Amateurschiedsrichter : "Soll der Tod eines Linienrichters zu unserem Sport gehören?"

Der Oberliga-Schiri Ralph Vollmers beschreibt im Video-Interview die zunehmende Gewalt gegen Schiedsrichter. Er sagt: "Ich als Schiedsrichter kann mich nicht wehren."
Gewalt gegen Schiris: "Es werden Grenzen überschritten" Der Hamburger Schiedsrichter Ralph Vollmers erzählt im Video-Interview über seine Erfahrungen mit Gewalt auf deutschen Sportplätzen.

Der Tod eines Linienrichters erschüttert Holland . "Wie kann ein Jugendlicher so viel Aggression in sich haben?", fragt Ralph Vollmers, Schiedsrichter aus Hamburg . Doch Gewalt im Amateurfußball gibt es auch in Deutschland. In den vergangenen Jahren habe die Aggression zugenommen, sagt Vollmers im Video-Interview.

Ralph Vollmers

Ralph Vollmers, 45, vom FSV Geesthacht wurde 2011 und 2012 von den Lesern der Bild Hamburg zu Hamburgs Schiedsrichter des Jahres gewählt, im Jahr 2009 von der Fachzeitschrift fußball Hamburg. Vollmers pfeift bis zur Männer-Oberliga, oft in auffälligen Outfits, sein Spitzname ist Ivan Drago. Vollmers erlangte vor zehn Jahren überregionale Aufmerksamkeit. Nach einem Spiel bewarfen ihn Fans mit einer vollen Bierdose. Als er danach befragt wurde, wie es ihm gehe, antwortete er: "Von einer Dose Bier bin ich noch nie umgefallen." Der Satz wurde Spruch des Jahres im Kicker.

Er kennt es, von Spielern, Trainern und Zuschauern bedroht und angepöbelt zu werden. Er sei zuletzt vor wenigen Wochen bei einem Derby von Zuschauern, dem Trainer und der Mannschaft der unterlegenen Seite nach dem Spiel verbal hart angegangen worden, selbst Wochen danach noch. "Das macht mich nachdenklich", sagt Vollmers. Er stimmt Lutz-Michael Fröhlich zu, dem Schiedsrichterfunktionär des DFB , der Jürgen Klopp für die zunehmenden Grenzüberschreitungen an der Basis indirekt mitverantwortlich macht . Es gebe viele Trainer, sagt Vollmers, die Karriere machen wollten und sagten: "So wie der will ich auch mal werden." Die Aggressionen im Amateur- und Jugendbereich nehmen zu, weil sich viele Fußballer an den Vorbildern in der Bundesliga orientierten.

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22 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Gewalt und ihre Vorbilder

Vielen Dank an Herrn Fritsch für seine offenen Worte.
Wenn Vorbilder Gewalt vorleben gibt es genügend Nachahmer. Wenn die Öffentlichkeit dies für gut befindet wird dieses Verhalten verstärkt, wenn die Öffentlichkeit dies generell verurteilt kann sie deeskalierend wirken. Bei der Meinungsbildung in der Öffentlichkeit haben die Medien eine große Chance und Verantwortung.

Gründe für die hohe Gewaltbereitschaft ...

... gibt es sicher viele.

Aus meiner persönlichen Sicht:

(a) Es gab schon lange keinen Krieg mehr

... der den jugendlichen Männern klar macht, was Schmerzen und Verletzung bedeuten und bewirken.

(b) die Computerspiele leben Gewalt vor

... bedarf eigentlich keines weiteren Kommentars. Wir "gescheiten" erkennen die Gewalt darin als fiktiv und kennen bessere, nach innen gerichtete Methoden zum Frustrationsabbau. Aber einfacheren Geister fehlen Vorbilder, die sie an Dinge wie Gewaltfreie Kommunikation (Fachbegriff, nicht wörtlich nehmen!) heranführen und sie über die Hemmschwelle tragen.

(c) Gestiegene Mobilität und offene Grenzen

... und die damit gestiegene Anonymität, in der man so herrlich versinken kann. Es gibt niemanden, vor dem man sich verantworten muss. Kein Nachbar, der einem dabei zuschauen und den mahnenden Zeigefinger erheben könnte. Kein Lehrer oder Polizist aus der Nachbarschaft, dem man nach dem Spiel Rede und Antwort stehen müsste und den man innerhalb der Familie respektieren würde.

