Joachim Löw war es, der die Nationalmannschaft überhaupt erst wieder gesellschaftsfähig gemacht hat – und er ist gemessen an anderen Großmächten des Fußballs sehr wohl ein erfolgreicher Trainer. Brasilien, der Rekordweltmeister, ist bei den letzten beiden WM-Turnieren nicht übers Viertelfinale hinausgekommen; Argentinien sogar seit 1994 spätestens im Viertelfinale ausgeschieden. Die Deutschen hingegen sind bei allen Welt- und Europameisterschaften seit 2006 immer unter den letzten vier gelandet. Das hat in diesem Zeitraum keine andere Nation geschafft. Nicht einmal Spanien.

Natürlich ist es ärgerlich, dass Joachim Löw seit seinem Amtsantritt als Bundestrainer noch keinen Titel geholt hat – aber allen anderen großen Fußballnationen ist es in diesem Zeitraum genauso ergangen. Mit Ausnahme der Spanier, die jedoch vor 2008 niemand zu den großen Fußballnationen gezählt hat. Ihre Nationalmannschaft war über Jahrzehnte der klassische Turnierversager; seit 2008 aber hat sie alles gewonnen.

"Wenn die Spanier nicht so überragend wären, hätten wir auf jeden Fall einen Titel gewonnen", hat Joachim Löw einmal gesagt. Das hört sich etwas weinerlich an. Aber der Erfolg im Fußball ist letztlich eine Frage der Qualität, und in dieser Hinsicht sind die Spanier der Konkurrenz zuletzt um Längen voraus gewesen. Die Deutschen haben es mit einer Jahrhundertmannschaft zu tun, mit der vielleicht besten überhaupt in der Geschichte des modernen Fußballs.

Mit Löw wird das nie was

Das Problem der Nationalmannschaft ist, dass sie sich zum Teil abstrusen Erwartungen ausgesetzt sieht. Wenn sie quasi in der Saisonvorbereitung ein Testspiel gegen Argentinien bestreitet, dazu eine Stunde in Unterzahl spielen muss, ist das noch lange kein mildernder Umstand. Jedes Freundschaftsspiel ist ein kleines WM-Finale, ein 1:3 gegen Argentinien wird entsprechend missmutig zur Kenntnis genommen. Mit Joachim Löw wird das nie was, hört man immer wieder.

Dass auch die deutschen Vereinsmannschaften seit 2001 keinen internationalen Titel mehr geholt haben; dass der anerkannte Gewinnertyp Jürgen Klopp mit Borussia Dortmund zweimal in der Gruppenphase des Europapokals gescheitert ist; dass Bayern München zwei Champions-League-Endspiele (2010, 2012) verloren und damit im vermeintlich entscheidenden Moment versagt hat – geschenkt. Nur die Nationalmannschaft muss immer und überall alles gewinnen. Dabei kann die Nationalmannschaft auch nur so gut und erfolgreich sein wie der deutsche Fußball insgesamt.

Erschienen im Tagesspiegel