Der Bundestrainer Joachim Löw © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Vor ein paar Wochen hat der brasilianische Fußballverband seinen Nationaltrainer entlassen. Mano Menezes sollte eigentlich eine Mannschaft aufbauen, die in gut anderthalb Jahren im eigenen Land den WM-Titel gewinnt. Aber die Ergebnisse seiner Arbeit waren den Brasilianern nicht spektakulär, das Spiel der Seleçao nicht schön genug. Vielleicht sollten die Brasilianer mal darüber nachdenken, Joachim Löw als Nationaltrainer zu verpflichten. Löw hat im Grunde das gleiche Problem wie Menezes – nur spiegelverkehrt.

Was in Brasilien die Sehnsucht nach dem schönen Spiel ist, das ist in Deutschland die Sehnsucht nach Erfolg. Im Grunde seines Herzens hält das deutsche Fußballvolk Berti Vogts immer noch für den besseren Fußballtrainer – weil er anders als Löw mit der Nationalmannschaft einen Titel gewonnen hat, den letzten bis heute. Wie und unter welchen Umständen, das scheint niemanden mehr zu interessieren. "Ich kann es nur schwer akzeptieren, wenn jemand fordert, dass wir uns wieder auf diesen Spielstil reduzieren sollen", hat Joachim Löw kurz vor Weihnachten gesagt. "Das wäre in meiner Denkweise ein Schritt zurück, das will ich unbedingt verhindern."

Das deutsche Fußballvolk ist sich da nicht ganz so sicher. Für einen kurzen, kollektiven Moment des Glücks ist es offensichtlich bereit, Jahre der Dürre zu ertragen. Aber macht ein Titel wirklich zehn fade Länderspiele wett? Ist ein Autokorso all die Jahre anhaltender Langeweile wert? Mitte der Neunzigerjahre, also zur angeblich letzten Blüte der Nationalmannschaft, hat sich kein vernünftiger Mensch freiwillig die Spiele der Deutschen angesehen.

Besser spielen, nicht verbissener kämpfen

Oder erinnert sich noch jemand an die glorreiche Weltmeisterschaft 2002, die für das DFB-Team als Vizeweltmeister endete? Ein paar Monate nach der Weltmeisterschaft bestritt die Nationalmannschaft ein Freundschaftsspiel gegen die Holländer, die sich nicht einmal für die WM qualifiziert hatten. Es war ein Klassenunterschied: Die damals angeblich zweitbeste Mannschaft der Welt verlor 1:3. Ein Jahr später unterlag sie den Franzosen, die bei der Weltmeisterschaft 2002 schon in der Vorrunde ausgeschieden waren, 0:3. Deutschlands Fußball war – man muss das so deutlich sagen – vor zehn Jahren nicht konkurrenzfähig.

Und heute? Das deutsche Modell wird längst weltweit bewundert. Mano Menezes hat die Nationalmannschaft (als er noch Nationaltrainer Brasiliens war) explizit als sein Vorbild benannt. Hollands Nationalstürmer Arjen Robben sieht die Deutschen der eigenen Mannschaft ein, zwei Schritte voraus, und sein Nationaltrainer Louis van Gaal träumt von der spielerischen Klasse, die der große Rivale inzwischen besitzt. Früher haben die Holländer despektierlich auf den deutschen Kraft-und-Erfolgsfußball herabgeblickt, inzwischen haben sich die Verhältnisse ins Gegenteil verkehrt.

Nur im eigenen Land wird weiter freudig gemeckert, obwohl die Nationalmannschaft in den vergangenen anderthalb Jahren einige große Spektakel abgeliefert hat: beim 3:2 gegen Brasilien zum Beispiel (dem erst vierten Sieg gegen den Rekordweltmeister überhaupt), beim 3:0 gegen Holland. Und auch beim 4:4 gegen Schweden vor zwei Monaten. Die ersten 60 Minuten waren vielleicht das Beste, was eine deutsche Mannschaft je geboten hat. Das Publikum aber scheint sich nicht am schönen Spiel ergötzt zu haben – es bejammert lieber die letzten 30 Minuten, in denen einiges falsch gelaufen ist.

