Eintracht BraunschweigKein Geld – und trotzdem erfolgreich

Vor fünf Jahren stand Eintracht Braunschweig vor der Pleite. Jetzt sieht es nach Aufstieg aus. Der Zweitligist erinnert sich seiner alten Stärken. von 

Dennis Kruppke (l.), Domi Kumbela (m.) und Kollegen freuen sich im Spiel gegen den FC St. Pauli.

Dennis Kruppke (l.), Domi Kumbela (m.) und Kollegen freuen sich im Spiel gegen den FC St. Pauli.  |  © Peter Steffen/picture alliance/dpa

Marc Arnolds Schreibtisch steht in Umkleidekabine vier. Die Zahl ist draußen groß an die Wand gepinselt, wie man es aus Schulturnhallen kennt. Es wirkt etwas eng und schief und klein: die Wände, denen man jeden einzelnen Ziegelstein ansieht, weil niemand tapeziert hat. Die Fenster, nach denen man lange suchen muss, weil sie kaum größer sind als Schießscharten. Arnold deutet auf eine Tür in der Wand. "Wenn Sie da durch gehen, kommen Sie zur Dusche", sagt er.

Jeder Fußballmanager, der etwas auf sich hält, würde solch einen Arbeitsplatz beleidigt zurückweisen. Marc Arnold hat sich eingerichtet, im Provisorium, dem ehemaligen Versorgungstrakt der Gegentribüne. Der Zweitligist Eintracht Braunschweig baut gerade an einer neuen Haupttribüne und einer neuen Geschäftsstelle. Es wird bald viel Platz geben, für alle. Aber noch müssen sie das Beste aus dem machen, was sie haben. Sie scheinen das besonders gut zu können.

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Eintracht Braunschweig geht als Tabellenführer der Zweiten Liga in die Winterpause. Keine Mannschaft gewann häufiger, keine Mannschaft fing weniger Tore. Zwölf Punkte sind es mittlerweile auf den Relegationsplatz. Wenn alles normal läuft, geht der Aufstieg nur über die Braunschweiger. Und das, obwohl sie kaum Geld ausgeben: Vor ein paar Wochen war Hertha BSC zu Gast, und wer den Marktwert der Spieler addierte, fand heraus, dass die Auswechselbank des Zweitliga-Krösus wertvoller war als die Stammelf der Braunschweiger.

"Dass es so laufen würde, konnte man nicht erwarten", sagt Marc Arnold. Am Abend wird die Eintracht gegen Union Berlin spielen, das letzte Spiel vor der Winterpause. Arnold hat das flotte Vereinsjackett mit dem edlen Löwenemblem auf der Brust übergezogen, es ist Montagabend, das Fernsehen überträgt live und wird Arnold fragen, was ihn derzeit alle fragen : Wie macht die Eintracht das?

Arnold, von dessen Spielerkarriere man sich eher an seine Größe (klein) und Frisur (Locken) als an Tore erinnert, redet dann viel von Kontinuität und einem Gespür für den Charakter der Spieler. Braunschweig schafft es, ohne Stars auszukommen. Sogar ohne Spieler, die sich für Stars halten. Die Namen der Leistungsträger: Deniz Dogan, Dennis Kruppke und Domi Kumbela – alle drei sind im bereits fortgeschrittenen Fußballeralter, alle drei waren schon 2008 dabei und alle drei sind bei ihren vorherigen Vereinen nicht durch größere Heldentaten aufgefallen. "Es gibt bei Neuzugängen keinen Fragenkatalog, den wir abarbeiten. Aber wir haben eine Idee, wie wir die Spieler aussuchen", sagt Arnold.

Wir, das sind er und Torsten Lieberknecht, der Trainer mit dem pfälzischen Dialekt. Beide kamen 2008 nach Braunschweig, als der Verein noch in der Regionalliga spielte. Der damalige A-Junioren-Coach Lieberknecht übernahm drei Spiele vor Saisonende und rettete erst im letzten Spiel die Qualifikation für die neue Dritte Liga. Drei Jahre später stiegen sie in die Zweite Liga auf, bald wohl in die Erste. Arnold sagt: "Man darf nie vergessen, wo wir herkommen."

Ein paar Kilometer nördlich, in Braunschweig-Thune, führt Joachim Bäse in seinen Partykeller, der etwa doppelt so groß ist wie das Büro von Marc Arnold. Früher, erzählt der 73-Jährige, hätten sie hier oft gefeiert, mittlerweile klappt das kaum noch, sie sind ja auch nicht mehr die Jüngsten. An den Wänden hängen Wimpel von Juventus Turin , Feyenoord Rotterdam und ein paar aus Südamerika . Daneben das lebensgroße Bild eines Schwarz-Weiß-Fußballers. "Das ist dieser berühmte Libero von Eintracht Braunschweig", sagt Joachim Bäse. Er lacht. Das Bild zeigt: Joachim Bäse.

Leserkommentare
    • Marobod
    • 18. Dezember 2012 12:13 Uhr

    Mein Onkel war schon zu DDR Zeiten Braunschweigfan, nach der Wende zog er dort hin , seine Soehne sind Vollblut Eintrachtfans, und sie reden seit dem Abstieg vom Wiederaufstieg in die erste Liga. Nur dieses jahr, ist ihnen das noch zu frueh und zu schnell :)

    Aber sie standen schon oft sehr weit oben und verpaßten den Aufstieg dann doch nur knapp. Ich frage mich wie das aussieht wenn sie mit hannover wieder in einer Liga spielen, kann mich an unschoene Tumulte erinnern als ich eine Zeit lang in Braunschweig lebte wenn 96 zu gast war...

