DFL-SicherheitskonzeptWarum die ganze Aufregung um sichere Fußballstadien?

Am Mittwoch stimmen die deutschen Fußballclubs über ein neues Sicherheitskonzept ab. Wieso ist das nötig? Warum protestieren die Fans? Die wichtigsten Antworten von 

Fans von Borussia Dortmund protestieren gegen das DFL-Sicherheitspapier.

Fans von Borussia Dortmund protestieren gegen das DFL-Sicherheitspapier.  |  © Kevin Kurek/picture alliance/dpa

Wieso die Aufregung?

Für einige steht die Zukunft des deutschen Fußballs auf dem Spiel. Es geht darum, wie der Besuch eines deutschen Fußballstadions künftig aussehen wird. Am Mittwoch sitzen die Vertreter aller 36 Klubs der 1. und 2. Fußball-Bundesliga in Frankfurt zusammen. Dort, auf der Vollversammlung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) sollen sie über ein neues, schärferes Sicherheitskonzept für die Fußballstadien dieses Landes abstimmen. Doch das Konzept ist umstritten. Fans protestieren schon seit Wochen und fürchten den Untergang der Fankultur, die Klubs sind sich uneinig und werden wie die DFL von politischen Hardlinern unter Druck gesetzt.

Was steht in dem DFL-Sicherheitspapier?

Aufgeschreckt durch die chaotischen Vorkommnisse rund um das Relegationsspiel Düsseldorf gegen Berlin im Mai und durch populistische Einwürfen aus der Politik ersann die DFL-Sicherheitskommission ein neues Konzept. Ursprünglich bestand dieses Konzept "Sicheres Stadionerlebnis" aus einer 32-seitigen Powerpoint-Präsentation . Darin ging es unter anderem um mögliche Nacktkontrollen, einen neuartigen Fankodex, dessen Nichtbeachtung zum Entzug von Fanpriviligien führt. Das Konzept, über das die Vereine im Oktober berieten, scheiterte jedoch krachend. Viele Vereine weigerten sich nach Rücksprache mit ihren Fans, dem Papier zuzustimmen. Nun hat der Ligaverband das Konzept überarbeitet. Einige Maßnahmen wurden etwas weniger scharf formuliert. Zudem ist in der Einleitung des Pakets explizit von einem "kontinuierlichen und verbindlichen Dialog mit den Fans" als "wichtiger Bestandteil eines Gesamtkonzepts zur Förderung und Gewährleistung eines sicheren Stadionerlebnisses" die Rede. Über das Paket wird nun in 16 Anträgen (Download hier) einzeln abgestimmt.

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Warum protestieren die Fans trotzdem noch?

Nacktkontrollen werden nach wie vor nicht kategorisch ausgeschlossen. Zudem soll dem Heimverein künftig erlaubt sein, den Gästeticket-Anteil zu reduzieren. Bisher lag der pflichtgemäß bei zehn Prozent. Einige Fans setzen sich noch immer für eine Legalisierung von Pyrotechnik ein, andere lehnen das ab. Vor allem aber geht es den organisierten Fans um die mangelnde Kommunikation. Schon beim ersten Entwurf kritisierten sie, dass kein Fanvertreter in die Gespräche eingebunden war. Auch bei der Überarbeitung des Konzepts fühlten sich die Fans, also die Personen, um die es in diesem Papier hauptsächlich geht, außen vor. Das Konzept wurde für die Fans längst zu einem Symbol über ihren Stellenwert im modernen Fußball. Sie fühlen sich nur als lästiges Anhängsel, obwohl sie mit ihren Gesängen und Choreografien doch einen wesentlichen Beitrag zum Erlebnis Stadionbesuch leisten. Sie fürchten durch neue Repressionen eine weitere Verdrängung zugunsten eines zahlungskräftigeren, aber emotionsloseren Publikums.

Wie sicher sind die deutschen Stadien eigentlich?

