Fußball-Nationalelf 2012Die Deutschen sind krankhaft auf das Ergebnis fixiert

Mit Löw ist das DFB-Team weltweit Vorbild geworden, doch für die Deutschen zählte dieses Jahr vor allem das EM-Aus gegen Italien. Zu Unrecht, kommentiert Stefan Hermanns. von Stefan Hermanns

Der Bundestrainer Joachim Löw

Der Bundestrainer Joachim Löw  |  © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Vor ein paar Wochen hat der brasilianische Fußballverband seinen Nationaltrainer entlassen. Mano Menezes sollte eigentlich eine Mannschaft aufbauen, die in gut anderthalb Jahren im eigenen Land den WM-Titel gewinnt. Aber die Ergebnisse seiner Arbeit waren den Brasilianern nicht spektakulär, das Spiel der Seleçao nicht schön genug. Vielleicht sollten die Brasilianer mal darüber nachdenken, Joachim Löw als Nationaltrainer zu verpflichten. Löw hat im Grunde das gleiche Problem wie Menezes – nur spiegelverkehrt.

Was in Brasilien die Sehnsucht nach dem schönen Spiel ist, das ist in Deutschland die Sehnsucht nach Erfolg. Im Grunde seines Herzens hält das deutsche Fußballvolk Berti Vogts immer noch für den besseren Fußballtrainer – weil er anders als Löw mit der Nationalmannschaft einen Titel gewonnen hat, den letzten bis heute. Wie und unter welchen Umständen, das scheint niemanden mehr zu interessieren. "Ich kann es nur schwer akzeptieren, wenn jemand fordert, dass wir uns wieder auf diesen Spielstil reduzieren sollen", hat Joachim Löw kurz vor Weihnachten gesagt. "Das wäre in meiner Denkweise ein Schritt zurück, das will ich unbedingt verhindern."

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Das deutsche Fußballvolk ist sich da nicht ganz so sicher. Für einen kurzen, kollektiven Moment des Glücks ist es offensichtlich bereit, Jahre der Dürre zu ertragen. Aber macht ein Titel wirklich zehn fade Länderspiele wett? Ist ein Autokorso all die Jahre anhaltender Langeweile wert? Mitte der Neunzigerjahre, also zur angeblich letzten Blüte der Nationalmannschaft, hat sich kein vernünftiger Mensch freiwillig die Spiele der Deutschen angesehen.

Besser spielen, nicht verbissener kämpfen

Oder erinnert sich noch jemand an die glorreiche Weltmeisterschaft 2002, die für das DFB-Team als Vizeweltmeister endete? Ein paar Monate nach der Weltmeisterschaft bestritt die Nationalmannschaft ein Freundschaftsspiel gegen die Holländer, die sich nicht einmal für die WM qualifiziert hatten. Es war ein Klassenunterschied: Die damals angeblich zweitbeste Mannschaft der Welt verlor 1:3. Ein Jahr später unterlag sie den Franzosen, die bei der Weltmeisterschaft 2002 schon in der Vorrunde ausgeschieden waren, 0:3. Deutschlands Fußball war – man muss das so deutlich sagen – vor zehn Jahren nicht konkurrenzfähig.

Und heute? Das deutsche Modell wird längst weltweit bewundert. Mano Menezes hat die Nationalmannschaft (als er noch Nationaltrainer Brasiliens war) explizit als sein Vorbild benannt. Hollands Nationalstürmer Arjen Robben sieht die Deutschen der eigenen Mannschaft ein, zwei Schritte voraus, und sein Nationaltrainer Louis van Gaal träumt von der spielerischen Klasse, die der große Rivale inzwischen besitzt. Früher haben die Holländer despektierlich auf den deutschen Kraft-und-Erfolgsfußball herabgeblickt, inzwischen haben sich die Verhältnisse ins Gegenteil verkehrt.

