Vereine und ihre Fans den drei Ethnien des Landes zuordnen, muslimische Bosniaken, römisch-katholische Kroaten und christlich-orthodoxe Serben. Wenn im Stadion ein Serbe auf einen Bosniaken trifft, ist die Gefahr groß, dass die Wunden der Vergangenheit wieder aufreißen. Serben prügeln dann auf Bosniaken ein und Bosniaken auf Kroaten. Auch Messerstechereien und Schießereien kamen immer wieder vor. Die Folge: Über einen Großteil der vergangenen Saison musste der bosnische Fußballverband Auswärtsfans von den Spielen der ersten Liga aussperren. Das beruhigte die Lage, vorerst.

In der aktuellen Saison dürfen die Auswärtsfans wieder in die Stadien – und prompt kommt es auch wieder zu Gewalt, etwa beim Spiel zwischen Željezničar und Banja Luka, deren Fans überwiegend serbisch-orthodoxe Christen sind. Zu Auswärtsspielen, erzählt Herenda, fährt er schon lange nicht mehr. Er hat das Vertrauen in viele seiner Landsleute verloren, er hat Angst.

Wer verstehen will, wo all der Hass herkommt, muss aus den Stadien herausgehen und sich die Lage der Republik bewusst machen. Bosnien-Herzegowina ist ethnisch zerstückelt, von allen Seiten zerren Funktionäre an dem Land. Politisch-administrativ ist es in zwei Hälften geteilt: Die Republika Srpska, in der hauptsächlich serbische Bosnier leben und die bosnische Föderation, in der die Bosniaken und kroatische Bosnier leben. In der Politik stechen sich die Funktionäre dieser Teile gegenseitig aus. Und im Sport, wo Trikots ethnische Unterschiede offensichtlich machen, lassen die Fans ihrer Frustration freien Lauf.

Wozu die Konfrontation führen kann, weiß Herenda aus Erfahrung. Er erinnert sich noch gut an sein letztes Auswärtsspiel vor eineinhalb Jahren in Banja Luka, dem Regierungssitz der Republika Srpska. "Erst haben die Banja-Luka-Fans Sitzschalen rausgerissen und mit Steinen geschmissen", sagt er. "Und dann haben sie plötzlich angefangen, ihr Lied zu singen: 'Nož, žica, Srebrenica'" (Messer, Stacheldraht, Srebrenica). Solche Anspielungen auf das Massaker serbischer Truppen an etwa 8.000 Bosniaken hört man unter faschistischen serbischen Fan-Gruppen häufig.

Leserkommentare
  1. Eigentlich müsste amn solche Menschen hassen und verachten, aber im Grunde sind das ganz ganz arme Würstchen.

    Wie klein muss Verstand und Gehirn sein, wenn es nichts als dumme Vorurteile und Rassismus hervorbringt...???

    Traurig, ganz traurig!

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  2. Problematik des Fussballspiels ist der gruppendynamische Koerpereinsatz. Und nach spannenden Zweikaempfen wird zum Abschluss heftig getreten (nach dem Ball).
    Dieses "Spiel" zwischen Aufladung, Anspannung, Energieausbruch / Entladung geht emotional 1:1 auf (begeisterte) Zuschauer ueber.
    Experimentell koennte man versuchen die Emotionalitaet zu "erziehen".
    Dazu muessten die jeweiligen Mannschaften, deren Fans in gruppendynamischer Gewalt schwelgen, ihre Fans mal "foppen":

    Nachdem ein Spiel, bei vollbesetztem Stadion, angepfiffen wurde, werden entlang der Mittellinie Campingstuehle und Campingtische fuer je ein Spielerpaar aufgestellt, und dann 2 x 45 Minuten lang Mikado gespielt :)

