Sportler des Jahres : Robert Harting, Muskelprotz und Provokateur

Der unbesiegbare Diskuswerfer Robert Harting stach selbst Sebastian Vettel aus. Weil er sich für eine Show nicht zu schade ist und gerne herumpoltert.
Robert Harting nach seinem Olympiasieg © Quinn Rooney/Getty Images

Olympische Spiele, London , 7. August. Robert Harting hüpft über die Laufbahn des Olympiastadions. Der große, starke Mann freut sich im ersten Moment des großen Sieges wie ein kleines Kind. Doch dann ist er wieder dieser gewaltige Muskelprotz. Harting spielt mit den Fotografen. Seht her! Erst dann zerreißt er sein Shirt, wie immer. Auf der folgenden Ehrenrunde überwindet er noch die Hürden, die eigentlich für das Finale der Frauen aufgebaut sind. Robert Harting, goldiger Scherzbold.

Natürlich könne er auch Hürdenlaufen, sagte der Olympiasieger im Diskuswerfen später über seine Ehrenrunde. "Ich trainiere das auch. Aber ein Hürdenläufer bin ich nicht mehr, dafür bin ich zu schwer." Gut gelaufen ist es für ihn in jeder Hinsicht, und gut für das deutsche Leichtathletik-Team von London war seine olympische Goldmedaille auch – die erste für einen deutschen Leichtathleten seit zwölf Jahren. Dazu hatte Harting das Kunststück fertiggebracht, innerhalb von zwölf Monaten Weltmeister, Europameister und Olympiasieger zu werden.

Der persönliche Erfolg des Robert Harting ist die eine Seite. Die andere Ebene des gebürtigen Cottbusers, der für den SC Charlottenburg startet, ist, wie er mit seiner Prominenz umgeht. Natürlich sehnen sich die deutschen Leichtathletik- und Olympiafans seit Jahren nach Siegern in Laufwettbewerben – vor allem bei den Sprintern. Aber dort ist der Abstand zur Weltspitze zu groß. Dass ein Triumph in einer klassischen Disziplin wie dem Diskus nicht minderwertig sein muss, hat Harting mit seinem beherzten Auftreten unterstrichen. Olympia in London war ein Wettbewerb zum Mitleiden. "Ich hatte schwere Beine, selbst der Siegeswurf war alles andere als optimal", sagte er später. Es nahm dann ein gutes Ende zum Mitfreuen samt Harting-Show als Zugabe – und Nachspiel: Dass er in der Siegesnacht in London beklaut wurde und am nächsten Morgen zunächst nicht ins olympische Dorf kam – auch das hat Harting greifbar menschlich gemacht.

Robert Harting hat in diesem Jahr das breite Publikum für sich gewonnen; er arbeitet hart an seiner Prominenz. In Berlin schaut er schon mal bei anderen Sportarten vorbei, genießt dort seine Bühne. Der 28-Jährige brachte zum Beispiel beim Saisonauftakt der Berlin Volleys die Meisterschale in die Schmeling-Halle. Harting setzt sich auch verbal in Szene. Mit poltrigen Äußerungen zum Thema Dopingopfer der DDR hat er vor drei Jahren einen Eklat provoziert. Und zuletzt hat er die deutsche Sportförderpolitik kritisiert.

Mit 28 Jahren ist Harting auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn. Zum zweiten Mal hintereinander ist der Diskuswerfer in einer Saison ohne Niederlage geblieben, und zum ersten Mal gewinnt er nun die Wahl zum Sportler des Jahres, sogar vor Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel . Robert Harting ist eben Repräsentant einer Sportart, die in Deutschland durch ihn an Größe gewonnen hat.

Erschienen im Tagesspiegel

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