Team des JahresDer Deutschland-Achter, bloß keine Harmonie

Das Erfolgsrezept der rudernden Olympiasieger: Keiner hat seinen Platz sicher. Der Sieg des deutschen Bootes zeigt, dass das Harmoniemodell nicht zum Spitzensport passt. von Claus Vetter

Der Steuermann Martin Sauer wird nach dem Goldrennen nass

Der Steuermann Martin Sauer wird nach dem Goldrennen nass  |  © Jim Hollander/picture alliance/dpa

Wie bekommt man acht erbitterte Konkurrenten dazu, im entscheidenden Moment am gleichen Strang zu ziehen? Niemand scheint diese Frage so gut beantworten zu können wie Ralf Holtmeyer, als Ruder-Bundestrainer verantwortlich für den deutschen Achter. Holtmeyer hält nicht viel von Harmonie, auch wenn das wichtigste Boot des Deutschen Ruderverbands bei seinen Rennen sehr harmonisch wirkt. "Wo es darum geht, besser zu werden, ist es zwangsläufig unbequem, weil man immer arbeiten muss", hat Holtmeyer vor Kurzem gesagt.

Die Sportler-Wahl

Die Wahl zum Sportler des Jahres findet in Deutschland seit 1947 statt. Die Agentur Internationale Sport-Korrespondenz (ISK) erfand die Ehrung und führt sie bis heute durch. Seit 1998 werden die Sieger in einer ZDF-Show geehrt. Bei der 66. Abstimmung der ISK wählten in diesem Jahr rund 1500 Sportjournalisten das Gewinner-Trio: Robert Harting (bester Sportler), Magdalena Neuner (beste Sportlerin) und der Ruder-Achter (beste Mannschaft).

"Das Harmoniemodell passt nicht zum Spitzensport." Und Ruderer Andreas Kuffner ist schon früh aufgefallen: "Das Erfolgsrezept des Boots ist es, dass keiner seinen Platz sicher hat. Man muss sich ständig beweisen."

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Beweisen musste sich auch der Deutschland-Achter bei den Olympischen Spielen in London , nachdem das Boot vier Jahre zuvor in Peking kläglich gescheitert war. Holtmeyer, der das Boot bereits von 1986 bis 2000 trainiert und 1988 in Seoul zum vorerst letzten olympischen Gold geführt hatte, wurde als Chef zurückgeholt. Der 56-Jährige setzte auf Konkurrenzkampf und Druck – und der Erfolg gab ihm recht. Mit Holtmeyer kehrte der Erfolg zurück, der Achter wirkte in den Jahren zwischen den Spielen 2008 und 2012 unschlagbar. Mit drei WM-Titeln in Folge und 35 Rennen ohne Niederlage reiste die Mannschaft nach London.

Vor den Spielen hatte Holtmeyer seine Athleten zu diversen Trainingslagern zusammengezogen, insgesamt viereinhalb Monate verbrachten die Männer gemeinsam. Meistens mit drei Trainingseinheiten pro Tag, 30 Stunden pro Woche. Bis zum Frühjahr verteilte Holtmeyer die Männer in Zweier-Boote, zu diesem Zeitpunkt kämpften noch 18 Kandidaten um die acht Plätze im 17,62 Meter langen, 86 Kilogramm schweren und rund 40.000 Euro teuren Großboot. Holtmeyer probierte verschiedene Zusammensetzungen und Konstellationen aus, ehe er sich für die acht Ruderer entschied, die in London das erste Achter-Gold seit 24 Jahren gewinnen sollten.

Im Rennen auf dem Dorney Lake von Eton war es dann das britische Boot, das die deutschen Favoriten herausforderte. Mit einem mutigen Zwischenspurt schoben sich die von ihrem Publikum nach vorne gepeitschten Gastgeber an die Deutschen heran, einige hundert Meter lagen die Boote Bug an Bug. Dann hatten die Briten ihre Kraft verbraucht und fielen sogar noch hinter die am Ende zweitplatzierten Kanadier zurück. Der Weg zu Gold und dem 36. Sieg in Folge war frei für die Deutschen.

"Wir haben alle die Augen im Boot gehabt, jeder Blick kostet 20 Zentimeter", erläuterte Ruderer Maximilian Reinelt. Wer die härtesten Konkurrenten im eigenen Boot an seiner Seite weiß, kann sich eben ganz auf sich selbst konzentrieren.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. naja, klingt sehr nach dem juni-artikel von frank bachner....

    http://www.zeit.de/sport/2012-07/deutschland-achter-olympia-rudern

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Gold | Publikum | Tagesspiegel | London | Peking | Seoul
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