Skispringer Schlierenzauer"Man spürt tausend Dinge"

Skispringen macht süchtig, sagt Gregor Schlierenzauer. Vor der Vierschanzentournee beschreibt Österreichs Skisprung-Star seine Ängste in der Luft und 300-Meter-Sprünge. von 

Gregor Schlierenzauer beim Weltcup in Vikersund im Februar 2012

Gregor Schlierenzauer beim Weltcup in Vikersund im Februar 2012  |  © Lise Aserud/picture alliance/dpa

Ich werde oft gefragt, ob es etwas Schöneres gibt als Skispringen. Ich weiß es nicht. Andreas Goldberger hat das mal mit dem Gefühl verglichen, das man hat, wenn man mit einer Frau im Bett ist. Ich glaube aber, das ist ein schlechter Vergleich. Schließlich reden wir hier über Sport.

Vor allem lebt unser Sport natürlich vom Mythos Fliegen. Auch für mich ist es jedes Mal ein Nervenkitzel. Es fängt schon oben auf der Schanze an, wenn man auf dem Balken sitzt. Manchmal ist es gar nicht so einfach, sich da zu überwinden, loszulassen und sich in die Tiefe zu stürzen.

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Gregor Schlierenzauer
Gregor Schlierenzauer

Gregor Schlierenzauer, 22 Jahre alt, aus Fulpmes, Tirol, ist einer der erfolgreichsten Skispringer der vergangenen Jahre. 2010 gewann der Österreicher bei Olympia in Vancouver drei Medaillen, ist neunfacher Weltmeister und entschied im vergangenen Jahr die Vierschanzentournee für sich.

Sobald man dann in der Luft ist, ist es unbeschreiblich. Man spürt tausend Dinge: den Luftdruck, die Geschwindigkeit, die Fliehkräfte, man spürt, wie man leicht wird, man spürt den Wind im Gesicht. Man denkt auch nicht mehr nach. Es gibt höchstens noch so reflexhafte Instinkte wie: Aufpassen bei der Landung! Oder : Telemark nicht vergessen!

Ich habe auch schon mal Angst gehabt. Viele sagen ja, Angst sei fehl am Platz, aber ganz ohne geht es nicht. Ich erinnere mich an einen Sprung, bei dem der Anlauf zu lang war. Ich bin viel zu weit gesprungen. Das ist ja erst mal ein tolles Gefühl, weil man weiß: Der Sprung ist eine Bombe, fast perfekt. Aber es kann dann auch schnell gefährlich werden. Ich war an diesem Tag so hoch in der Luft, dass ich dachte, ich würde mir bei der Landung beide Füße brechen. Es ist Gott sei Dank glimpflich ausgegangen.

1999, mit neun Jahren, habe ich angefangen. Ich kann mich noch gut erinnern: Das waren kleine Hüpfer auf 20-Meter-Schanzen. Wenn man sich dann als Kind einmal überwunden hat, hat man nur noch Glücksgefühle. Wer einmal springt, will sofort wieder hinauf. Dieser Sport macht definitiv süchtig. Weil man immer mehr Meter will, immer weiter hinaus.

Winterspiele

Jedes Jahr, von November bis März, gehen die Wintersportler ihrer Arbeit nach. Das Fernsehen berichtet live, viele Stunden lang und trotzdem bleiben einem die Schneesportarten manchmal fremd, vor allem den Flachlandbewohnern.

Doch was ist der große Reiz beim Skilanglauf? Wie fühlt es sich an, eine Abfahrtspiste oder Bobbahn hinunter zu rasen? Und haben Skispringer auch mal Angst?

In unser Serie erzählen erfolgreiche Wintersport-Stars wie der Springer Gregor Schlierenzauer, die Skifahrerin Viktoria Rebensburg, der Langläufer Tobias Angerer, die Snowboarderin Amelie Kober oder die Bobpilotin Cathleen Martini von der Faszination ihrer Sportart.

Beim Skifliegen, der Königsklasse unseres Sports, sind wir mittlerweile nahe bei 250 Metern. Die Kräfte dort sind extrem, jeder kleinste Fehler in der Luft kann fatal sein. Aber es gibt einem den Extrakick. Was das Material und den Menschen angeht, bin ich überzeugt, dass 300 Meter möglich sind. Wenn die Schanze und die Flugkurve stimmt, sollte das eigentlich kein Problem sein.

Skispringen ist eine Kopfsportart. Deshalb habe ich vor dem Springen eine Art Ritual, das ich mir über die Jahre geschaffen habe. Die größte Rolle spielt dabei die Musik. Die ist aber nie gleich, es kommt immer auf meine Gemütslage an. Es gibt Tage, da bin ich fast übermotiviert, fast zu aggressiv und muss mich etwas bremsen. Und es gibt Tage, da braucht man einen Schub. Momentan höre ich die Dire Straits ganz gerne.

Für unsere Sportart ist es gut, dass die Deutschen in diesem Winter wieder so gut sind. Besonders für die Vierschanzentournee. Was kann es bei einem österreich-deutschen Wettbewerb denn Schöneres geben als ein österreich-deutsches Duell?

Aufgezeichnet von Christian Spiller

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Leserkommentare
  1. lassen schon bei mir in der Vorstellung die Hose voll werden - voller Schnee natürlich!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Musik | Gregor Schlierenzauer | Vierschanzentournee | Winter | Österreich | Oder
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