Missbrauch im SportÜbergriffige Rituale und übermächtige Trainer

Körperkontakt, Abhängigkeit, Gruppenzwang. Sexueller Missbrauch ist im Sportumfeld immer noch ein Tabu. Betroffene wollen nun eine Kultur des Hinsehens etablieren. von Sebastian Stier

Jugendliche in einem Umkleideraum eines Sportvereins

Jugendliche in einem Umkleideraum eines Sportvereins  |  ©JACQUES DEMARTHON/AFP/Getty

Zehn Jahre waren die jüngsten Mädchen alt, als sie vergewaltigt wurden. Nun muss Regis de Camaret ins Gefängnis. Ein Gericht in Lyon verurteilte den Tennistrainer vergangene Woche zu acht Jahren Haft. De Camaret wurde des Missbrauchs und der mehrfachen Vergewaltigung schuldig gesprochen. Zwischen 1977 und 1989 hatte er sich im Internat Marres in Saint Tropez an den Mädchen vergangen. 27 ehemalige Schülerinnen bezichtigten den heute 70-jährigen. Viele Jahre wurde geschwiegen, gegen den mächtigen Trainer erhob keine das Wort. In Frankreich gehörte de Camaret zu den renommiertesten Ausbildern; wer es im Tennis zu was bringen wollte, kam an ihm schwer vorbei.

Hohes Ansehen genoss auch Jerry Sandusky. An der Pennsylvania State University war er seit 1969 Footballtrainer, Spezialgebiet Defensive. Penn State ist in den USA dafür bekannt, hervorragende Abwehrspieler auszubilden, die später in der National Football League (NFL) als Profis Millionen verdienen. Sandusky gehörte zu den Initiatoren eines Programms für benachteiligte Jugendliche, die an der Uni Football spielen konnten. Vor einem Jahr flog auf, dass Sandusky von 1994 bis 2008 minderjährige Jugendliche missbraucht hatte. Der heute 68 Jahre alte Mann wurde verurteilt, ihm drohen bis zu 60 Jahre Haft. Die Unileitung wusste von den Vorgängen, vertuschte sie aber gezielt, um das Image der Hochschule zu wahren und für Sponsoren attraktiv zu bleiben.

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Marres und Penn State sind nur zwei von vielen Fällen, bei denen der sexuelle Missbrauch von Schutzbefohlenen im Sport erst spät publik wurde – wegen der besonderen Abhängigkeitssituation der Athleten. "Im Leistungssport ist es für Betroffene schwierig, weil sie um ihre Karrieren fürchten. Viele schweigen lieber", sagt Ursula Enders vom Verein Zartbitter . Die Frau mit den kurzen, schwarz gefärbten Haaren ist Traumatherapeutin, ihr Verein ist eine bekannte Anlaufstelle für Opfer sexueller Gewalt. Enders weiß um die Ängste und Sorgen – professionelle Sportler haben sich ihr im Laufe der Jahre genauso anvertraut wie Amateure. "Sport ist ein Bereich, in dem die Grenze schwer zu bestimmen ist, weil die Übergänge im ersten Augenblick kaum auseinander zu halten sind", berichtet Enders. Gemeint sind die Abläufe bei der täglichen Trainingsarbeit.

Wo beginnt unsittliches Berühren?

Wann gibt ein Trainer einfach nur eine Hilfestellung bei einer schwierigen Übung, wo beginnt unsittliches Berühren? Bei den meisten Sportarten kommt es zu Körperkontakt. Potenzielle Täter haben es im Sport deshalb besonders leicht, wie Enders weiß: "Sie können sich leicht verteidigen, wenn es zu einer Konfrontation kommt. Bestimmte Griffe oder Berührungen werden dann als notwendig und sportspezifisch dargestellt."

Einzelsportarten wie Turnen oder Eiskunstlauf gelten als besonders anfällig. Ein Vorurteil, sagt Expertin Enders. "Es gibt keinen Unterschied, egal ob Team- oder Einzelsportart, Turnen oder Fußball." Man müsse sich auch von der Vorstellung bestimmter Konstellationen lösen. "Es sind nicht immer die Trainer, die sich an Kindern vergreifen", sagt Enders. "Es kommt auch innerhalb von Mannschaften zu Übergriffen unter Gleichaltrigen. Oder ältere Jugendliche üben Gewalt an jüngeren Jahrgängen aus."

Enders hält es für wichtig, dass gerade im Sport bestimmte Grenzen geachtet werden, auch wenn das den Bruch mit Traditionen zur Folge hat. Etwa beim Eishockey. Die Therapeutin berichtet von einem verbreiteten Aufnahmeritual, bei dem Spielern vor versammelter Mannschaft der Genitalbereich rasiert wird. Beim Übergang von den Junioren zu den Männern sei das üblich. "Die jungen Spieler wollen dazugehören und lassen die Prozedur über sich ergehen. Dabei gehen solche Rituale eindeutig zu weit", sagt Enders. Gruppenzwang, Abhängigkeiten und Leistungsdruck fallen oft zusammen.

