Bundesliga-JahresrückschauDas Fußballgott bestrafte Hoffenheim

Vom reuigen Rückkehrer van der Vaart über Ballack, den unvollendeten Karrierebeender bis zum Jahrhunderttrainer: das Wichtigste aus einem Jahr Bundesliga. Von T. Jochheim von 

Hoffenheimer Beine im Spiel gegen den BVB

Hoffenheimer Beine im Spiel gegen den BVB  |  © D. Roland/AFP/Getty Images

Wer spielte wie gegen wen?

Ginge es in der Bundesliga nach unserem gregorianischen Kalender, hätte Jürgen Klopp wohl einen dicken Hals. Im Jahr 2012 landet der BVB genau mit einem Punkt Rückstand auf Platz zwei der Tabelle. Die Bayern führen mit 24 gewonnenen Spielen und 78 Punkten. Wirkliche Überraschungen im Jahresvergleich: Stuttgart steht auf Platz vier, Freiburg ist sechster, Hamburg und Bremen dümpeln auf den Rängen zwölf und dreizehn. Falls Sie es noch nicht wissen: Der Bundesliga ist der päpstliche Jahreswechsel egal. Die interessante Jahrestabelle von den Kollegen ist so wichtig wie die Tweets von Boris Becker im Jahr 2012. Können sie so schnell vergessen, wie dieses Interview endet.

Welche Spiele durften Sie auf keinen Fall verpassen?

Die Duelle zwischen Bayern und Dortmund . Die Borussia triumphierte in den ersten Monaten. Gekrönt wurde diese westfälische Jahreshälfte im Mai. Da verstand man in München nach zwei Finalniederlagen dahoam (im Pokal verdient gegen Dortmund , in der Champions League unverdientest gegen Chelsea ) zum ersten Mal die ganze Tragweite von Erik Meijers Worten: "Nichts ist scheißer als Platz zwei."

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Nach der Sommerpause stellte Dortmund seinem Trainer des Jahres den Spieler des Jahres zur Seite, Marco Reus. Guter Zug, aber zwecklos. Die Bayern erstürmten sich geradezu unanständige 42 Punkte und 44:7 Tore. Damit sind Meister-Tipps jeglicher Art Makulatur. Dabei wäre es soziologisch spannend gewesen zu sehen, ob sich nach einem dritten Dortmunder Meistertitel in Folge die öffentliche Meinung gegen den bisher konsensfähig schwarz-gelb-geilen Verein gewandt hätte: Würde man beginnen sie zu hassen wie die Bayern – oder ihnen weiter durchs Haar wuscheln wollen wie Sebastian Vettel , dem Abo-Champion mit menschlichem Antlitz? Auch verpassen wir die dadurch entfesselte Reaktion aus München: Hoeneß würde Messi notfalls kidnappen und Trainer-, Co-Trainer- und Fitness-Trainer-Stelle mit Klopp, Mourinho und Guardiola besetzen. Für den Titel 2014. Koste es, was es wolle – sei es den Verkauf des Tafelsilbers, sprich: Stadion und Wurstfabrik.

Welche Spiele konnten Sie mit gutem Gewissen verpassen?

Alle mit Hoffenheimer Beteiligung. Gerüchten zufolge hatte dabei das Fußballgott seine Finger im Spiel. Der Klub des Hopp eilte jedenfalls von Flop zu Flop: Stanislawski und Babbel kamen und gingen. Tim Wiese rückte an, die Aussicht, international zu spielen, verschwand. Und Vedad Ibisevic knüpfte zwar an alte, torgefährliche Zeiten an, aber erst nach seiner Flucht nach Stuttgart. Kampflos, willenlos, blutleer – dieses Hoffenheimer Team erfüllt jedes "Scheiß Millionäre"-Klischee so gründlich, dass es keinen Spaß mehr macht, darauf herumzutreten.

Wer stand im Blickpunkt?

Rafel van der Vaart, der reuige Rückkehrer, der bis zu seiner Verletzung dem elbphilharmonieähnlichen Projekt HSV mächtig Schwung gab . Michael Ballack , der unvollendete Karrierebeender. Huub Stevens, der geschasste Jahrhunderttrainer . Klaus Allofs, der überraschende Frontenwechsler, dem das Kunststück gelang, den VfL Wolfsburg noch unbeliebter zu machen, indem er nach seiner Blitzscheidung in Bremen flugs noch dem 1. FC Nürnberg den Mann ausspannte, weshalb der Schuster notgedrungen bei seinen Leisten blieb. Und Juan Arango, der introvertierte Traumtorschütze , dessen Abschlüsse zumindest den Vergleich mit Zlatan Ibrahimovics Jahrhunderttreffer nicht scheuen müssen. Gar in den Schatten stellen wollte die FAZ diesen mit einem Tor, das Ibrakadabras Technik und Arangos Distanz kombinierte – einem 40-Meter-Fallrückzieher eben. Den es durchaus gab, aber leider nur an der Spielkonsole

Was waren die drei Tweets des Jahres?

