Er roquet wieder! Roque Santa Cruz sorgte am Samstagabend im Stadion La Rosaleda zu Málaga für einen geschichtsträchtigen Erfolg: Der frühere Stürmer des FC Bayern besiegelte mit einem Doppelschlag in drei Minuten den 3:2-Heimerfolg des FC Málaga gegen Real Madrid . Kurz vor dem Ende der Hinrunde rücken die Andalusier somit bis auf zwei Zähler an den aktuellen Meister heran und befindet sich auf dem vierten Tabellenplatz erneut auf Champions-League-Kurs.

Der Sieg gegen Real ist aber nur die neuste Wendung in einer bizarren Achterbahnfahrt, die der FC Málaga in den vergangenen zwei Jahren hinter sich hat. Eine Fahrt, die ebenso rasant bergauf ging und diesen Sommer fast schon zu Ende schien. Und kurioserweise gerade dann erst richtig begann.

Dabei waren die Nachrichten vor dem letzten Spiel der Hinrunde alles andere als positiv für die Andalusier. Im Rahmen des Financial Fair Play wurde der Verein diese Woche von der Uefa für die europäischen Wettbewerbe gesperrt , weil er seinen Zahlungen nicht nachkommt. Sollte sich Málaga in den kommenden vier Jahren erneut für die Champions- oder Europa League qualifizieren, dürften sie dort nicht antreten.

Doch der Reihe nach. Um die Entscheidung der Uefa zu verstehen, muss man zunächst in die Vergangenheit des FC Málaga blicken. Der Verein ist eines dieser merkwürdigen sportlichen Konstrukte, das aus einem schier endlosen Geldfluss und persönlichen Ehrgeiz hervorgegangen ist und daran fast gescheitert wäre.

Die meiste Zeit galten die Andalusier als eine typische graue Maus im spanischen Fußball. So lebhaft die Stadt an der Mittelmeerküste ist, so behäbig war der Fußball: Die Mannschaft spielte irgendwo zwischen unterem Mittelfeld und chronischer Abstiegsangst. Das beste Ergebnis in der Geschichte des Vereins war ein siebter Platz – Anfang der Siebziger Jahre. 1992 löste sich der damals drittklassige Verein aufgrund finanzieller Probleme auf. Ein Jahr später übernahm eine Kapitalgesellschaft den Namen des Málaga Club de Futbol. Der Name blieb, das sportliche Mittelmaß auch. Erst 2000 gelang wieder der Aufstieg in die erste Liga, 2006 stiegen sie wieder ab.

Traditionell in finanziellen Schwierigkeiten, suchten die Verantwortlichen des Clubs nach dem erneuten Wiederaufstieg 2008 nach neuen Investoren. Fündig wurden sie im Nahen Osten: Scheich Abdullah bin Nasser al-Thani, Teil der regierenden Familie Katars , übernahm im Sommer 2010 den Verein und glich die bestehenden Schulden auf einen Schlag aus. Mehr noch, al-Thani wollte Málaga zu einer neuen, dritten Fußballmacht in Spanien aufbauen. Ein neues Stadion sollte her, das im Hinblick auf die WM 2022 den Namen Quatar Stadium tragen sollte.

Eine exklusive Nachwuchsakademie sollte der legendären Kaderschmiede des FC Barcelona Konkurrenz machen und den Verein innerhalb von fünf Jahren in Europas Spitze befördern. Málaga, das schien wie einst Manchester City, Anschi Machatschkala oder RB Leipzig zunächst wie ein Fußballprojekt, das mehr auf persönlichem Größenwahn als sportlicher Realität fundierte.

Geschätzte 150 Millionen Euro investierte al-Thani in kürzester Zeit in den Verein. Er holte etablierte Spieler wie die Ex-Bundesligaprofis Joris Mathijsen und Martin Demichelis, frühere Superstars wie Javier Saviola und Ruud van Nistelrooy und aktuelle Talente wie Santi Cazorla nach Andalusien , und setzte ihnen mit Manuel Pellegrini einen erfahrenen Trainer vor die Nase. Und tatsächlich schien der Plan aufzugehen: Bereits die zweite Saison unter der Ägide al-Thanis schloss Málaga als Vierter in La Liga ab und qualifizierte sich anschließend für die Champions League.