Nur im eigenen Land wird weiter freudig gemeckert, obwohl die Nationalmannschaft in den vergangenen anderthalb Jahren einige große Spektakel abgeliefert hat: beim 3:2 gegen Brasilien zum Beispiel (dem erst vierten Sieg gegen den Rekordweltmeister überhaupt), beim 3:0 gegen Holland. Und auch beim 4:4 gegen Schweden vor zwei Monaten. Die ersten 60 Minuten waren vielleicht das Beste, was eine deutsche Mannschaft je geboten hat. Das Publikum aber scheint sich nicht am schönen Spiel ergötzt zu haben – es bejammert lieber die letzten 30 Minuten, in denen einiges falsch gelaufen ist.

Joachim Löw gibt in diesen Tagen einige Interviews zur eigenen Verteidigung. Denn das im Sommer verlorene EM-Halbfinale gegen Italien hängt ihm öffentlich noch an. Deshalb ist es an der Zeit, Joachim Löw gegen die krankhafte Ergebnisfixierung seiner Landsleute zu verteidigen. Zumal das schöne Spiel für ihn kein Selbstzweck ist, sondern nur die Voraussetzung dafür, erfolgreich zu sein. Wir müssen besser Fußball spielen, um die Spanier besiegen zu können, lautet sein Ansatz, nicht verbissener kämpfen.

Leserkommentare
  1. Ich für mich wäre stolz auf die Jungs auch wenn sie ausscheiden. Solange es mit Qualität und Engagement passiert. Doch wenn man das Gefühl hat das die falsche Ausstellung versucht wurde Italien fein verpackt nach Hause zu schicken kann man wohl etwas sagen und kritisieren.

    Eine sehr gute Mannschaft sollte den Anspruch haben Titel zu gewinnen und wenn es nicht klappt nicht daran zu zerbrechen.

    Man hat das Gefühl nur der Trainer darf ohne Erkenntnis sein. Das passt nicht.

  2. Bei den beiden vergangenen EMs mussten die Spanier jeweils einmal ins Elfmeterschießen ('08 gg Italien, '12 gg Portugal).

    Selbst wenn sie balltechnisch allen anderen Mannschaften hoch überlegen sind (und daran gibt es derzeit keinen Zweifel), so hat man als kollektiv doch Mittel, über konzentrierte Defensive (ITA) oder extrem laufintensives Pressing (POR) die Spanier vor erhebliche Probleme zu stellen, nämlich genau dann, wenn man ihnen irgendwie ein anderes "Terrain" als das ihre (gefälliges Kurzpassspiel) aufzwingt. Mannschaften, die gegen Spanien so spielen wollen wie Spanien, gehen meist übel unter.

    Aber bei beiden EMs waren die Spanier auch nur einen Fehlschuss von der Heimreise entfernt. Heißt: Ihre Siege sind in der KO-Runde kein Naturgesetz.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Absolut richtig"
  3. "Was in Brasilien die Sehnsucht nach dem schönen Spiel ist, das ist in Deutschland die Sehnsucht nach Erfolg."

    Na na, wenn das mal stimmt! Ist das wirklich recherchiert oder eher die Konstruktion eines "Brasilianertums", das es zwar so nicht gibt, aber als Gegenbild zum haesslichen Deutschen herhalten soll?

    Ich bin sicher, auch Brasilianer wollen gewinnen.

    Herr Hermanns, ich glaube, Sie muessen mal etwas herumkommen in der Welt!

    Ich kenne einige Argentinier, mit denen ich diametral kontraere Erfahrungen zu Ihrer Unterstellung, den "Latinos" ginge es in erster Linie um Schoenheit, gemacht habe. Wer an einer Weltmeisterschaft teilnimmt, will den Titel gewinnen. Punkt. Man denke auch an das WM-Spiel Uruguay gegen Ghana, das Uruguay fuer sich entschied. Aber war das Ziehen aller Register etwa "schoener Fussball"???

    Im Internationalen Vergleich sind die deutschen Fans meiner Erfahrung nach diejenigen mit der ausgepraegtesten Loser-Mentalitaet. Dieses "bescheidene" Sich-Zufrieden-Geben mit "immerhin" den Vize-Titeln ist mMn schon die Ursache dafuer, dass Deutschland so auffallend oft Zweiter ist.