Bei den Amateuren wirkt nicht der Leistungsdruck, sondern die soziale Komponente. Anders als im Profisport hängt ein großer Teil des Familienlebens oder der Freizeit mit dem sportlichen Umfeld zusammen. Kinder oder Jugendliche verschweigen dann lieber etwas, um nicht ausgestoßen zu werden. Schließlich spielen die Freunde im eigenen Verein.

Leserkommentare
  1. "Die Therapeutin berichtet von einem verbreiteten Aufnahmeritual, bei dem Spielern vor versammelter Mannschaft der Genitalbereich rasiert wird."

    Wie bitte? Solch ein archaisches & entwürdigendes Ritual existiert also im Jahr 2012 einfach so vor sich hin, die Zahl der Mitwisser dürfte erheblich sein und niemand tut etwas dagegen. Mir fehlen die Worte.

    • JaneO.
    • 02. Dezember 2012 15:43 Uhr

    (…)Potentielle Täter haben es im Sport deshalb besonders leicht, wie Enders weiß: "Sie können sich leicht verteidigen, wenn es zu einer Konfrontation kommt. Bestimmte Griffe oder Berührungen werden dann als notwendig und sportspezifisch dargestellt."(…)

    Aus meiner eigenen Erfahrung als langjährige Sportlerin und Artistin, kann ich mir hierzu durchaus eine Bemerkung erlauben: Kein sportspezifischer/artistenspezifischer Griff ist mit einem sexuellen Übergriff verwechselbar. Selbst wenn mich jemand abfängt, weil ich ansonsten einen Salto( als Beispiel) nicht allein hätte zu Ende drehen können ( ich mich somit ohne Eingreifen meines Helfers verletzt hätte) und derjenige fasst mich an einer Stelle an, wo er unter anderen Umständen, erst hätte meinen Einwilligung einholen müssen, kann ich (und auch jeder andere Sportler oder Artist) genau unterscheiden zwischen Hilfestellung und Übergriff.
    Also kann diese Argumentation „falsch verstandene Hilfestellung/Griffe /Berührungen“ nur eine versuchte Argumentation von Tätern sein.

    JaneO. Betroffene sexualisierter Gewalt in der Kindheit

  2. "Vom Vorstand wurde aber nur ein halbherziges Duschverbot ausgesprochen, kurz darauf gab es von anderen Eltern sogar eine Unterschriftenliste, dass der Trainer wieder mit den Kindern duschen darf"

    Für mich immer wieder unfassbar, wie groß die Solidarität ist - mit den Tätern.

    Wichtig erscheint mir der Hinweis von Frau Enders auf sexualisierte Gewalt unter Jugendlichen selbst bzw. von Jugendlichen auf jüngere Kinder - immer noch ein noch größeres Tabuthema als Übergriffe durch Erwachsene.

    Ich finde den Artikel gut, aber in Bezug auf die Hilfsangebote etwas zu optimistisch. Beratungsstellen wie "Zartbitter" sind ständig von Mittelkürzungen bedroht. Andere, wie das "Traumahilfezentrum München", das jeden Monat hundert neue Anfragen von Betroffenen erhält, finanzieren sich bisher ausschließlich über private Spenden und erhalten keine öffentlichen Mittel.

    Im ländlichen Raum fehlt es oft gänzlich an Beratungsstellen.

    Kliniken streichen die maximale Dauer von Traumatherapien im Hinblick auf die im Januar 2013 beginnende Umstellung auf Fallpauschalen bei stationären Aufenthalten in der Psychiatrie zusammen. Die Wartelisten von qualifizierten Traumatherapeuten und -therapeutinnen sind endlos lang.

  3. "Dass für ein Hilfesystem in der Größenordnung von 100 Millionen der Bund sich auf alle Fälle zur Hälfte beteiligen wird, weil wir damit auch ein deutliches Zeichen setzen wollen, wie wichtig es ist, sich bei Gewalt im familiären Bereich auch als Gesellschaft, aber auch als Regierung, als Staat mitzuengagieren."
    (Sabine Leutheusser-Schnarrenberger)

    "wer sich bei den Ländern umhört, erfährt: Es wird momentan gar nicht verhandelt. Die Länder haben bereits vor einem Jahr ihre Bedenken kundgetan, die Mehrheit will kein Geld geben für einen Hilfsfonds zur Unterstützung von Frauen und Männern, die in ihrer Kindheit Opfer sexueller Gewalt wurden."

    Sehr guter, unbedingt lesenswerter Artikel über die aktuelle Situation bezüglichen des "Runden Tisches" der Bundesregierung zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs und den Verhandlungen über Hilfsangebote für Betroffene:

    Claudia van Laak: Versprechen gebrochen

    http://www.dradio.de/dlf/...