  3. Man muss eines begreifen: Bosnien ist ohne internationale Hilfe nicht überlebensfähig. Die Politiker machen sich einen "Sport" daraus, die Verschärfte Situation aufrecht zu halten. Andererseits war der Jugoslawienkonflikt für viele heute führende Politiker der EU und USA eine Karriereförderung. Mittlerweile sind etliche dieser Funktionäre mit lokalen Machthabern eng verbandelt. Die Verhältnisse in Bosnien werden überwiegend vom Ausland bestimmt. Die EU ist gerade dabei, das widerspenstige Serbien in ihre Osterweiterung einzugliedern. Dabei ist Bosnien auch ein Druckmitteln, den in der serbischen Republik leben 1,5 Millionen Serben, denen die Vereinigung mit Serbien verboten wird. Die "Föderation" hingegen muss den Konflikt aufrecht erhalten, ihre Politiker leben davon. Ohne ihn würden sie in der Bedeutungslosigkeit versinken und die EU-Verwaltung wäre arbeitslos. Das Ausland trägt keinesfalls zur Versöhnung bei, im Gegenteil. Es verursachte den Jugoslawienkonflikt und es hält ihn bis heute am Köcheln, aus diversen, auch bereits geschilderten Gründen. Der Balkan ist ein Spiegel internationaler Politik.

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    Ich kann nicht alle Ihre Argumente nachvollziehen. Aber wie sieht aus Ihrer Sicht eine Lösung für die Probleme BiH aus? Die Respublika an Serbien und die kroatischen Teile an Kroatien?

  4. Vielen Dank fuer Ihren Kommentar.Sie trffen den Sachverhalt genau und Sie haben einen, fuer alle leicht verstaendliche Erklaerung verfasst. Scheinbar geben viele Mitforisten einfach nur Ihre Meinung zum Besten, ohne die genauen Hintergruende zu kennen.Gruss aus Travnik in Mittelbosnien

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    und wenig nuetzlich, wenn die "genauen Hintergruende immer nur die Anderen" als die Schuldigen betrachten.

  5. nein, das seh ich nicht so, dass die art von fußball spiel 1 zu 1 auf die ränge übertragbar ist...
    wie würdest du sonst so die friedlebende fangemeinde eines rugby spiels erklären?

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    interessanter Vergleich.
    Ich moechte antworten, dass die Fangemeinde der Rugby-Spieler ein anderer Typ Fan ist.
    Auf diesen Typ Fan geht "das Spiel" ebenso 1:1 ueber, aber es wirkt anders in ihm/ihr.

    Lassen Sie uns zum Vegleich ein MusikKonzert heranziehen:
    Ein Schlager Konzert und ein HeavyMetall Konzert.
    Wo wirken Emotionen intensiver bzw. finden einen anderen psychischen/physischen Ausdruck?

    hinkt natuerlich etwas. Aber vielleicht erzaehlen Sie mir Ihre Einschaetzung darueber, wie sich eine Fussballfangemeinde waehrend eines Mikado spiels verhalten koennte? :)

  6. und wenig nuetzlich, wenn die "genauen Hintergruende immer nur die Anderen" als die Schuldigen betrachten.

    Antwort auf "an vertigo echo"
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    ....nicht um schuldig oder nicht schuldig, sondern um das Verstehen.

  7. interessanter Vergleich.
    Ich moechte antworten, dass die Fangemeinde der Rugby-Spieler ein anderer Typ Fan ist.
    Auf diesen Typ Fan geht "das Spiel" ebenso 1:1 ueber, aber es wirkt anders in ihm/ihr.

    Lassen Sie uns zum Vegleich ein MusikKonzert heranziehen:
    Ein Schlager Konzert und ein HeavyMetall Konzert.
    Wo wirken Emotionen intensiver bzw. finden einen anderen psychischen/physischen Ausdruck?

    Antwort auf "@intelligänsel"
  8. hinkt natuerlich etwas. Aber vielleicht erzaehlen Sie mir Ihre Einschaetzung darueber, wie sich eine Fussballfangemeinde waehrend eines Mikado spiels verhalten koennte? :)

    Antwort auf "@intelligänsel"

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