Worüber reden nach diesem Jahr alle?

Über die Fans. Deren überwältigende Mehrheit zusammensteht, jubelt, leidet, tanzt und singt, farbenprächtige Choreographien vollführt, gegen die Abschaffung von Stehplätzen protestiert und ihren Unmut über das DFL-Sicherheitspapier koordiniert schweigend kundtut. Leider aber auch über diejenigen, die im wahrsten Sinne des Wortes fanatisch sind. Und für traurige Tiefpunkte sorgten, vom Platzsturm Düsseldorfer Fans über die massive Bedrohung eines Profis bis zum beispiellosen Tod eines Linienrichters in den Niederlanden .
Früher mag das Hooligantum noch schlimmer gewesen sein , heute mag man auch mit vierjährigen Mädchen ins Stadion gehen können . Doch all das taugt nicht zur Relativierung. Wer das Porträt eines Mannes liest, dessen Leben durch Pyrotechnik zerstört wurde, versteht: Dagegen gehört gekämpft – mit dem Minimalziel der Schaffung spezieller Pyro-Abbrenn-Sicherheitszonen. Diesem Kampf erweisen die Hardliner aus Politik und DFL allerdings einen Bärendienst, indem sie mit Statistiken hausieren, die kritischen Nachfragen wie solchen der Spiegel-Online -Kollegen vorne und hinten nicht standhalten.

Was machten die Frauen?

Die Dreifaltigkeit aus Potsdam (Meister von 2009 bis 2012), Frankfurt (durch Verletzungen wie Bajramajs Kreuzbandriss geschwächt) und Duisburg (derzeit trainerlos) hat Konkurrenz bekommen. Herbstmeister ist Wolfsburg , Pokalsieger Bayern lauert auf Platz vier. Mehr Besucher brachte das nicht. 60.554 Zuschauer waren in der Hinrunde dabei – insgesamt, das entspricht 891 pro Spiel. In der Spielzeit 2011/12 waren es noch 1.121 Zuschauer im Schnitt gewesen.Die Nationalmannschaft gab sich nach dem verkorksten Jahr 2011 keine Blöße. Zehn von 13 Länderspielen wurden gewonnen, in zwei Partien gegen die USA sowie gegen Frankreich reichte es zu Unentschieden. Da war das wichtigste Spiel des Jahres längst gewonnen – im Finale des Algarve-Cups hatte Célia Okoyino da Mbabi den Weltmeister Japan mit einem Hattrick fast allein geschlagen. Zur EM 2013 in Schweden fahren die Deutschen als Sowas-von-Favoritinnen.

Was war sonst noch wichtig?

Der Charakter der drei Aufsteiger. Die Fürther ziehen sich Woche für Woche das Büßergewand an und leiden stellvertretend für uns alle, die wir auch das Tor nicht treffen, aber jederzeit hart und fair bleiben und uns nach dem Abpfiff in schwarzen Humor flüchten. Mike Büskens und seine Jungs sind schlichtweg echt und die sympathischsten Verlierer aller Zeiten. Als ungleich erfolgreicher erwiesen sich Fortuna Düsseldorf und Eintracht Frankfurt, die nach sechs Spieltagen unter den ersten drei standen. Die Maurermeister vom Rhein rutschten danach ins Mittelfeld ab, Frankfurt allerdings ist punktgleich mit der Borussia, und zwar jener aus Dortmund. Chapeau, Armin Veh und Alex Meier . Ein ebenso großes Lob geht an zwei andere von Jogi Löw Verschmähte: Stefan Kießling war mit seinen Toren der treffsicherste Mann im Kalenderjahr 2012, René Adler hielt überragend und den HSV oft eigenhändig im Spiel. Ohne ihn müsste man sich längst fragen, ob die Bundesliga-Zeit der Hamburger vorüber ist.

Zwei Unglücksraben noch: Hannovers Leon Andreasen erlitt kurz nach dem Comeback von zweijährigen Leistenproblemen einen Kreuzbandriss , Nürnbergs Marcos Antonio verschuldete bei seinem Bundesliga-Debüt in 16 Spielminuten ein Gegentor (beinahe sogar zwei) und bekam nie die Chance, es auf dem Platz wieder gut zu machen. Kopf hoch, Jungs. Bis ihr heiratet 2013 wird alles wieder gut!

Welches waren die drei Zitate des Jahres?

"Wir sind hier nicht bei James Bond, es geht nicht um die Weltherrschaft."
BVB-Trainer Jürgen Klopp nach dem Pokalsieg auf die Frage, ob Dortmund das neue Bayern sei.

"Wir müssen schon auf Gorilla machen, also auf kleiner Gorilla."
Christian Streich über die Mentalität beim SC Freiburg , den er zur erfolgreichsten Hinrunde der Vereinsgeschichte führte.