Sehr sicher. Selbst wenn man die kürzlich veröffentlichten umstrittenen, weil von der Polizei erstellten Zahlen der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) als Grundlage nimmt, verwundert die derzeitige Sicherheitsdebatte. Zwar dokumentierte die ZIS im vergangenen Jahr 1.142 verletzte Personen, 7.298 Verhaftungen und 8.143 eingeleitete Strafverfahren rund um Spiele der 1. und 2. Bundesliga und damit höhere Werte als in den Vorjahren ( Download hier ). Runtergebrochen auf die 18 wöchentlichen Großveranstaltungen mit jeweils meist mehreren Zehntausend Zuschauern bedeuten die Zahlen aber: Pro Spieltag gibt es in den Stadien der ersten und zweiten Liga 1,6 Verletzte. Oder: Nur etwa 0,005 Prozent der Stadiongänger werden verletzt. Jedes Volksfest, jeder Diskobesuch, jede Autofahrt ist demnach gefährlicher als der Besuch eines Fußballstadions.

Leserkommentare
  1. Dass man den Fans "im Vorwort" zu diesem Paket einen Dialog anbietet und dann gleichzeitig - ohne Dialog - die Fans vor vollendete Tatsachen setzt, ist ein Treppenwitz. Den Dialog mit den Fans bislang verweigert zu haben, ist ein katastrophaler Fehler gewesen, der am Ende viele Fans noch mehr radikalisieren wird.

    Nacktkontrollen sind vollkommen indiskutabel. Wir reden hier nicht um Terrorismus, sondern um einen Stadionbesuch. Was Pyro angeht: Mir geht zwar auf die Nerven, dass dieser Punkt von den Ultras zum Heiligtum hochgeredet wurde, man kann ein Spiel auch ohne Pyro stimmungsvoll gestalten. Aber auch hier geht es nun nur ums Prinzip und nicht um Inhalte. Dies müssen sich beide Fronten vorwerfen lassen.

    Ein Mensch, der eine bunte Fackel in der Hand hält, ist für mich kein Gewalttäter. Da stimme ich eher einem Fan-Beitrag, den ich mal auf 11 Freunde gelesen habe, zu: Dass ich mich in der Halbzeit zu Zeiten des modernen Kommerzfußballs kaum mehr unterhalten kann, weil ich mit der Lautstärke eines Düsenjägers mit grauenvoller Musik und Werbung zugedröhnt werde, lässt mich über den Gewaltbergriff neu nachdenken.

    Es gibt keinerlei wissenschaftliche Erkenntnisse, dass die Gewalt im Stadion zugenommen hat. Das Gegenteil ist der Fall. Im Vergleich zu den 80ern herrscht heute im Stadion Kindergeburtstag. Hysterie in der Diskussion ohne Ende. Sollten am Ende die Stehplätze abgeschafft werden, werde ich nicht mehr ins Stadion gehen.

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    • lxththf
    • 11. Dezember 2012 21:00 Uhr

    schließen sich dann die Fans an. Aber Ihr Beitrag beschreibt es sehr treffend. Es wird viel zu selten erwähnt, dass die Gewalt größtenteils ausserhalb des Stadions stattfindet und dann in der Regel auch nur zwischen den Gruppen, die sich eh dazu verabreden. Was die Pyro betrifft. Es ist kein Geheimnis, dass so eine Fackel gefährlich ist, weil extrem heiß und nicht löschbar. Auf der anderen Seite steht gerade Silvester vor der Tür und da wird auch kein Terz darum gemacht.
    Ein stückweit ist diese ganze Diskussion aber sehr passend. Die Bundesliga wird einfach immer steriler und selbst die Ultragruppen passen irgendwie dazu, denn viele Übertreiben es da auch einfach extrem mit ihrem "support".

