PolizeikontrollenKölner Fans fühlen sich wie Schwerverbrecher behandelt

Ein Polizeieinsatz gegen Anhänger des 1. FC Köln stößt auf Kritik: Die Fans mussten sich vor Beamten komplett ausziehen. Das sei "abartig und überzogen" gewesen. von 

Ein Anruf bringt alles ins Rollen. Ein Autofahrer beobachtet am Mittwochnachmittag auf der Autobahn-Raststätte Lorsch-West an der A67 zwischen Darmstadt und Mannheim , wie Kölner Fußballfans einen Feuerwerkskörper zünden und danach in einen Bus steigen. Der Zeuge verständigt die örtliche Polizei, die die Meldung an die Kollegen in Stuttgart weiterleiten. Dort spielt der 1. FC Köln am Abend im Achtelfinale des DFB-Pokals gegen den VfB Stuttgart , dorthin ist der Bus unterwegs, dort werden die FC-Fans von der Polizei in Empfang genommen.

Was dann passiert, ist ein Musterbeispiel für die Sicherheitsdebatte im deutschen Fußball . Und wirft Fragen auf: Wie weit darf die Polizei auf der Suche nach Pyrotechnik gehen? Was muss eine Gruppe Fans für eine Gesetzesübertretung eines Einzelnen kollektiv über sich ergehen lassen? Und wie steht es um das Verhältnis zwischen Vergehen, Kontrolle und Strafe?

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Der Bus des Kölner Fanclubs " Rut Wiess Colonia ", in dem am vergangenen Mittwoch auch andere FC-Anhänger mitfahren, wird in Stuttgart bereits von Beamten der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) erwartet.

Die Spezialkräfte der Landespolizei Baden-Württemberg lotsen den Bus zur Stadionwache. Dann werden die knapp 30 Fans einzeln von zwei Beamten in Kampfmontur, Helm und Gesichtsmaske zu einem Einsatzfahrzeug eskortiert. Nach einer Durchsuchung der Kleidung und der Feststellung der Personalien werden die Insassen des Busses fotografiert, dabei müssen sie Schilder in die Kamera halten, auf denen Sitzreihe und Platz im Bus vermerkt ist.

Dann geht es weiter ins Innere der Stadionwache. Die folgende Prozedur beschreibt ein dem Tagesspiegel bekannter Fan, der anonym bleiben will, als "ekelhaft", "abartig" und "dermaßen überzogen", man habe sich gefühlt "wie Schwerverbrecher oder Taliban". Alle Kölner, auch der 63 Jahre alte Organisator der Fahrt, müssen sich komplett ausziehen, die Tür zum Untersuchungsraum bleibt nach Aussage des Fans dabei geöffnet. Die Gründlichkeit der Leibesvisitation umschreibt der Kölner Fan so: "Bei manchen haben sie auch hinten reingeguckt."

Eine Frau bleibt in der Zelle

Nach der Ganzkörperkontrolle warten die Kölner in einer Sammelzelle darauf, wie es weitergeht. "Zu diesem Zeitpunkt war immer noch nicht klar, was Sinn der Aktion war", sagt der 32-jährige Fan. "Wir wussten auch nicht, ob wir jetzt festgenommen sind, ob wir das Spiel noch zu sehen bekommen." Kurz vor dem Anpfiff, rund 90 Minuten nach dem Beginn der Kontrolle, dürfen die Kölner doch noch in den Gästeblock, allein die einzige mitgereiste Frau verbringt das Spiel in einer Zelle.

Nach der Partie finden die Fans ihren Bus verwüstet vor, die Mülleimer ausgekippt, die Polster teilweise herausgerissen. Bei "Rut Wiess Colonia" behält man sich vor, Schadenersatz zu fordern. Und kann immer noch nicht fassen, was in Stuttgart passiert ist. "Uns geht es um die Verhältnismäßigkeit. Die Durchsuchung geht zu weit", sagt Vorstand Frank Helsper, der selbst nicht mitgereist war. "Gerade jetzt, da das neue Sicherheitskonzept der DFL so viel Wert auf den Dialog legt. Man kann mit uns reden – auch wenn es einen Verdacht gab."

Erschienen im Tagesspiegel
 

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Leserkommentare
  1. Welches Bild vom Bürger haben Polizisten, wenn sie Fussballfans "hinten rein" schauen. Oder mit Wasserwerfern Demonstranten jagen? Welches Menscchenbild hat Frau Merkel, wenn sie sagt wir können uns "den Sozialstaat nicht mehr leisten". Welches Menschebild haben Politiker, die überall Kameras fordern und mehr Uberwachung, bis hin zur Sponage nach der PIN des Telefons? Welches Menschenbild hat die Regierung, wnen sie die Reichensteuer für "unmöglich" erklärt, aber MwSt und Rentenalter immer weiter anheben will?

    Ich denke an eine Szene aus "Matrix", in der Neo eine Batterie hochhebt und sagt "wir sind nicht mehr als das für sie". Diese kleines Szene beschreibt sehr gut welchen Stellenwert der Bürger heute hat.

