Bundesliga-RückschauHuub Stevens – in 40 Tagen vom Helden zum Idioten

Der Rauschmiss des Schalker Trainers zeigt den Wahnsinn des Bundesliga-Geschäfts. Und Stefan Kießling könnte der neue Kuranyi werden. Alles zum 17. Spieltag von 

Bis Sonntag Schalke-Trainer: Huub Stevens

Bis Sonntag Schalke-Trainer: Huub Stevens  |  © Friso Gentsch/picture alliance/dpa

Wer spielte wie gegen wen?

Bayern München – Borussia M'gladbach 1:1
Bayer Leverkusen – Hamburger SV 3:0
VfL Wolfsburg – Eintracht Frankfurt 0:2
1. FSV Mainz 05 – VfB Stuttgart 3:1
SpVgg Greuther Fürth – FC Augsburg 1:1
Fortuna Düsseldorf – Hannover 96 2:1
FC Schalke 04 – SC Freiburg 1:3
TSG Hoffenheim – Borussia Dortmund 1:3
Werder Bremen – 1. FC Nürnberg 1:1

Welches Spiel durften Sie auf keinen Fall verpassen?

Das 3:0 der Leverkusener gegen Hamburg , weil Stefan Kießling mitspielte. Seinem ehemaligen Teamkollegen René Adler legte der Lulatsch mit den blonden Locken seine Saisontreffer Nummer 11 und 12 ins Netz. Damit ist der Mann mit dem Spitznamen aus dem Bereich der Baurohstoffe ( "der Kies" ) nicht nur bester Torschütze der halbfertigen Saison, sondern hat auch im Kalenderjahr 2012 die meisten Bundesliga-Tore erzielt: 26. So oft traf kein Gomez , so oft traf kein Huntelaar. Kein Wunder, dass die Leverkusener Verantwortlichen um Wolfgang Holzhäuser und Rudi Völler mächtig Reklame machen: Für sie gehört Kießling in die Nationalelf. Doch Joachim Löw ziert sich. Vielleicht liegt es daran, dass Kießling noch immer Chancen vergibt, die selbst Rudi Völler noch versenken würde, womöglich auch Wolfgang Holzhäuser. Vielleicht liegt es daran, dass Kießling mit seinen wild umherschlackernden Armen und Beinen eher nach Lummerland passen würde, als zu einer Fußball-WM. Vielleicht sind Löw Kießlings Haare auch zu lang, es gab schon seit einer halben Ewigkeit keinen blonden, langhaarigen Nationalspieler mehr. Wahrscheinlich aber ist Kießlings Problem, dass er kein Spezialist ist. Er kann, obwohl er sich darin deutlich verbessert hat, immer noch weniger gut mitspielen als Miroslav Klose, ist aber auch weniger Strafraummonster als Mario Gomez. Es gab mal einen Spieler, der ein ähnliches Handicap hatte: Kevin Kuranyi .

Welches Spiel konnten Sie mit guten Gewissen verpassen?

Ziemlich viele, weil die Liga rein tabellarisch derzeit fürchterlich langweilig ist. An der Spitze kann der FC Bayern München für den Mai schon mal den Rathausbalkon reservieren, ganz unten zeigten Fürth und Augsburg an diesem Wochenende eindrücklich, warum sie sich in die Bundesliga nur verlaufen haben. Gäbe es neben den wackeren Aufsteigern aus Frankfurt und Düsseldorf und den leidenschaftlichen Freiburgern und Mainzern mit ihren durchgeknallten Trainern nicht die zahlreichen strittigen Schiedsrichterentscheidungen, wäre es ziemlich öde. Bremen holte durch ein Abseitstor kurz vor Schluss einen Punkt gegen Nürnberg und die Bayern litten dieses Mal unter einem diskutablen Pfiff, eine dieser Hand-Szenen, die sich in letzter Zeit häufen. Gladbach bekam einen Elfmeter, weil Cigerci Boateng an den Arm schoss. Dabei sollte Hand nur Hand sein, wenn Hand auch wirklich Hand ist. Sprich, wenn die Handbewegung unnatürlich ist. Die Schiedsrichter, in diesem Fall Tobias Welz, aber scheinen mit den natürlichen Bewegungsabläufen der oberen Extremitäten wenig vertraut zu sein. Was nicht verwundert, schließlich sind sie Fußball-, nicht Handballschiedsrichter. Boatengs Aktion jedenfalls sah nach einer Schwungbewegung vor einem Absprung aus. Kennt man vom Eiskunstlauf.

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Wer stand im Blickpunkt?

Die schweigenden Fans. Es war wieder ruhig in den Stadien. In Hoffenheim konnte man fast während des ganzen Spiels den Schneeregen fallen hören. Nun könnten Spötter einwenden, dass es im Kraichgau für solch eine Nullstimmung gar keinen Fanprotest braucht, aber immerhin waren ja auch ein paar Gästefans aus Dortmund anwesend. Doch auch die freuten sich so richtig nur bei den drei Toren ihres Teams. Sogar die Ultraschall-Hupe des Hoffenheimer Hausmeisters, die bei der Partie im Vorjahr für Ohrenschmerzen sorgte , blieb abgeschaltet. Die DFL jedenfalls wäre gut beraten, noch einmal auf die Fans zuzugehen. Ein Großteil der beschlossenen Maßnahmen des Sicherheitskonzeptes lässt sich einigermaßen schadenfrei vermitteln. Doch auch die Fans, allen voran die Ultras, müssen sich bewegen, bevor das Verständnis des gemeinen Haupttribünenfans schwindet. Einen ausdauernden Schweigeprotest traut den selbst ernannten erlebnisorientierten Fans ohnehin niemand zu. Dafür hören die Ultras sich selbst viel zu gerne singen.

