Noch vor ein paar Monaten galten die Ultras als Schmuddelkinder des Fußballs. Sandra Maischberger bezeichnete die organisierten Fans in ihrer Talkshow als "Taliban der Fußballfans", Johannes B. Kerner setzte in einer anderen Sendung eine Kinderpuppe mit einem bengalischen Feuer in Brand . So etwas wird bald passieren, sollte das wohl heißen.

Damals wurde heftig über die Sicherheit in deutschen Fußballstadien debattiert. Als Konsequenz daraus hat die Deutsche Fußball-Liga nun beschlossen, ein neues Sicherheitskonzept einzuführen . Das Problem ist, dass es gar kein Problem gab.

Die deutschen Stadien gehören schon längst zu den sichersten Orten der Republik. Nur 0,005 Prozent aller Stadionbesucher werden verletzt. Wo man noch vor 30 Jahren zwischen betrunkenen Hooligans Slalom laufen musste, gibt es heute Familienblöcke und Business-Seats. Die größte Verletzungsgefahr besteht in einer deutschen Arena wohl darin, sich an der Stadionwurst zu verschlucken.

Wird doch einmal Gewalt ausgeübt, dann meist vor den Stadien, wenn verfeindete Fangruppen aufeinander losgehen. An diesen Zwischenfällen wird auch das neue Konzeptpapier der DFL nichts ändern. Keine Videoüberwachung in den Stadien kann das, keine reduzierten Ticketkontingente für Auswärtsfans, keine Nacktkontrollen.

Das neue Konzept kam nur zustande, weil die DFL von den Innenpolitikern unter Druck gesetzt wurde. Denen kam der populäre Fußball ganz gelegen, um mit populistischen Forderungen ihre Verfehlungen in der NSU-Affäre zu übertünchen. Im Grunde ist das Sicherheitspapier überflüssig.

Kurioserweise sind es dennoch die Fußballfans, die als Gewinner aus den Debatten der vergangenen Wochen hervorgehen.

Zum einem wird mit dem beschlossenen Paket keineswegs die Fankultur zu Grabe getragen. Es ist viel weniger einschneidend als gemeinhin angenommen. Gegen besser geschulte Ordnungskräfte oder einen Dialog zwischen Klubs und Fans wird kein Anhänger der Welt etwas einwenden. Und bei den strittigen Punkten haben die einzelnen Vereine alle Spielräume und werden sehr behutsam vorgehen.

Vor allem aber haben die Fans in dem ganzen Trubel rund um das Maßnahmenpaket ihre Position gestärkt. Weil sie gezeigt haben, dass die Fußballfunktionäre nicht mehr an ihnen vorbeiregieren können. Und weil sie einiges für ihr Image getan haben.

Sie taten sich zusammen , gingen auf die Straßen, es war wohl die größte Fußballprotestaktion der vergangenen Jahrzehnte . Und sie schwiegen. Wochenlang war es merkwürdig ruhig in den Stadien. Für jeweils 12 Minuten und 12 Sekunden blieben die Fans stumm, erst dann wurde es laut in den Kurven. Man kann zu den Ultras und ihrem Dauersingsang stehen, wie man will. In diesen stillen Minuten konnte jeder spüren, was dem Fußball fehlen würde.

Die organisierten Fußballfans haben gezeigt, wie mächtig sie sind. Es war ihr Druck, der die ursprüngliche, schärfere Version des Sicherheitskonzepts scheitern ließ und zu einer Blamage für die DFL machte. Durch ihre durchaus öffentlichkeitswirksame Betriebsamkeit wurde auch in den Medien zunehmend differenzierter berichtet.

Die aktiven Fans sind keine dumpfe, unkritische Masse mehr, die sich mit ihrer Rolle als schmückendes Beiwerk oder Produzenten einer TV-Tonspur zufrieden gibt. Ohne sie, so haben die Fans klar gemacht, wird es künftig nicht mehr gehen. Sie haben sich als Protagonisten ihres Sports etabliert, haben ihre Stimme gefunden und werden die Entscheidungen rund um das Fußballgeschäft auch zukünftig begleiten.