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    ## ... Ich denke an eine Szene aus "Matrix", in der Neo eine Batterie hochhebt und sagt "wir sind nicht mehr als das für sie". Diese kleines Szene beschreibt sehr gut welchen Stellenwert der Bürger heute hat. ##

    Die meisten Menschen glauben, dass Geld arbeitet!
    Auch eine Matrix, die von den wenigsten als Fiktion erkannt wird.

    http://www.youtube.com/wa... Aber Morpheus war's. Neo hing doch so lange am Tropf, was vielleicht unser Wahl- und Mediensystem beschreibt.

    Die Gedanken sind frei, bald nicht mehr.

    Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass jedem Polizisten bei der Durchführung und selbst beim Verkünden der Anweisung zuvor wohl ist. Nicht jeder sieht sich dort als Gegner des Bürgers, im Gegenteil. Und die Verhältnismäßigkeit hat durchaus einen Wert.

    Vielleicht fährt die Politik ja mit Fernlicht und setzt Zeichen. "Seht her, wir können auch anders", aber anstatt mehr Kontrollen, härte Strafen und dann einfach noch mehr Kontrollen zu fordern, täte der Blick auf die Ursachen gut.

    Das wird man mit dem leider verrufenen "konservativen" Ansatz nicht erreichen. Ja nicht mal wollen. Wie gerne sähe ich wahrlich Konservative, also Bewusste und Abschätzende, an den Reglern. Doch das vollbringt die CSU eigentlich nie und die CDU selten.

    Und Rot? Genau, das Rot, welches Dinge wie einen Staatstrojaner auf den Weg brachte und später an den Staat verkauft. Grüße an Schilly.

    Also doch nur Batterien und oben legen sie dann den Schalter um? Noch nicht. Oder?

  2. So kann man Fußballfans auch den Spaß nehmen. Ich werde mir nächstes Jahr keine Fußballspiele mehr im Stadion anschauen. Selbst vor internationalen Flügen muss ich mich weniger entkleiden als bei manchen Sicherheitskontrollen vor Fußballstadien. Das ruiniert nicht nur den Spaß, sondern jegliches Vertrauen in eine verhältnismäßige Sicherheitspolitik.

    3 Leserempfehlungen
    • Isi 1st
    • 22. Dezember 2012 17:55 Uhr

    ...der Staat treibt die Spirale der Gewalt immer mehr an. Von Jahr zu Jahr steigt die Gewaltbereitschaft auf allen Seiten und immer mehr 'noch so brave' Bürger reiben sich verwundert die Augen (...wenn sie nicht von einem Wasserwerfer zerfetzt werden)!
    Das Wasser im Kessel köchelt schon ein wenig, aber es wird erst richtig brutal, wenn das Wasser brodelt - wie einst 1923!

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    ## ... Das Wasser im Kessel köchelt schon ein wenig, aber es wird erst richtig brutal, wenn das Wasser brodelt - wie einst 1923! ...##

    Wenn das Wasser brodelt, ist der Frosch schon tot. Dann ist es auch egal, was für ein Bild die Bevölkerung von der Polizei hat, da erste im Staat nichts mehr zu melden hat und nur noch das zu tun hat, was ihr von oben befohlen wird.

  3. Mittelfristig wird sich die Polizei durch ein solches Verhalten selbst massiv schaden. Das Wichtigste für die Polizei ist doch die Akzeptanz und der Rückhalt in der Bevölkerung - auch und gerade bei den (normalen) Fans.

    Allgemein betrachtet, muss es in den Stadien meiner Meinung nach zu einem "gemeinsam gegen Gewalt" kommen. Zur Zeit scheint es sicher aber eher in die Richtung "die Fans geschlossen gegen die Ordner/Polizei/DfB" zu entwickeln, was ich für gefährlich halte.

    10 Leserempfehlungen
    • Plupps
    • 22. Dezember 2012 18:21 Uhr

    grauenhaft - was für ein Volk macht das nur? Und in so einer Situation - dass in einer wüsten Schlägerei Dinge passieren, die nicht in der Vorschrift stehen, kann ich durchaus verstehen.

    Aber dass sich die Plizei wegen eines Knallers aufführt, als wollte man Pinochets Putsch nachspielen - alle rausschmeißen

    11 Leserempfehlungen
  4. Der Ton macht die Musik. Manche Aktionen sind einfach zu viel des guten.

    2 Leserempfehlungen
  5. 7 Leserempfehlungen
  6. ## ... Das Wasser im Kessel köchelt schon ein wenig, aber es wird erst richtig brutal, wenn das Wasser brodelt - wie einst 1923! ...##

    Wenn das Wasser brodelt, ist der Frosch schon tot. Dann ist es auch egal, was für ein Bild die Bevölkerung von der Polizei hat, da erste im Staat nichts mehr zu melden hat und nur noch das zu tun hat, was ihr von oben befohlen wird.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Bürgerkrieg..?!"

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  • Quelle Tagesspiegel
  • Schlagworte Bundesliga | Fußball | 1. FC Köln | FC Köln | VfB Stuttgart | Achtelfinale
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