    • praenki
    • 11. Dezember 2012 19:46 Uhr
    10. Vehikel

    Stimme Generaldirektor_Haffenloher ausdrücklich zu. Darüber hinaus: Die Verteufelung der sicherlich nicht ungefährlichen Pyrotechnik ist nur das Vehikel zur Durchsetzung restriktiver Maßnahmen, die den Fußball von "Schmuddelfans" säubern und das Erlebnis Stadionbesuch für Tanja, Heike, Udo und Stefan kuscheliger machen sollen. So wie ein PUR-Konzert. Blöd nur, dass Stimmung ohne den ungeliebten, nicht so einfach zu disziplinierenden harten Kern nicht mehr so recht aufkommen will, wie 12:12 bewiesen hat. Was denen aber auch einfällt, schließlich hat man doch für die Stimmung mitbezahlt...

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    Das ist genau das, was mich bei dieser Diskussion bei vielen Fans massiv stört: Die sorgen für die Stimmung, also dürfen sie sich auch über Regeln hinwegsetzen. Pyrotechnik hat aus vielen Gründen (gefährlich, behindert die Sicht, stinkt, ...) einfach nichts im Stadion zu suchen, punkt! Ja, ohne die Ultras wäre ein Stadionbesuch bei weitem kein so tolles Erlebnis, aber was da abläuft ist nichts anderes als der Versuch einer Erpressung!
    Was das Sicherheitskonzept angeht, da bin ich ganz auf Seite der Fans, total überzogen und eben ohne mitwirkung (selbst gemäßigter) Fans entstanden.

    • bengel2
    • 11. Dezember 2012 19:47 Uhr

    Und mittlerweile ist man auch ziemlich müde, sich mit dieser Luftnummer immer wieder auseinander zu setzen.

    Zu den Protagonisten in der ersten Reihe, den Innenpolitikern Friedrich, Cafffier, Jäger, Schünemann, Bouffier kann man sich gar nicht äußern, ohne direkt gelöscht zu werden. Hier helfen auch nur gewisse Kreuzchen auf gewissen Zetteln. Mit Hr. Schünemann in Niedersachsen darf es im Januar gerne losgehen.

    Ähnliches gilt für den schillernden Hr. Wendt von der DPolG („Die Stehplätze gehören abgeschafft, die Zäune erhöht, und bei jeder Ausschreitung sollten für den Verein 100.000 Euro fällig werden. Wem zudem strenge Leibesvisitationen nicht passen, der soll vor dem Stadion bleiben.“). Trotz - Verzeihung - solchem Schwurbelschwachsinn wird dieser Herr immer wieder von zahlreichen Medien konsultiert, wenn es an Auflage und Klicks fehlt. Und da hapert es ja des öfteren dran, was die opportunistische, hetzende Berichterstattung des Bouelvards und darüber hinaus miterklärt - aber nicht rechtfertigt. Max Goldts Bonmot sollte sich heute nicht mehr nur auf die BILD-Zeitung beschränken.

    Last, but not least der adventure-Bodensatz in der Fankurve der mit "Emotionen respektieren, Pyrotechnik legalisieren" um die Ecke biegt. Auch da: Gute Besserung! Wer sich selbst und seine Kultur freiwillig auf Bengalos reduziert, der hat irgendwas vom Fussball nicht richtig verstanden.

    Allen anderen und mir selbst wünsche ich, dass der Fussball so bleiben kann, wie er jetzt ist.

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  2. war bei dem Stadionbrand in Bradford (siehe Ihr Link) nicht im Spiel, sondern wahrscheinlich eine Zigarette. Spricht eigentlich eher für die Kontrollierbarkeit von Pyro und die Gefährlichkeit von Zigaretten.

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    Antwort auf "Zum Nachdenken ..."
  3. Solange eine Frau Maischberger, eine offensichtlich ausgewiesene Fußballkennerin und Dauerkartenbesitzerin, in ihrer Talkshow von den Fans als "Fußball-Taliban" schwadronieren kann und solange ein Herr Johannes Baptist Kerner, der die Stadionperspektive nur aus dem Logensitz heraus kennt, ungestraft in TV Baby-Puppen anzünden darf und dabei hyperventilierend "Gewalt, Gewalt" rufen darf, solange brauchen wir uns über den Stand der Debatte nicht zu wundern.