Joachim Löw gibt in diesen Tagen einige Interviews zur eigenen Verteidigung. Denn das im Sommer verlorene EM-Halbfinale gegen Italien hängt ihm öffentlich noch an. Deshalb ist es an der Zeit, Joachim Löw gegen die krankhafte Ergebnisfixierung seiner Landsleute zu verteidigen. Zumal das schöne Spiel für ihn kein Selbstzweck ist, sondern nur die Voraussetzung dafür, erfolgreich zu sein. Wir müssen besser Fußball spielen, um die Spanier besiegen zu können, lautet sein Ansatz, nicht verbissener kämpfen.

Jedes Freundschaftsspiel ist ein kleines WM-Finale

Joachim Löw war es, der die Nationalmannschaft überhaupt erst wieder gesellschaftsfähig gemacht hat – und er ist gemessen an anderen Großmächten des Fußballs sehr wohl ein erfolgreicher Trainer. Brasilien, der Rekordweltmeister, ist bei den letzten beiden WM-Turnieren nicht übers Viertelfinale hinausgekommen; Argentinien sogar seit 1994 spätestens im Viertelfinale ausgeschieden. Die Deutschen hingegen sind bei allen Welt- und Europameisterschaften seit 2006 immer unter den letzten vier gelandet. Das hat in diesem Zeitraum keine andere Nation geschafft. Nicht einmal Spanien.

Natürlich ist es ärgerlich, dass Joachim Löw seit seinem Amtsantritt als Bundestrainer noch keinen Titel geholt hat – aber allen anderen großen Fußballnationen ist es in diesem Zeitraum genauso ergangen. Mit Ausnahme der Spanier, die jedoch vor 2008 niemand zu den großen Fußballnationen gezählt hat. Ihre Nationalmannschaft war über Jahrzehnte der klassische Turnierversager; seit 2008 aber hat sie alles gewonnen.

"Wenn die Spanier nicht so überragend wären, hätten wir auf jeden Fall einen Titel gewonnen", hat Joachim Löw einmal gesagt. Das hört sich etwas weinerlich an. Aber der Erfolg im Fußball ist letztlich eine Frage der Qualität, und in dieser Hinsicht sind die Spanier der Konkurrenz zuletzt um Längen voraus gewesen. Die Deutschen haben es mit einer Jahrhundertmannschaft zu tun, mit der vielleicht besten überhaupt in der Geschichte des modernen Fußballs.

Mit Löw wird das nie was

Das Problem der Nationalmannschaft ist, dass sie sich zum Teil abstrusen Erwartungen ausgesetzt sieht. Wenn sie quasi in der Saisonvorbereitung ein Testspiel gegen Argentinien bestreitet, dazu eine Stunde in Unterzahl spielen muss, ist das noch lange kein mildernder Umstand. Jedes Freundschaftsspiel ist ein kleines WM-Finale, ein 1:3 gegen Argentinien wird entsprechend missmutig zur Kenntnis genommen. Mit Joachim Löw wird das nie was, hört man immer wieder.

Dass auch die deutschen Vereinsmannschaften seit 2001 keinen internationalen Titel mehr geholt haben; dass der anerkannte Gewinnertyp Jürgen Klopp mit Borussia Dortmund zweimal in der Gruppenphase des Europapokals gescheitert ist; dass Bayern München zwei Champions-League-Endspiele (2010, 2012) verloren und damit im vermeintlich entscheidenden Moment versagt hat – geschenkt. Nur die Nationalmannschaft muss immer und überall alles gewinnen. Dabei kann die Nationalmannschaft auch nur so gut und erfolgreich sein wie der deutsche Fußball insgesamt.

Erschienen im Tagesspiegel