    Ich glaube, aus Ihrem Text spricht mehr das die Bildungsbuerger einengende Trauma und Tabu des Sieges an sich, weil "Sieg" fuer Sensibelchen immer so nach Nationalsozialismus klingt.

    Am Ende zaehlen nur die Erfolge, die Sterne auf dem Trikot. Das ist internationaler Konsens. Nur die Deutschen koennen auf so eine verschrobene Idee kommen, der Pokal sei nicht so wichtig.

    3 Leserempfehlungen
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    Die 'Sieg' grölenden Fans treiben mir immer einen kalten Schauer über den Rücken. Für die Nichtsensibelchen unter uns: Sagen Ihnen die Namen Lens und Daniel Nivel etwas?

  4. Mir hätte eine einfache Geste genügt.

    Trotz aller Kritik an diesem und jenem hier im Forum, ich halte Joachim Löw für einen guten Bundestrainer, der aus den von den Vereinen ausgebildeten Spielern eine tolle Nationalmannschaft geformt hat.

    Die Spiele anzuschauen macht häufig Spaß. Das war nun wirklich nicht immer so.

    Da bricht doch keinem ein Zacken aus der Krone, sich hinzustellen, und die taktische Aufstellung im Italienspiel zu bedauern. Oder wenigstens zu kommentieren.

    Das nicht gemacht zu haben, zeigt charakterliche Schwächen bei Herrn Löw, die ich da nicht vermutet hätte.

    3 Leserempfehlungen
  5. Dass so ziemlich alle Zuschauer derzeit das Spiel deutlich mehr genießen als in den Rumpeljahren, steht außer Frage. Dass Löw dabei sehr von der exzellenten Arbeit von Klopp, Heynckes und insbesondere noch van Gaal profitiert, allerdings auch.

    Wer hingegen anmahnt, dass man ein Spiel, in dem man nach einer Stunde erdrückender Dominanz mit 4:0 führt, nie mehr aus der Hand geben darf, kann nicht einfach als Ergebnisapostel abgetan werden. Viele Kritiken an Löw bgzl des verlorenen Halbfinals gegen Italien waren auch nicht gegen seine Spielidee (Kreativität, Ballbesitz, Leistungsbereitschaft) gerichtet, sondern gegen Löws fehlende Konsequenz bei der Umsetzung seiner eigenen Pläne (Konterstürmer Podolski statt Reus, verletzt um Bank bettelnder Schweinsteiger in der Startaufstellung etc.).

    Wenn Löw selbst nicht an seine eigene Idee glaubt, oder sie offenbar nur schöne Worte für teilzeit-sportinteressierte Feuilletonisten ergeben soll, kann man durchaus mit Kritik nicht sparsam sein.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "erwartung"
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    ...haben Sie mit Ihrem Kommentar.

  6. 30. niveau

    ich bin davon ueberzeugt dass die meisten nationalmannschaft/loew-kritiker niemalls ueber niveau " schneeweis garath " 6.mannschaft.

  7. Die 'Sieg' grölenden Fans treiben mir immer einen kalten Schauer über den Rücken. Für die Nichtsensibelchen unter uns: Sagen Ihnen die Namen Lens und Daniel Nivel etwas?

    Antwort auf "Ach Gottchen"
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    Sagt Ihnen der Name Andrés Escobar etwas?

    Warum ist "Hooligan" ein Anglizismus, wenn es sowas doch nur in Deutschland gibt und nirgendwo sonst?

    • A-RAP
    • 28. Dezember 2012 11:33 Uhr

    Wer nicht siegen kann, braucht auch kein keine tröstenden Worte oder gar Mitleid zu erwarten. Anstatt die Zeit mit nutzlosen Phrasen und Ausreden zu verschwanden, sollten man lieber beharrlich und diszipliniert sämtliche Schwachstellen des DFB (also nicht nur des Kaders!) identifizieren und beseitigen. Nur der Sieg zählt und wir Deutsche müssen so lange daran arbeiten bis wir unser Ziel erreichen!

    via ZEIT ONLINE plus App

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    ...überdies das Torverhältnis.

    Sie haben den Fußballsport nicht verstanden.

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