Magnus CarlsenEin bescheidener 22-Jähriger dominiert die Schach-Elite
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Carlsen trauen indessen viele zu, zukünftig 2.900 zu übertreffen

In der Weltrangliste steht Carlsen nun mehr als 50 Elopunkte vor dem Zweitplatzierten, dem Exweltmeister Wladimir Kramnik. So groß war der Vorsprung zuletzt in den neunziger Jahren, als Garri Kasparow die unbestrittene Nummer eins war. Unerreicht ist allerdings Bobby Fischers Dominanz von 1971 und 1972, als der Amerikaner 125 Elopunkte vor Boris Spasski geführt wurde, den er dann als Weltmeister ablöste. Mit dem WM-Titel zog sich Fischer dann überraschend vom Wettkampfschach und aus der Öffentlichkeit zurück.

Fischers Höchstmarke betrug damals 2.785 Punkte. Obwohl Carlsen nun mehr erreicht hat, wird Fischers Leistung von vielen weiter als wahrer Rekord angesehen. Jahr für Jahr steigen die Elozahlen der Weltspitze nämlich leicht an, weil immer neue Spieler in die Rangliste aufgenommen werden und sich Punkte von unten nach oben umverteilen. Statistiker sprechen von einer "Eloinflation", die zeitweise fünf Elopunkte jährlich und zuletzt etwa drei Elopunkte jährlich ausmachte.

Magnus Carlsen trauen indessen viele zu, zukünftig 2.900 zu übertreffen. Relativ weniger als andere Spitzenspieler beruhen seine Resultate auf Eröffnungsvorbereitung. Oft wählt er bewusst als harmlos geltende Varianten, in denen seine Gegner aber früher als gewohnt ihre Züge am Brett finden müssen. Der "Kampf zwischen meinen Ideen und seinen Ideen" ist für ihn die Essenz des Spiels.

Carlsens Stellungsgefühl sei besser als seines, gab Kasparow zu, der ihn 2009 und 2010 coachte. Die von ihm geforderte Arbeitsdisziplin und sein Trainerehrgeiz gingen Carlsen allerdings zu weit. Schach sei für ihn immer Spaß und nie Überwindung gewesen. Daran hält er sich bis heute. Als er dann auch noch seine Teilnahme am Kandidatenturnier 2011 absagte, sparte Kasparow nicht an Kritik an seinem früheren Schützling , dem er psychische Schwächen und mangelnden Fleiß vorwarf: "Er hat ein enormes Talent und ist in gewissem Maße verpflichtet, dieses Talent der Schachwelt zu geben."

Beim nächsten Kandidatenturnier, das im März ebenfalls in London stattfindet, wird Carlsen dabei sein. Und er geht als hoher Favorit in das doppelrundige Achterturnier. Dessen Sieger winkt ein hoch dotierter WM-Zweikampf gegen Anand.

Der Inder, der an diesem Dienstag 43 wird, gilt als Weltmeister auf Abruf. In London konnte er von seinen acht Gegnern nur den nominell Schwächsten, den Engländer Gawain Jones, besiegen und wurde Fünfter. Seit er 2008 in Linares Erster wurde und in Bonn die WM gegen Kramnik gewann, zeigt der Weltmeister kaum noch überzeugende Resultate. In der Weltrangliste ist er mittlerweile auf 2.772 und Platz sieben abgerutscht. Was ihm gegen Carlsen blüht, deutete ihre Begegnung vor zwei Monaten in Bilbao an. Es war die vielleicht verblüffendste Partie des Jahres: Anand sah kaum einen Zug voraus und gab im 30. Zug entnervt auf.

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Leserkommentare
  1. danke für die Schach-Artikel!
    ich als Gelegenheitsspieler habe nicht die Muße mich ausgiebig damit zu beschäftigen, aber doch Freude an den Nachrichten aus der Schachwelt!

    17 Leserempfehlungen
    • Nero11
    • 11. Dezember 2012 14:04 Uhr

    Es ist kein Wunder, dass Kasparov so verkrampft ist, denn er wurde von der Sowjetunion sozialisiert. Für ihn war Schach immer auch ein Überlebenskampf. Wenn Magnus es schafft, so gut zu sein und das Spiel trotzdem als Spaß anzusehen, dann macht er meiner Meinung nach alles richtig. Weiter so!

