Sicherheit im Fußball : Die Fans sind keine unkritische Masse mehr

Das neue Sicherheitskonzept ist überflüssig. Es soll ein Problem lösen, das es nicht gibt. Gestärkt hat die Debatte um sichere Stadien nur die Fans.

Noch vor ein paar Monaten galten die Ultras als Schmuddelkinder des Fußballs. Sandra Maischberger bezeichnete die organisierten Fans in ihrer Talkshow als "Taliban der Fußballfans", Johannes B. Kerner setzte in einer anderen Sendung eine Kinderpuppe mit einem bengalischen Feuer in Brand . So etwas wird bald passieren, sollte das wohl heißen.

Damals wurde heftig über die Sicherheit in deutschen Fußballstadien debattiert. Als Konsequenz daraus hat die Deutsche Fußball-Liga nun beschlossen, ein neues Sicherheitskonzept einzuführen . Das Problem ist, dass es gar kein Problem gab.

Die deutschen Stadien gehören schon längst zu den sichersten Orten der Republik. Nur 0,005 Prozent aller Stadionbesucher werden verletzt. Wo man noch vor 30 Jahren zwischen betrunkenen Hooligans Slalom laufen musste, gibt es heute Familienblöcke und Business-Seats. Die größte Verletzungsgefahr besteht in einer deutschen Arena wohl darin, sich an der Stadionwurst zu verschlucken.

Wird doch einmal Gewalt ausgeübt, dann meist vor den Stadien, wenn verfeindete Fangruppen aufeinander losgehen. An diesen Zwischenfällen wird auch das neue Konzeptpapier der DFL nichts ändern. Keine Videoüberwachung in den Stadien kann das, keine reduzierten Ticketkontingente für Auswärtsfans, keine Nacktkontrollen.

Christian Spiller

Christian Spiller ist Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Das neue Konzept kam nur zustande, weil die DFL von den Innenpolitikern unter Druck gesetzt wurde. Denen kam der populäre Fußball ganz gelegen, um mit populistischen Forderungen ihre Verfehlungen in der NSU-Affäre zu übertünchen. Im Grunde ist das Sicherheitspapier überflüssig.

Kurioserweise sind es dennoch die Fußballfans, die als Gewinner aus den Debatten der vergangenen Wochen hervorgehen.

Zum einem wird mit dem beschlossenen Paket keineswegs die Fankultur zu Grabe getragen. Es ist viel weniger einschneidend als gemeinhin angenommen. Gegen besser geschulte Ordnungskräfte oder einen Dialog zwischen Klubs und Fans wird kein Anhänger der Welt etwas einwenden. Und bei den strittigen Punkten haben die einzelnen Vereine alle Spielräume und werden sehr behutsam vorgehen.

Vor allem aber haben die Fans in dem ganzen Trubel rund um das Maßnahmenpaket ihre Position gestärkt. Weil sie gezeigt haben, dass die Fußballfunktionäre nicht mehr an ihnen vorbeiregieren können. Und weil sie einiges für ihr Image getan haben.

Sie taten sich zusammen , gingen auf die Straßen, es war wohl die größte Fußballprotestaktion der vergangenen Jahrzehnte . Und sie schwiegen. Wochenlang war es merkwürdig ruhig in den Stadien. Für jeweils 12 Minuten und 12 Sekunden blieben die Fans stumm, erst dann wurde es laut in den Kurven. Man kann zu den Ultras und ihrem Dauersingsang stehen, wie man will. In diesen stillen Minuten konnte jeder spüren, was dem Fußball fehlen würde.

Die organisierten Fußballfans haben gezeigt, wie mächtig sie sind. Es war ihr Druck, der die ursprüngliche, schärfere Version des Sicherheitskonzepts scheitern ließ und zu einer Blamage für die DFL machte. Durch ihre durchaus öffentlichkeitswirksame Betriebsamkeit wurde auch in den Medien zunehmend differenzierter berichtet.

Die aktiven Fans sind keine dumpfe, unkritische Masse mehr, die sich mit ihrer Rolle als schmückendes Beiwerk oder Produzenten einer TV-Tonspur zufrieden gibt. Ohne sie, so haben die Fans klar gemacht, wird es künftig nicht mehr gehen. Sie haben sich als Protagonisten ihres Sports etabliert, haben ihre Stimme gefunden und werden die Entscheidungen rund um das Fußballgeschäft auch zukünftig begleiten.
 

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Kommentare

48 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Ein mutiger Artikel

der das Ganze schön zusammenfasst. Vielleicht muss man wirklich auch immer das Positive an allem sehen und vielleicht sind gerade durch die gemeinsame Haltung gegen das DFL Papier einige Fans ins Gespräch gekommen, denn es ist ja grundsätzlich völlig richtig, dass man diskutiert und hinterfragt.

