Fußball"Einzelkönner sind nicht mehr erwünscht"

Günter Netzer war der erste Popstar des deutschen Fußballs. Von den heutigen Fußballstars hält er wenig. Im Tagesspiegel-Interview spricht er über den Wandel im Sport. von Robert Ide

Der frühere Fußballspieler Günter Netzer in der Münchner Allianz Arena

Der frühere Fußballspieler Günter Netzer in der Münchner Allianz Arena  |  © Marc Müller/dpa

Frage: Herr Netzer, wann haben Sie das letzte Mal Fußball gespielt?

Günter Netzer: Warten Sie mal. Ich bin jetzt 68, minus 30 Jahre ungefähr, ach was, 35 Jahre ist das her, mindestens.

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Frage: Juckt es Sie nicht, wenn Sie ein schönes Spiel sehen, selbst noch einmal…

Netzer: Nein, nein, überhaupt nicht. Warum sollte ich solche Dummheiten denken? Ich habe nach meiner aktiven Laufbahn nie geglaubt, dass ich da mitspielen muss. Ich fühle mich befreit, seit die Schinderei ein Ende hat. Da gehöre ich nicht mehr hin. Alles andere wäre absurd.

Frage: Aber Sie könnten in Ihrem Garten einen Ball über die Wiese schießen.

Netzer: Ach was. (Netzer rührt in seinem Tee und lehnt sich auf der Couch eines Berliner Luxushotels zurück.) Wissen Sie, seit meinem Bänderriss mache ich gar nichts mehr. Es war eines dieser Prominentenspiele gegen ein paar junge Burschen. Die haben da was falsch verstanden, wollten es uns unbedingt beweisen. Plötzlich lag ich im Krankenhaus. Da war für mich Schluss. Ich kannte das Gefühl ja nicht. Als aktiver Fußballer war ich kaum verletzt, bin nur einmal an der Schulter operiert worden. Sportärzte gab es in den Siebzigerjahren noch nicht. Wenn ich eine Muskelverletzung hatte, schickte man mich zum Allgemeinmediziner. Der hat sich was ausgedacht und mir eine Spritze gegeben.

Frage: Heute wimmelt es im Fußball von Medizinern, Vermittlern, Experten. Und die Spieler sind Werbehelden und Popstars – wie Sie damals einer wurden.

Netzer: Mit einem Unterschied: In meiner Zeit gab es für Popstars keine Akzeptanz. Schon David Beckham hatte es einfacher als ich. Er wurde in eine Zeit geboren, in der sich junge Leute nach solchen Idolen sehnten. Heute ist Beckham ein Marketingprodukt mit ganz cleveren Leuten um sich herum, die ihn in Verbindung mit seiner Frau pushen. Ich dagegen habe mich einfach ausgelebt, ich habe mein Inneres nach außen gekehrt. Das war ungewöhnlich, vor allem in einer Provinzstadt wie Mönchengladbach. Aber meine Freundin brachte mich darauf; ich übernahm ihren Lebensstil.

Frage: Das Extravagante…

Netzer: Ganz genau. Schauen Sie, ich habe mich als Fußballer für Kunst interessiert. Ich trug lange Haare und seltsame Klamotten, bin Ferraris gefahren.

Frage: Na und, dicke Autos fahren heute alle Fußballspieler.

Günter Netzer: Aber bei mir hatte das Fußballspiel immer Priorität. Wenn ich kein überragender Spieler gewesen wäre, wären die Leute über mich hergefallen. Fußball war mein Ein und Alles, der Rest Nebensache.

Frage: Und jetzt wollen Sie uns sicher gleich noch erzählen, dass die Profis von heute zu viel verdienen.

Günter Netzer: Glauben Sie mir, es gab früher tolle Fußballer, die später verarmt sind. Heute passiert das Gegenteil: Selbst mittelmäßige Profis erreichen einen Wohlstand, der ihnen eigentlich nicht zusteht. Das ist zu viel des Guten, es überbordet.

Frage: Heute sind also alle verrückt, aber niemand erscheint mehr so?

Netzer: Verrückt zu sein um des Verrücktseins willen? Das lehne ich ab. Das hat keine Basis, keine Qualität. Da muss schon was dahinter stecken. Für mich war es Ausdruck der Lebensfreude, dass ich mir ein teures Auto leisten konnte oder in einem Freundeskreis zu Hause war, der nicht nur Fußball im Kopf hatte. Wer sich heute ein tolles Auto leistet, nur weil er es sich leisten kann, imponiert mir nicht.

Leserkommentare
  1. Ich verneige mich vor ihren Ausführungen! Vorallem die erste Seite des Interviews hat mir sehr gefallen.

    7 Leserempfehlungen
    • Cicuma
    • 01. Januar 2013 18:14 Uhr

    So ist er, so haben wir ihn jahrelang geliebt und so werden wir Fans ihn noch ewig lieben. Günther Netzer trifft den NAgel auf den Kopf und präsentiert uns einmal mehr den Fußball, wie er wirklich ist.

    Das unterscheidet ihn von vielen seiner früheren Berufskollegen und von vielen noch aktiven Berufsfußballer.