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    • hairy
    • 11. Dezember 2012 15:57 Uhr

    "Es ist kein Wunder, dass Kasparov so verkrampft ist, denn er wurde von der Sowjetunion sozialisiert."

    Oh ja, es werden wieder Ammenmaerchen erzaehlt.

    • ikarus7
    • 11. Dezember 2012 14:54 Uhr

    "Verpflichtet, das Talent der Schachwelt zu geben"?
    Carlsen ist ein freier Mensch. Kasparow offensichtlich nicht.

    3 Leserempfehlungen
  2. Redaktion

    Lieber Variatio,
    vielen Dank für den Hinweis. Wir haben die Passage daraufhin im Text angepasst.
    Viele Grüße aus der Redaktion

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "ELO-Beschreibung"
  3. "Er hat ein enormes Talent und ist in gewissem Maße verpflichtet, dieses Talent der Schachwelt zu geben."

    Dies ist eine Aussage, die ideologisch weit über Schach hinausgeht und eine interessante, allgemeinere gesellschaftsphilosophische Debatte anstoßen könnte.

    Liebe Redaktion, ich wünsche mir zu Weihnachten einen Artikel im Ressort Meinung, der diese Frage thematisiert!

    8 Leserempfehlungen
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    • Nero11
    • 11. Dezember 2012 15:38 Uhr

    seit Bobby Fisher aufgehört hat zu spielen. Das Ergebnis: Schade, aber man kann ihn nicht zwingen.

  4. Magnus = Magnates = der Große/Größte

    Was mir bei Magnus im Gegensatz zu seinen engsten Konkurrenten auffällt ist dass er ansonsten ziemlich normal redet und sich benimmt, eben nicht abgehoben, sonderbar und keine Schraube locker hat.

  5. 8. warum

    gibt es im schach eine "frauenweltrangliste"?!

    3 Leserempfehlungen
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    • Nero11
    • 11. Dezember 2012 15:39 Uhr

    .

    Man möchte vermutlich nicht per Quote 50% Frauen in die Weltrangliste zwingen, daher sind zwei getrennte Weltranglisten einfacher ;)

    Eine Antwort auf Ihre Frage versucht das Schachmagazin caissa zu geben:

    "Frauen sind aus eher unerfindlichen Gründen immer noch das „schwache“ Geschlecht im Schach. Einige haben es aber immerhin schon in die vorderen Gefilde der Weltrangliste geschafft, eine einzige Spielerin, Judit Polgár, schaffte es jemals in die Top Ten."

    Die Antwort ist unbefriedigend. Ich würde Frauen nun keine mangelnde Kreativität im Denksport gegenüber Männern unterstellen. Vielleicht interessieren sich einfach nicht genug Mädchen für Schach, analog zu den viel zitierten MIND-Fächern?

    Entfernt, bitte beteiligen Sie sich konstruktiver. Danke, die Redaktion/se

    • truncus
    • 11. Dezember 2012 19:21 Uhr

    Sie stellen eine sehr wichtige Frage, und ich muss mich immer wieder wundern, wie wenig Beachtung dieses Thema im Allgemeinen findet. Die Beantwortung der Frage, weshalb nur 1% der Schachgroßmeister weiblichen Geschlechts ist, kann vor dem Hintergrund einer gesamtgesellschaftlichen Fragestellung nämlich interessante Implikationen beinhalten. Vielleicht schrecken auch viele vor der Antwort zurück. Dabei gibt es dafür keine Veranlassung.

    Judit Polgar, die einzige Frau, die am Männerschach teilnimmt und zeitweise etwa 600 Rangplätze vor der zweitbesten Frau platziert, gab in einem Interview auf diese Frage einmal sinngemäß zur Antwort, Frauen seien nicht im selben Maße wie Männer bereit, ihr Leben für eine Sache zu opfern. Das deckt sich auch halbwegs mit der Beobachtung, dass von der Gesamtheit der schachspielenden Frauen prozentual weniger Spielerinnen in den Wettkampfschach einsteigen. Männer sind im Mittel sehr viel mehr wettkampforientiert.

    Eine interessante Studie dazu ist Chabris & Glickman (2006). Sex Differences in Intellectual Performance.

    Eine sachliche Begründung für Herren- und Damenschach kann ich nicht ersehen. Ich finde sie mir als überflüssig. Warum hat sich Frau A. Schwarzer nicht damit beschäftigt?

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