    (Daraus stammen auch die obigen Zitate.)

  4. Die geschilderten Fälle sind gravierend und Straftaten.

    Ich habe jedoch den Eindruck, als ob dieses Thema in der öffentlichen Diskussion im Verhältnis zu seiner tatsächlichen Bedeutung überrepräsentiert ist, vermutlich weil es die Menschen anspricht. Dies führt jedoch teilweise zu einer Übertreibung der Diskussion und bei manchen zu der verzerrten Wahrnehmung, dass das ein Massenphänomen sei, von dem jeder jederzeit bedroht ist. Und so wird aus einer "Kultur des Hinsehens" möglicherweise eine Kultur des Panikschiebens und der falschen Verdächtigungen.

    Und wenn ich in diesem Zusammenhang häufig das Wort "Tabu" lese, so stimmt dies möglicherweise in Sportvereinen selber, für die Medien und die Politik ganz sicher nicht. Nichts ist wohlfeiler als sich als angeblicher Tabubrecher und Kämpfer gegen sexuellen Missbrauch zu engagieren/inszenieren, Frau von der L. und Frau zu G. wissen, wovon ich rede.

  5. "Ich habe jedoch den Eindruck, als ob dieses Thema in der öffentlichen Diskussion im Verhältnis zu seiner tatsächlichen Bedeutung überrepräsentiert ist"

    Nein, das Thema ist ganz sicher nicht überrepräsentiert. Besonders zum Thema "sexuaisierte Gewalt im Sport" haben die Medien bisher nur sehr zögerlich berichtet.

    Kann sein, dass Sie das Thema "nicht mehr hören können". Das ist ok - niemand ist gezwungen, die entsprechenden Medienberichte zu lesen.

    "Dies führt jedoch teilweise zu einer Übertreibung der Diskussion und bei manchen zu der verzerrten Wahrnehmung, dass das ein Massenphänomen sei, von dem jeder jederzeit bedroht ist."

    Ich finde es immer interessant, wie schnell vor "einer Übertreibung der Diskussion" gewarnt wird. Selbst die allerkonservativsten Schätzungen kommen auf mehrere Millionen Betroffene - ja, das _ist_ ein Massenphänomen, auch wenn die Mehrzahl der Bevölkerung nicht betroffen ist.

    Richtig ist: jedes Kind kann Opfer sexuaisierter Gewalt werden. Erst langsam fängt man an, das Thema überhaupt ernst zu nehmen.

    "Und so wird aus einer "Kultur des Hinsehens" möglicherweise eine Kultur des Panikschiebens und der falschen Verdächtigungen."

    Von einer "Kultur des Hinsehens" sind wir noch lange entfernt. Mit "Panikschieben" und "falschen Verdächtigen" argumentieren seit Jahrzehnten jene, die die Täter schützen wollen (was ich Ihnen natürlich nicht unterstelle), sobald nur irgendjemand die Problematik vorsichtig thematisiert.

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    "Richtig ist: jedes Kind kann Opfer sexuaisierter Gewalt werden. Erst langsam fängt man an, das Thema überhaupt ernst zu nehmen."

    "Kann" stimmt natürlich, genau so wie jeder vom Blitz getroffen werden kann. Und richtig ist außerdem, dass die eigene Familie und enge Bezugspersonen die Haupttätergruppe stellen, Trainer in Sportvereinen oder andere Fremde stellen eine Randtätergruppe dar.

    Ich bleibe dabei. Das Thema wird medial zu sehr in den Vordergrund gerückt, mit entsprechenden Folgen für die Wahrnehmung von Menschen, und dem falschen Fokus auf Gefahren von "außen". Die Familie ist der größte Tatort diesbezüglich.

  6. Deswegen bin ich auch nie ein Vereinssportler geworden.
    Missbrauch, Rivalität, die in Hass mündet, Schlägereien.

    All das sind Gründe warum ich Skateboardfahre. Da applaudiert der Verlierer dem Sieger und umgekehrt. Nach einem Wettkampf geht man zusammen feiern.

    Es gibt zwar Ausnahmen, aber was in manchen Vereinen abgeht ist einfach ekelhaft.

  7. "Richtig ist: jedes Kind kann Opfer sexuaisierter Gewalt werden. Erst langsam fängt man an, das Thema überhaupt ernst zu nehmen."

    "Kann" stimmt natürlich, genau so wie jeder vom Blitz getroffen werden kann. Und richtig ist außerdem, dass die eigene Familie und enge Bezugspersonen die Haupttätergruppe stellen, Trainer in Sportvereinen oder andere Fremde stellen eine Randtätergruppe dar.

    Ich bleibe dabei. Das Thema wird medial zu sehr in den Vordergrund gerückt, mit entsprechenden Folgen für die Wahrnehmung von Menschen, und dem falschen Fokus auf Gefahren von "außen". Die Familie ist der größte Tatort diesbezüglich.

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