    • BtsvFan
    • 18. Dezember 2012 13:18 Uhr
    2. Danke!

    Vielen dank für diesen tollen Artikel Herr Spiller. Ich als "auswärtiger" Eintrachtfan bekomme hierbei beim Lesen tatsächlich feuchte Augen.

    Für uns alle wäre es ein Traum, wenn es klappen würde.

    Selbst wenn es am Ende nicht reichen würde, so hat diese Mannschaft, dieser Trainer und diese Vereinsführung großes geleistet.

  1. ... denn eines meiner ersten Bundesliga Stadion Erlebgnisse war Eintracht Frankfurt gegen Eintracht Braunschweig war, das könnte mal ein Revival vertragen.

  2. Zunächst möchte auch ich diesem schönen Artikel mein Lob zollen.

    Die 2.Liga ist in dieser Saison sehr schwach besetzt.
    Einzig die Hertha hat das Zeug auch nach einem Aufstieg in der 1.Liga mitzumischen und den Klassenerhalt zu wahren.
    Ansonsten hätte ich noch Kaiserslautern, Cottbus oder 1860 als Mitaufsteiger erwartet.
    Sehr erstaunlich, das auch meine Eintracht dort oben so lange mit tonangebend ist und den 1. Tabellenplatz schon seit so vielen Wochen behauptet.

    Aber ich bin mal ehrlich, spätestens seit dem Pokalspiel gegen Freiburg weiß ich, das diese Mannschaft im Oberhaus noch nichts zu suchen hat und wahrscheinlich sofort wieder absteigen würde.
    Die Mannschaft muß sich noch weiterentwickeln und personell verstärkt werden, um auch Ausfälle besser verkraften zu können.
    Einige Leistungsträger sind auch nicht mehr die Jüngsten und das Tempo in der 1. Liga ist ein höheres.

    Außerdem wurden viele, viele Punkte aufgrund sehr glücklicher Schiedsrichterentscheidungen zugunsten der Eintracht eingefahren.
    Die Saison hätte dementsprechend auch ganz anders laufen und die Tabellensituation anders aussehen können, als es momentan der Fall ist.
    Ich erwarte einen abschließenden Platz zwischen Zwei und Vier.

    Übrigens kriege ich auch noch fast alle Namen der Meistermannschaft zusammen. Meine Großeltern wohnten in Hörnähe des Eintrachtstadions, und so bekam ich die (schon damals) immer bombastische Stimmung sehr gut mit. Mein Vater hat jedes Heimspiel an der Hamburger Straße verfolgt.

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    Bei der EIntarcht läuft halt in diesem JAhr alles zusammmen und es würde mich freuen, wenn sie das mit einem Aufstieg krönen können. Andfererseits dürfte es dann im nächsten JAhr ein hartes Erwachen in der ersten Liga geben.

    Dann steht man wohl mal wieder an der Schicksalsfrage aller Aufsteiger: Volles Risiko und aufrüsten - oder Kader zusammenhalten und vermutlich zerlegt werden.

    • BtsvFan
    • 18. Dezember 2012 14:30 Uhr

    Diese Meinung haben sie aber ziemlich exklusiv.

  3. dürfen uns freuen: Erstmals drei Mannschaften nächste Saison gleichzeitig in der 1. Liga. Das verspricht spannende Derbys und hoffentlich nicht zu viele Randale, wenn man die alte Rivalität der Fans von 96 und Eintracht("Messe-Parkplatz Ost") denkt

    • BtsvFan
    • 18. Dezember 2012 18:31 Uhr

    Ob wir dann wieder 2:0 gewinnen wie im letzten Derby?!

  4. So kann man eine Legende auch versuchen herbeizuschreiben. Am Montag Abend (habe das Spiel am Rundfunk verfolgt) hörte ich 95 % des Spieles die 2000 Union Fans die sich die Seele aus dem Leib sangen, sogar nach 2:3, 2:4 und dem Schlusspfiff. Die Braunschweig-Fans hatten mehr so City oder Arsenal Niveau, von den lautstärksten Fans der Liga zu sprechen ist völlig absurd, würde sie eher im unteren Sextel der Lautstärkeskala ansiedeln

    Dieses Phantasiepotential trifft höchstwahrscheinlich auch auf andere Aspekte des Artikels zu, es ist zu vermuten, dass Herr Bäse vielleicht 2 x im Jahr von einem älteren gebrechlichen Braunschweiger in den Öffentlichen mal gefragt wird ob er Fussballer war, anstatt ständig durch Mengen von begeisterter Braunschweiger sich drängen zu müssen.

    Entweder ist einem Lokalpatrioten der Gaul durchgegangen, ein ambitionierter Nachwuchsjournalist versucht mal einen Punkt zu setzen und lässt sich nach reichlichem Aktenstudium den Artikel in den Notizblock diktieren oder beides. Das Spiel gesehen hat er aber offensichtlich nicht, wenn doch dann empfehle ich dringend die Konsultation eines HNO-Artzes.

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