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  4. Wo liegt hier eigentlich ein Problem?
    Die Vereine haben die Möglichkeit, duch ihre Stadionordnung rigeros gegen nicht genehmes Publikum vorzugehen. Verbergen sich Pyromanen beispielsweise unter Bannern, um ihre Identität durch Umziehen der Oberbekleidung zu vertuschen, könnten die Vereine solche Fanutensilien einfach verbieten. Möchte man keine agressiven Krawalle, werden alkoholisierte Fans einfach nicht ins Stadion gelassen und es gibt keinen Alkoholausschank im und um das Stadion. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Stadionkontrollen mitunter sehr lasch sind. Auch da könnte man ansetzen. Also: Wenn die Vereine gerne ihre Ultras pflegen und hegen wollen, sollen sie doch auch für deren Unheil bezahlen.

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    Ach ja: Wieso ziehen die Fans eigentlich keine Konsequenzen, wenn ihnen der Spielbetrieb nicht passt? Wenn diese geschlossen ihre Dauerkarten nicht wieder kaufen und stattdessen zu den Amateurteams ihrer Mannschaften gingen, hätten sie sicherlich postwendend Mitsprache bei ihren Vereinen (und AGs)...

  5. Ach ja: Wieso ziehen die Fans eigentlich keine Konsequenzen, wenn ihnen der Spielbetrieb nicht passt? Wenn diese geschlossen ihre Dauerkarten nicht wieder kaufen und stattdessen zu den Amateurteams ihrer Mannschaften gingen, hätten sie sicherlich postwendend Mitsprache bei ihren Vereinen (und AGs)...

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    Antwort auf "Immer wieder"
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    Sie glauben tatsächlich, dass die Fans mehr Mitsprache hätten, würden sie ihre Dauerkarten zurückgeben? Dies hätte zur Konsequenz, dass sie ihr Mitsprachercht verlören.

    In meinem Club werden Dauerkarten mittlerweile quasi vererbt, es gibt keine mehr käuflich zu erwerben. Dauerkartenbesitzer haben auch Macht, wenn sie ganze Blöcke leerstehen lassen (siehe FCB) oder schweigen. Beides übrigens äußerst friedliche und erfolgreiche Protestformen.

    Fans lieben ihren Club, deshalb gehen sie schon zu den Profis und zu den Amateuren. Auf diese Liebe zu Club bauen die Verantwortlichen der DFL. Man hofft, die Fans werden schon alles mitmachen. Wenn sie sich da mal nicht täuschen. Leere Blöcke werden sie zum Nachdenken bringen.

  6. Sie glauben tatsächlich, dass die Fans mehr Mitsprache hätten, würden sie ihre Dauerkarten zurückgeben? Dies hätte zur Konsequenz, dass sie ihr Mitsprachercht verlören.

    In meinem Club werden Dauerkarten mittlerweile quasi vererbt, es gibt keine mehr käuflich zu erwerben. Dauerkartenbesitzer haben auch Macht, wenn sie ganze Blöcke leerstehen lassen (siehe FCB) oder schweigen. Beides übrigens äußerst friedliche und erfolgreiche Protestformen.

    Fans lieben ihren Club, deshalb gehen sie schon zu den Profis und zu den Amateuren. Auf diese Liebe zu Club bauen die Verantwortlichen der DFL. Man hofft, die Fans werden schon alles mitmachen. Wenn sie sich da mal nicht täuschen. Leere Blöcke werden sie zum Nachdenken bringen.

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    Antwort auf "Faninkonsequenz"
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    Warum gehen die Fans dann nicht konsequent zu den Amateuren? Da könnten sie erstmal wieder komplett ihre eigenen Choreografien durchbringen. Wenn es alle "echten" Fans machten, wäre die Stimmung dort auch richtig gut. Ich denke schon, dass die Mitsprache größer wäre, weil: Ohne Fans kein Kommerz (oder sehen die Fans sich nicht als Staffage für das Event Bundeliga?).

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