SportstiftungenWo Stiftungsspenden zu PR-Zwecken genutzt werden

Lahm, Mertesacker, Witt: Viele Sportler und Vereine werben zu Weihnachten um Geld für ihre Stiftungen. Nur wenige arbeiten transparent. von Matthias Wolf

Katarina Witt auf einem roten Teppich in Berlin

Katarina Witt auf einem roten Teppich in Berlin  |  © Andreas Rentz/Getty Images

Diesen Termin reizt Per Mertesacker aus. Den Flug zurück nach London hat er bereits verschoben. Der Nationalspieler hat sichtlich Spaß in der Schulsporthalle in Garbsen. Im Trainingsleibchen hetzt er, gemeinsam mit zwölfjährigen Jungs, dem Ball hinterher. Schon zwei Stunden lang. Zuvor hat er eine Stunde mit den Kindern bei der Hausaufgabenhilfe verbracht, ihnen beim Bruchrechnen geholfen. Die Jungs tragen alle blaue Shirts mit dem Logo der Per-Mertesacker-Stiftung, der 28-Jährige Profi von Arsenal London nennt sie "meine Projektkinder". Mertesacker fördert über seine Stiftung seit vier Jahren das Projekt "Sport als Chance". Mit rund 30.000 Euro pro Jahr.

Kinder aus einem Problembezirk, meist mit Migrationshintergrund, will er über Jahre begleiten – bis zum Ende ihrer Schulzeit. Zudem spielen die Kinder unter dem Motto "erst deutsch, dann dribbeln", in einem Fußballteam. Dafür beschäftigt Mertesacker zwei Sportpädagogen. "Ich hatte eine tolle Kindheit, durfte eine gute Ausbildung genießen", sagt er, "da muss ich etwas an jene weitergeben, die nicht so viel Glück haben."

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Mertesacker scheint mit vollem Herzen dabei. Und wer mehr über seine Stiftung wissen will, auch den finanziellen Hintergrund, erhält sofort detaillierte Berichte. "Wenn man seinen Namen hergibt, muss alles positiv laufen, transparent sein", betont er.

Das ist nicht überall so.

1500 Stiftungen mit dem Satzungszweck Sport gibt es in Deutschland, immer mehr prominente Sportler geben Stiftungen ein Gesicht. Es gehöre "offenbar mittlerweile zum guten Ton", dass sich Sportler für die gute Sache engagieren, sagt Burkhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI), einer Prüfinstanz für Stiftungen. Aber: "So gut beraten Sportlerstiftungen im PR-Sinne zu sein scheinen, so schlecht sind sie offenkundig beraten, was Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit angeht." Das DZI vergibt ein Spendensiegel, verlangt dafür allerdings auch Gebühren. Das Siegel besitzen 260 Stiftungen, die einen Anforderungskatalog erfüllen mussten. Status quo ist: Keine einzige Sportlerstiftung kann oder will bisher das DZI-Siegel vorweisen. Mertesackers Stiftungsteam prüft inzwischen, sich dem Verfahren zu stellen.

Zahlreiche Profivereine, vom FC Bayern München bis hin zu Hertha BSC, haben gemeinnützige Organisationen. Diese werden vom Finanzamt regelmäßig auf ihre Gemeinnützigkeit überprüft. So mancher Fan könnte jetzt in der Weihnachtszeit auf die Idee kommen, für eine gute Sache zu spenden. Wilke sagt, jeder Spender müsse es mit sich ausmachen, wie viel Transparenz ihm wichtig sei. "Wir empfehlen aber, Spendenentscheidungen nicht nur mit dem Herzen zu fällen, sondern mit dem Kopf. Und wenn es um Informationen geht, sieht es bei den meisten Sportlerstiftungen schlecht aus".

Ein hartes Urteil, das der Buchautor Stefan Loipfinger ( Die Spendenmafia ) ebenfalls unterstreicht. Er hat den Test in Sachen Transparenz gemacht, fragte bei allen Sportlerstiftungen mit prominenten Namensgebern an: Wohin fließen die Spenden? Wie viel Geld kommt in den Projekten an?

Sein Untersuchungsergebnis: ernüchternd. "Ich bin enttäuscht worden, weil die Mehrzahl nicht offenlegt, was sie mit dem Geld der Spender tut", sagt Loipfinger. "Obwohl viele Sportler es gewohnt sind, zum Teil auch viele persönliche Dinge von sich zu geben, mauern sie, obwohl sie fremdes Geld einsammeln." Viele Sportstiftungen berufen sich dabei auf die Prüfungen vom Finanzamt sowie ihr Recht, als gemeinnützige Organisation nur wenig öffentlich preisgeben zu müssen.

Nur eine Handvoll Stiftungen würde Experte Stefan Loipfinger empfehlen: Die von Mertesacker gehört dazu, auch die von Philipp Lahm und Jürgen Klinsmann , und zum Beispiel die des FC Bayern. Die Auskünfte bei den meisten anderen waren so dünn oder gleich null, dass für den Experten kaum ein Urteil möglich war. In einem Fall aber legt sich Loipfinger fest und geißelt es als "Paradebeispiel für Intransparenz". Nun führt er immer wieder juristische Auseinandersetzungen mit der Katarina-Witt-Stiftung, auch weil Loipfinger im Dezember 2011 für ZEIT ONLINE über das Thema berichtete . Die Stiftung reagierte zuletzt bei Anfragen von Journalisten zum Thema so: kein Interview, die Fragen bitte nur schriftlich. Witts Anwalt verschickte dann einen Brief, in dem er auf mögliche presserechtliche Konsequenzen hinwies und Wert auf die Feststellung legte, die Transparenz sei gegeben.

Auch Wilke bat die Olympiasiegerin um Auskünfte, weil es beim DZI viele Anfragen aufgrund von Spendenbriefen gab, die die Witt-Stiftung verschickte. Doch Wilke bekam keine Zahlen – nun findet sich auf der DZI-Homepage ein Hinweis, den Spender eher als Warnung verstehen können.

Wilke verweist auf eine Zahl, die die Witt-Stiftung selbst in einer Broschüre bekannt gab: Demnach flossen im Zeitraum von 2009 bis 2011 mehr als ein Drittel der Spenden in Öffentlichkeitsarbeit, Mittelbeschaffung und Verwaltung – nur 61 Prozent ins jeweilige Projekt. "Die verfügbaren Informationen der Witt-Stiftung sind spärlich", sagt Wilke, was die Stiftung natürlich nicht so sieht. Wilke sagt weiter: "Aber die Informationen, die es gibt, werfen die Frage auf, ob der Werbe- und Verwaltungskostenanteil erhöht ist, auch aus Sicht der Spender." Andere Stiftungen kämen jedenfalls mit weniger Geld aus.

Zurück in Garbsen. Mertesacker gibt noch Autogramme, schießt Fotos von seinen Projektkindern. Bevor der Nationalspieler zum Flughafen aufbricht, sagt er: "Wir wollen den Leuten, die uns ihr Geld anvertrauen, vor allem eines zeigen: Dass wir es ehrlich meinen." Im kommenden Jahr plant er ein Benefizspiel mit der Stiftung seines Kollegen Lukas Podolski .

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