"Ich wollte Eto'o, aber der Präsident hat wohl Edu verstanden."
Mike Büskens, dessen Fürther als Sisyphos-Inkarnationen Spieltag für Spieltag vergeblich das gegnerische Tor berennen. Edu erzielte ein Tor. Immerhin eines mehr als alle anderen Stürmer zusammen.

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Leserkommentare
  1. durch Pyrotechnik zerstört wurde," ...

    Also ich bin nach der Lektüre des betreffenden Artikels dafür, dass alle Fussball-Fans solange vor jedem Spiel gründlichst kontrolliert werden sollten, bis solch feige Täter nicht mehr gedeckt werden, und zusätzlich zu allen sonstigen Strafen mit lebenslangem weltweitem Stadionverbot bestraft werden. Letztere Strafe sollte auch gegen ihre Supporter verhängt werden.

    Solche Leute sind keine Fans!

  2. Herrlicher Treffer!
    Das Fussballgott hat Vertrag bis 2014.

  3. ...ist wenn man selber lacht, um? Aber in einem Artikel erst über andere (FAZ) Lachen und gleichzeitig zwei dicke Klöpse einbauen ist schon gewagt. Der Linienrichter wurde genausowenig von Fans totgeprügelt wie Marco Antonio ein Eigentor erzielte.

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    Freier Autor

    Lieber Hampelmann,

    vielen Dank für Ihren Kommentar, aber die von Ihnen angesprochenen Klöpse gab es nur auf dem Festtagstisch.

    Den Linienrichter haben "diejenigen, die im wahrsten Sinne des Wortes fanatisch sind" auf dem Gewissen. Das habe ich geschrieben und das ist auch korrekt. Dass die Täter Fans gewesen sein sollen, ist Ihre Implikation - die allerdings zugegebenermaßen nahe liegt, im Kontext des entsprechenden Absatzes. Die von mir umschriebene Gruppe ist aber leider groß und umfasst nicht nur Fans.

    "Marco Antonio" heißt Marcos Antonio (den Akzent habe ich geschleift, aber keinen ganzen Buchstaben) und er hat das Eigentor tatsächlich nicht erzielt - aber zweifellos verschuldet. Wie ich schrieb. Hier das vermutliche traurige Ende seiner Geschichte: http://www.nordbayern.de/...

    mit freundlichen Grüßen
    Tobias Jochheim

  4. Er kann überhaupt kein Eigentor verschuldet haben, da in diesem Spiel keins gefallen ist.

    Zu dem "Fans" vs. "fanatisch": sehr missverständlich, wenn Sie den Absatz so beginnen...

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    Freier Autor

    Da hat mir das Völlegefühl im Magen wohl mächtig aufs Sprachzentrum geschlagen. Sie haben Recht: Auch ein Gegentor, das man dem Gegenspieler mustergültig auflegt, ist... kein Eigentor. Sondern "nur" ein Gegentor. Entschuldigung dafür.

  5. Freier Autor

    Da hat mir das Völlegefühl im Magen wohl mächtig aufs Sprachzentrum geschlagen. Sie haben Recht: Auch ein Gegentor, das man dem Gegenspieler mustergültig auflegt, ist... kein Eigentor. Sondern "nur" ein Gegentor. Entschuldigung dafür.

    Antwort auf "Eigentor"
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    rené adler wurde von jogi löw nicht verschmäht sondern nominiert, gegen die niederlande.

  6. 7. Zefix!

    Verehrter Herr Jochheim, nun ist es ja immer von erklecklicher Peinlichkeit, wenn ein nicht eines fremden Idioms Mächtiger genau dieses benutzt. Nie aber ist einem Wort in einem Jahr ähnlich Gewalt angetan worden, wie dem schönen bayerischen "dahoam" im Jahr 2012. Selbst jeder Bayer wagt kaum mehr, es in den Mund zu nehmen, nachdem er hierzu im vergangenen Jahr eine Unmenge phonischer Verrenkungen aus dem Norden an seinen Gehörgang lassen musste.

    Dass nun aber auch noch die Pokalniederlage von Bayern in Berlin als ein "Finale dahoam" bezeichnen, ist aber nun wahrhaft noch viel, viel deprimierender als das Ergebnis seinerzeit. BERLIN, Herr Jochheim, BERLIN! Fällt Ihnen etwas auf? Ausgerechnet! Des is ned dahoam! Da wär's ja noch besser gewesen, einen langen Absatz über das angebliche Dortmund-Trauma der Bayernfans zu verlieren. War eigentlich erwartbar, auch wenn dieses Phänomen keiner von uns kennt. Also, Herr Jochheim, Ihr erster Vorsatz für's neue Jahr muss lauten: Kein Bayerisch reden, wenn man's nicht kann! Nix für unguad!

    Eine Leserempfehlung
  7. ... die "phonische Verrenkung" ist natürlich selbst eine solche, da eher "phonetisch". Da sehen Sie mal, Herr Jochheim, was dieses Totreiten des Wörtchens "dahoam" an wahren Traumata bei einem Bajuwaren auslöst! ;-)

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