Meine Meinung. Kann gerne jeder anders sehen.

Viele offene Fragen, kaum plausible Antworten!

"(a) Es gab schon lange keinen Krieg mehr

... der den jugendlichen Männern klar macht, was Schmerzen und Verletzung bedeuten und bewirken."

Nicht wenige werden/wurden von Ihren Vätern Zuhause grün & blau geschlagen & getreten. Schmerzen & Verletzungen am eigenen Leib erfahren wirken eher kontraproduktiv für soziales Verhalten...

"(b) die Computerspiele leben Gewalt vor

... bedarf eigentlich keines weiteren Kommentars. Wir "gescheiten" erkennen die Gewalt darin als fiktiv und kennen bessere, nach innen gerichtete Methoden zum Frustrationsabbau. Aber einfacheren Geister fehlen Vorbilder, die sie an Dinge wie Gewaltfreie Kommunikation (Fachbegriff, nicht wörtlich nehmen!) heranführen und sie über die Hemmschwelle tragen."

Die computerspielenden "Nerds" sind da eingentlich nicht die Problemgruppe... Und wenn wir schon so weit sind, Sie haben TV, Kino & DVD/BR vergessen... Oder böse Musik.

"(c) Gestiegene Mobilität und offene Grenzen

... und die damit gestiegene Anonymität, in der man so herrlich versinken kann. Es gibt niemanden, vor dem man sich verantworten muss. Kein Nachbar, der einem dabei zuschauen und den mahnenden Zeigefinger erheben könnte. Kein Lehrer oder Polizist aus der Nachbarschaft, dem man nach dem Spiel Rede und Antwort stehen müsste und den man innerhalb der Familie respektieren würde."

Naja, gerade in diesem Fall absolut unzutreffend. Alle Gewalttäter sind bekannt haben sich vor allen Anwesenden zu so einer unglaublich brutalen Tat hinreissen lassen.

Nicht nur Fußball

Auch im Handball gibt es ähnliche Vorgänge. Da kommen manche Spieler in Kreisligen einfach nur auf dem Platz um anderen Spielern einmal auf die Fresse zu hauen.

Typisch aggressive Mannschaftssportarten. Niemals ist man selbst Schuld. Für die eigene Niederlage muss jemand Anderes bestraft werden. Unglaublich, dass diese Sportarten eine so große Lobby haben.

Wie kompliziert kann es sein...?

"Typisch aggressive Mannschaftssportarten. ... Unglaublich, dass diese Sportarten eine so große Lobby haben."
Wie kompliziert können die Zusammenhänge da sein? Jedenfalls deutlich komplizierter als "da geht's gegeneinander -> schlecht".
Ich vermute eher, daß für eine ziemlich ordentliche Zeitspanne diese "aggressiven Mannschaftssportarten" ein brauchbares Ventil waren, die überbordende Aggressionen einfangen, "zivilisieren" und in adäquate Bahnen lenken konnte. Fußball, Handball u.a. geben dem "Gegeneinander" Regeln, die gegenseitige Verletzung _eigentlich_ verhindern sollten. Unter *solchen* Umständen ist Mannschaftssport eine gute Sache, weil er hilft, Gewalttaten zu vermeiden.

Das kann aber nur solange gutgehen, wie die Regeln gelten. Nicht nur die aufgeschriebenen, sondern auch die, die ältere Leute gern für "selbstverständlich" halten. Daß Schiedsrichter unparteilich zu sein haben und dafür ihrerseits "Immunität" genießen, etwa.
Wenn diese Regeln uns unter den Händen zerbröckeln, kann Mannschaftssport die Aggression nicht mehr "zivilisiert" bündeln, sondern wird unter Umständen sogar zum Fokus für Gewalttaten. Das ist aber im Grunde nur nebenbei auch ein Problem des Mannschaftssports. Zuallererst ist es ein Problem der Gesellschaft, in der zuviele Leute meinen, die Regeln würden für *sie* nicht gelten oder ließen sich beliebig dehnen und umgehen.

MGv Oyamat