Der Scheich verliert das Interesse

Was anschließend geschah, gehört zu den bizarrsten Wendungen der jüngeren Fußballgeschichte. Es ist etwas, das eigentlich nicht sein kann, nicht sein darf in der schönen neuen Fußballwelt: Nach der erfolgreichsten Saison der Vereinsgeschichte drehte der Scheich den Geldhahn zu – unangekündigt und scheinbar ohne Grund. Die Verantwortlichen blieben ratlos zurück. Um das wirtschaftliche Aus abzuwenden, blieben ihnen nur Spielerverkäufe. Und so mussten im Sommer die beiden Leistungsträger Santi Cazorla (zu Arsenal London) und José Rondon (zu Rubin Kasan) gehen, zwischenzeitlich schien gar ein Verkauf des Clubs wahrscheinlich. Der albanische Geschäftsmann Rezart Taci wurde ebenso genannt wie David Beckham.

Seitdem wird über die Beweggründe al-Thanis gemutmaßt: Ging dem Scheich etwa das Geld in der Portokasse aus? Unwahrscheinlich für einen der reichsten Männer der Emirate. Vielmehr scheint es, als hätte der Scheich einfach das Interesse am Projekt Malaga verloren – auch wenn es die Sprecher des Clubs dementieren.

Sicher ist, dass es al-Thani von Anfang an um mehr ging als nur den Fußball. Al-Thani, so glauben inzwischen einige, hätte den Verein nur genutzt, um sich einen guten Ruf in der touristenreichen Region zu erarbeiten. Ein Mittel zum Zweck, um seine ambitionierten Immobilienpläne an der Costa del Sol durchzusetzen, zu denen neben einem Luxushotel auch der Ausbau des Hafens von Marbella zählte . Doch die spanischen Behörden zeigten sich weniger enthusiastisch als die Fußballfans und die Genehmigung der Bauprojekte benötigt – auch der spanischen Wirtschaftskrise geschuldet – mehr Zeit, als von al-Thani erwartet.

Und dann wären da noch die TV-Gelder, deren Vergabe der Emir als unrechtmäßig empfindet. Im Juli äußerte er sich auf Twitter erbost über die Bevorzugung der großen Clubs aus Madrid und Barcelona . Er sprach von Korruption, von einer gleißenden Ungerechtigkeit im spanischen Fußball und forderte eine Untersuchung. Doch statt aktiv zu werden, ließ er seinen Verein in Verbindlichkeiten stecken, die sich auf den laufenden Betrieb auswirkten: Gehälter und Prämien konnten plötzlich nicht gezahlt werden, die Uefa schaltete sich schließlich ein.

Ein Geldgeber, der keine Gehälter zahlt, ein Verband, der mit Sanktionen droht, eine Fangemeinde, die zunehmend argwöhnisch wird und wichtige Spieler, die den Verein verlassen – es klingt wie eine Anleitung für ein sportliches wie wirtschaftliches Desaster.

Doch inmitten der turbulenten Zeit zeigten die Spieler im Verlauf der Saison etwas, das man von den verwöhnten Fußball-Millionären nicht erwartet: Sie spielen Fußball, erfolgreichen Fußball. Statt mit Streiks und Argwohn aufzuwarten, scheinen sich die Profis entschlossen zu haben, die Antwort auf das Chaos in der Vereinsführung buchstäblich auf dem Platz zu geben. Der FC Málaga spielt die beste Hinrunde der Geschichte und mischt nebenbei die Champions League auf.

Gut möglich, dass es eine sportliche Reaktion ist, um den abtrünnigen Scheich wieder zurückzuholen. Möglich ist aber auch, das die Spieler ihr Schicksal in die eigene Hand genommen haben und nun Eigenwerbung betreiben: für sich, für den Verein, vielleicht aber auch für den Fußball im Allgemeinen. Als wollten sie den Beweis bringen, dass sie es sind, die Spiele entscheiden und nicht bloß das Geld, das auf ihr Konto fließt. Das macht den FC Málaga zu einem der aktuell spannendsten Vereine in Europa. Zu einem Verein, gegen den eigentlich alles spricht – und der sich trotzdem wacker schlägt. Zusammenschluss statt Zusammenbruch.

Die Vereinsführung des FC Málaga wehrt sich derweil gegen die Sanktionen der Uefa. Man habe die ausstehenden Gehälter inzwischen beglichen und das Finanzmanagement verbessert, heißt es in einer ersten Stellungnahme . Die Sperre sei demnach unzulässig.

Und überhaupt sei auch Scheich Abdullah al-Thani weiterhin mit Leib und Seele der Inhaber des Clubs. Sicher ist: Ein Sieg gegen die Königlichen aus Madrid sollte jedenfalls auch in Katar für eine schöne Bescherung sorgen.