Los geht es in Stuttgart. Schalke ist zu Gast, es kommentiert Martin Groß. Der wünscht dem Schiedsrichter erst mal ein gutes Spiel. "Wie uns allen hier."

Hier: Das ist nicht Stuttgart; sondern Ismaning, Landkreis München. Uns: Damit sind nicht die Fans und Spieler gemeint. Groß spielt wohl unterbewusst auf seine Kommentatoren-Kollegen an, die sitzen in den Nebenzimmern. Und auf die Regie, nur dreißig Meter entfernt. Auch die Grafik und der Schaltraum im Gebäude gegenüber sind gemeint. Denn Martin Groß sitzt in einer Box, so klein wie ein Mittelklassewagen, über 200 Kilometer vom Spielort entfernt. Davor ist die Boxengasse, ein Flur mit viel Weiß und Grau. Türen führen zu den Kabinen. Heute sind fünf besetzt, es ist Samstagnachmittag, halb vier, Bundesliga-Konferenz des Pay-TV-Senders Sky.

Das Gelände, auf dem die Konferenz produziert wird, war früher eine Ziegelei. Heute gehören Gebäude und Technik einem Dienstleister, Sky ist Mieter. Es gibt auf dem Gelände in Ismaning noch andere Medienunternehmen und Verlage. Ein bisschen Backstein, ein bisschen Neubau. Ab und an ist entferntes Turbinenrauschen von Flugzeugen zu hören, ansonsten aber herrscht Stille. Samstags fährt alle 40 Minuten ein Bus zur nächsten U-Bahnhaltestelle.

Gut anderthalb Millionen Menschen schauen jeden Samstagnachmittag die Bundesliga live, auch heute wieder. Die Hälfte davon sucht sich ein Live-Spiel aus, bei denen die Kommentatoren auch im Stadion sitzen; die andere Hälfte schaltet die Konferenz ein. Nach Senderangaben kommen nochmal 40 Prozent Kneipenzuschauer hinzu. Wirklich viel ist das nicht. Andererseits: Quoten sind nur bedingt wichtig für den Sender, Werbung läuft wenig. Die Abos sind entscheidend und ob der Decoder dann läuft oder nicht – eigentlich egal, gezahlt wird ja eh.

Über Kopfhörer den Kollegen zuhören

Der Dinosaurier der TV-Bundesliga-Konferenz heißt Christian Schulten. Seit zehn Jahren entscheidet er, wann in welches Stadion geschaltet und wie lange von dort gesendet wird. Schulten ist der Leiter der Konferenz. Mit Headset sitzt er in der Regie, auf dem Tisch vor ihm Dutzende Schalter, umgeben aber ist er von Wänden. Eine vor ihm: die Wand aus Bildschirmen, 35 neben- und übereinander. Und eine neben ihm, Berti Wand, Ablaufredakteur und Schultens rechte Hand. Minutenvorgaben, wann welches Spiel und wie lange zu zeigen ist, gibt es nicht. "Das ist meine freie Entscheidung. Viel hängt vom Bauchgefühl ab", sagt Schulten. Sein Urlaub, wie auch der der anderen Beteiligten am Produktionsprozess der Bundesliga, richtet sich nach der Sommer- und Winterpause im Fußball. Verpasst hat Schulten seit 2002 fast keine Konferenz. Mindestens 1.500 hat er bereits betreut, neben der Bundesliga noch die Champions League und den DFB-Pokal.

Marco Hagemanns Stimme ist zu hören, er kommentiert das Spiel der Dortmunder gegen Wolfsburg und sitzt in Box Nummer drei. Genauer in der Box der Box. Denn durch eine Fensterscheibe sieht er in einen kleinen Raum. Dort sitzt sein Operator, der Bediener, der für die Technik bei diesem Spiel zuständig ist sowie einen Redakteur, der hilft bei der Zusammenfassung im Anschluss an die Konferenz. Vor Hagemann sind vier Bildschirme aufgebaut: Oben links die Konferenz, oben rechts der geplante Sendeablauf, unten links sieht Hagemann sein Livespiel, unten rechts das, was die Kollegen hinter der Glasscheibe für die anschließende Zusammenfassung basteln. Dort kann er sich auch einzelne Spielszenen nochmal einspielen lassen, bei strittigen Elfmeterentscheidungen zum Beispiel. "Wenn nicht so viel los ist, dann kann man sich auch mal zurücklehnen und die Konferenz schauen", sagt er später. Denn über die Kopfhörer können die Kommentatoren ihre Kollegen auch hören.