@3 ich verstehe es oft nicht...

wenn man darauf verweist wie unsachlich mit dem Thema umgegangen wird, dann negiert man doch nicht event. Opfer oder versteckt sich hinter Statistiken

es geht doch nur um eine Einordnung der Verhältnisse, welche medienseitig vollkommen überdramatisiert werden (aus Eigennutz)... DFB/DFL & Politik reagieren aus jeweils eigenen Interessen darauf - aber das Thema selbst ist doch nichtmal von sekundärem Interesse.

Einer schöner Kommentar ...

... der das Ganze unaufgeregt auf den Punkt bringt. Die Panikmache der Politik in Sachen Fußball ist ja wirklich nicht mehr zu ertragen. Aber Innenminister meinen anscheinend es gehört zu ihrer Job-Beschreibung Angst zu schüren. Dabei gibt eine Menge wirklicher Probleme, um die sich Politiker kümmern sollten. Ich jedenfalls habe mich als ganz normaler Fußballfan (also kein Ultra) im Stadion und auch drum herum noch nie unsicher gefühlt - selbst nicht mit Frankfurt-Schal in Düsseldorf.

Es sind jedes Jahr

Mehr als 100 Millionen Kosten. Hundert Millionen Kosten, im Schnitt mehr als 1 Million zusätzliche Arbeitsstunden für die Polizei, nur damit SIE sich sicher fühlen!
Es ist immer ein tolles Phänomen des Fußball-Fan-Egoismus, dass man nur an das eigene Verhalten und das eigene Spiel denkt.

Es gibt nunmal Spinner, für die darf auch die Nicht-Fußball-guckende Allgemeinheit zahlen. Und es ist nunmal ein größtenteils Fußball-spezifisches Problem das wir mit Hooligans haben.

Selbst auf Kampfsportturnieren (an denen ich selbst oft teilgenommen habe) gab es zwar Unfairheiten im Ring, aber niemals gab es derartige Schlägereien, geschweige denn, das Polizeischutz überhaupt nötig war. Und selbst die Unfairheiten im Ring wurden sofort und drakonisch bestraft.

Würden die Vereine konsequent gegen solches Fehlverhalten vorgehen und würde die Politik nicht andauernd aufgrund der Fußballlobby das Problem so kleinreden, dann hätten wir solche Probleme kaum noch.

Ach, die Steuer-Leier...

...*gääähn*.

Zum Artikel:
Insgesamt kann man nur zustimmen. Ob es jetzt allerdings "besser geschulte Ordnungskräfte oder einen Dialog zwischen Klubs und Fans" geben wird, wage ich zu bezweifeln.

Und wieso man jetzt zu dem Schluss kommt, dass die Fans "gezeigt haben, dass die Fußballfunktionäre nicht mehr an ihnen vorbeiregieren können" verstehe ich nicht so ganz; haben sie doch gerade das soeben gemacht.

Man bedenke die Relationen

Allein 18 Millionen Zuschauer in der ersten und zweiten Liga letzte Saison, merklich ohne Pokal und internationale Spiele - Wie viele kommen denn bei Kampfsportveranstaltungen so zusammen? Oder bei einer anderen Sportart auf der Welt? Unter vielen Fans sind so halt auch in summa viele Deppen. Die 100 Millionen€ Kosten zum Schutz der Fans werden locker durch selbige und ihre Vereine wieder in die Staatskasse getragen. Man bedenke die Milliarden Umsätze..BTW der Schutz eines Castortransports kostet zwischen 20 und 25 Millionen€ - dafür wird Deutschland aber nicht von der Welt beneidet - Für die Fußballfan-Kultur hingegen schon.

Im übrigen ein sehr guter Artikel, endlich mal frei von Polemik und präzise auf den Punkt gebracht. Kompliment.

Gegenrechnung

Bei 15.000.000 Zuschauern, die in der vergangenen Saison Stadien der 1. und 2. Bundesliga besucht haben, fällt alleine durch die Mehrwertsteuer bei einem Preis von etwa 30Euro/Karte (Schnitt) ein Steueraufkommen von etwa 80Mio an. Es ist davon auszugehen, dass Zuschauer für Verzehr, Anreise, Fanartikel etc. etwa noch einmal soviel ausgeben. Das alleine nur die Einnahmen die durch Fans direkt verursachte Steueraufkommen. Aber so will jeder eben nur seine Perspektive sehen - schade, dass Sie gerade bei einem solchen reflektierten Artikel wieder derart vom Stapel lassen.