    9 Leserempfehlungen
    • E.Wald
    • 01. Januar 2013 18:17 Uhr

    Hm, ist das nicht ein wenig oberflächlich?
    Beckham hat sich auch aus einfachen Verhältnissen nach oben durchgebissen, mit Talent, Einsatz und viel Extratraining. Er mag gut vermarktet worden sein, erschien mir aber stets als jemand, der eigentlich zu schüchtern für den ständigen großen Auftritt war. Das Verhältnis der Berichterstattung ist für Beckhams große Fussballkünste ohnehin viel zu sehr auf das Private gemünzt. Nur kann ich nicht erkennen, wo Beckham das - abgesehen von gutem Aussehen und modischen Frisuren - selbst iniitiert hätte. Statt dessen muss er sich von einer "Journalistin" unter dem Gejohle vieler Menschen handgreiflich sexuell belästigen lassen.

    Einfacher? Wenn man nur das Reich- und Berühmtwerden betrachtet vielleicht. Ansonsten zweifle ich daran.

    3 Leserempfehlungen
    • pylades
    • 01. Januar 2013 18:20 Uhr

    Günter Netzer - ein interessanter, aber sonderbarer Typ, dessen Selbstherrlichkeit manchmal zu einer sehr selektiven Wahrnehmung des zeitgenössischen Profifußballs führt. Öffentlich-rechtliches Fernsehen am finanziellen Ende trotz steigender und gesicherter GEZ-Einnahmen in den kommenden Jahren? Popstars wären zu seiner Zeit nicht erwünscht gewesen, gleichzeitig darf man heute kein Einzelkönner mehr sein. Was denn nun?

    Trotz allem ein äußerst gelungenes Interview. Ich habe es gerne gelesen.

    2 Leserempfehlungen
  2. ...schickte Günter Netzer, da lauffaul, seine Pässe millimetergenau zu den Stürmern Heynckes, Laumen oder Bernd Rupp, - eine Augenweide und einfach genial.
    Dieser Fußballer der 70er, auch als "Rebell am Ball" bekannt, war eigentlich der erste seiner Zunft, der es verstand, auch im intellektuellen Bereich ein gutes Spiel
    aufzuziehen.

    11 Leserempfehlungen
  3. aber was er von sich gibt erscheint sehr vernüftig

  4. "Und das öffentlich-rechtliche Geld ist langsam ausgereizt."

    Ja genau - denn Unsummen öffentlicher (Zwangs-)Gebührengelder werden für die Fußballindustrie verschwendet und das wird dann auch noch als demokratische Errungenschaft (Bildungsauftrag unso) abgefeiert. Absurd.

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    Richtig! Absetzen den ganzen Quatsch, und an SAT1, sky & Co. abgeben.

    • lxththf
    • 02. Januar 2013 11:59 Uhr

    Argument der Fußballerhassecke? Wenn ein Format in solcher Konstanz diese Einschaltquoten erzielt, dann hat es seine Berechtigung und wenn man mit dem finanziellen Aspekt argumentieren möchte, so übertrifft der Nutzen den Aufwand bei weitem. Selbst fußballhassende Steuerzahler profitieren von der gesamten Branche (Steuern, Arbeitsplätze, Jugendprogramme und Förderungen, Netzwerke, soziales Engagement, Wertevermittlung etc.) und vielleicht sollte man das einfach etwas differenzierter und tiefgehender betrachten, anstatt immer wieder die gleichen Phrasen zu dreschen?

    • negve
    • 01. Januar 2013 19:25 Uhr
    8. Danke

    Ein kluger Mann, dieser Netzer.

    Nur mit den Hierarchien bin ich nicht ganz einverstanden. Bin persönlich der Meinung, dass reife und intelligente Menschen keinen Führer oder Capitano brauchen. In der heutigen Zeit nützt es nichts mehr, wenn der Kapitän einem Mitspieler eine Ohrfeige verpasst.

    Ansonsten, Danke.

    Hier noch für alle die, welche ihm gerne 1 Stunde zuhören möchten. Interview mit Günter Netzer kurz vor der Südafrika-WM als Podcast. Der Dialekt verschwindet nach 3 Minuten...

    http://www.srf.ch/sendung...

    2 Leserempfehlungen
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    • lxththf
    • 02. Januar 2013 11:53 Uhr

    Effenberg wird gern angeführt, oder Kahn, oder Sammer etc. Eine Mannschaft braucht in dem Moment, wenn etwas schiefläuft Stabilität, weil sich viele verstecken. Ein echter Führungsspieler fordert in diesen schwierigen Momenten des Spiels den Ball, er riskiert etwas und allein durch Körpersprache motiviert er seine Mitspieler. Wen motiviert denn z.B. Philipp Lahm? Das Kollektiv ist wichtig, aber in Finalsituationen machen Führungsspieler den Unterschied zwischen Titel und dem 2. Platz. Erinnert sei an das letzte CL-Finale und dem Auftritt von Drogba. Auch Dortmund hat seine Führungsspieler in diesem Kollektiv der Begabten. So eine Truppe braucht einen Kehl, Weidenfeller und vor allem Hummels.
    In diesem Punkt würde ich auch Netzer widersprechen. Es gewinnt das Kollektiv, welches auch eine hohe individuelle Klasse besitzt. Jeder einzelne Spieler von Barcelona könnte auch bei jedem anderen Topclub der Welt spielen. Gleiches gilt für Real. In der letzten Saison haben sie quasi Rekorde gebrochen und das ist vor allem den Einzelkönnern Ronaldo, Özil, Sergio Ramos etc. geschuldet. Auch der Blick auf Dortmund widerspricht Netzer. Die eigentliche Kunst ist es doch am Ende, die Einzelkönner in einem Kollektiv zu vereinen ...

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