Leserkommentare
  1. Warum spielt der SC Freiburg eigentlich so gar keine Rolle in der Berichterstattung? Sieg gegen H96, Stuttgart, Schalke. Unglücklich gegen Dortmund, Bayern, Bremen. Auf Platz 5 nach der Hinrunde. Aber geredet wird vllt mal gelegentlich über den "kauzigen" Trainer, weil er mit dem Fahrrad zum Training kommt. Augsburg, Fürth, Hoffenheim oder Wolfsburg bekommen da deutlich mehr Aufmerksamkeit für Leistungen die nicht der Rede wert sind.

  2. "Ein Großteil der beschlossenen Maßnahmen des Sicherheitskonzeptes lässt sich einigermaßen schadenfrei vermitteln."

    Das ist so ein typisches "Es war nur ein Kommunikationsproblem"-Geschwätz. Könnte glatt von Rummenigge stammen.
    Wieso wird der Widerstand hier als Kommunikationsproblem definiert? Wieso kann man nicht einfach glauben, dass es tatsächlich Leute gibt, die sich a) informiert haben und b) mit den Inhalten Probleme haben?
    Nicht alles ist ein Kommunikationsproblem.

    • DehLor
    • 17. Dezember 2012 14:36 Uhr

    Knapp und frech, aber nicht bemüht oder gesucht. Dieser Stil fördert meine Lesebereitschaft. Dank an den Autor!

  3. Bei jedem zweiten Trainerwechsel dasselbe: irgendwer schreibt immer vom "Wahnsinn Bundesliga", vom "einfachsten Weg" und davon, dass Trainer im Erfolg zu Heiligen verklärt und im Misserfolg zu Idioten abgestempelt würden.
    Kann man da bitte einfach mal die Luft raus lassen? Weder hat vor 40 Tagen von den Verantwortlichen bei Schalke irgendwer Huub Stevens zum Superhelden erklärt, noch hat mWn (verbessern Sie mich, wenn Sie anderes wissen) irgend ein Offizieller seit gestern Huub Stevens "Idiot" genannt. Welche Maßnahme schlagen Sie denn vor, wenn eine Mannschaft in Begriff ist, auseinander zu brechen?
    Ja, vor 40 Tagen hat sich das noch keiner vorstellen können, aber seitdem hat Schalke eben kein Spiel mehr gewonnen. Und der Trainer ist nun mal dafür verantwortlich, das fußballerische Potenzial einer Mannschaft auszunutzen und ihr auf dem Platz ein Gesicht zu geben. Das kann dauerhaft funktionieren oder nur eine gewisse Zeit lang, aber wenn es nicht mehr funktioniert, dann muss das Präsidium reagieren. Und wer die (Körper)sprache von Huub Stevens und den Zustand der Mannschaft gesehen hat, der hat auch gesehen, dass es an der Zeit war, Konsequenzen zu ziehen.
    Wenn in Ihrem Ressort nur mehr über über Hallenhalma berichtet wird, dann wird der Ressortleiter auch bald beim Chefredakteur antanzen müssen. Das bringt der Job mit sich, und so lange das respektvoll abläuft und niemand Existenzsorgen haben muss, muss man nicht jedes Mal undifferenziert die Moralkeule schwingen.

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    • lxththf
    • 17. Dezember 2012 16:40 Uhr

    siehe Bremen ;) Die Spieler in die Pflicht nehmen, weil sie verdammt viel Geld verdienen. Zusammen auch mal ein Tal durchschreiten, aber genau das ist bei Schalke nicht möglich. (Genauso ein Klub, wie Köln).
    Schauen Sie sich doch diesen Divenhaufen Schalke an. Farfan spielt nur, wenn er Lust hat, Huntelaar mag gerade den Trainer nicht und dann kommen eben solche Patzer hinzu, wie von Metze und Matip.
    Und wenn man es mal ganz realistisch betrachtet. Das 1-3 von Freiburg gegen Schalke war ein überragendes Tor, welches gezeigt hat, warum Freiburg steht, wo sie stehen.

    Die Trainer werden eher von den Sportjournalisten wahlweise zu Übermenschen oder zu Deppen der Nation erklärt. Zwischen diesen beiden Extremen scheint kaum Platz für eine sachliche Analyse zu sein.
    Allerdings stellt sich hier bei Schalke die Frage, warum es anscheinend nicht möglich ist langfristig eine Mannschaft zu bilden, die auch Lust hat für Schalke alles zu geben. Farfan z.B. ist jede Saison 3-4 mal beleidigt und will am liebsten weg. Der Hunter konnte sich bei Madrid oder AC Mailand nie richtig durchsetzen aber glaubt, dass nach einer guten Saison wieder ganz Europa auf ihn wartet. Man kann sich bei Schalke echt darauf verlassen, dass sich jede Saison selbst zerfleischen sobald es einigermaßen gut läuft.

    • lxththf
    • 17. Dezember 2012 16:40 Uhr

    siehe Bremen ;) Die Spieler in die Pflicht nehmen, weil sie verdammt viel Geld verdienen. Zusammen auch mal ein Tal durchschreiten, aber genau das ist bei Schalke nicht möglich. (Genauso ein Klub, wie Köln).
    Schauen Sie sich doch diesen Divenhaufen Schalke an. Farfan spielt nur, wenn er Lust hat, Huntelaar mag gerade den Trainer nicht und dann kommen eben solche Patzer hinzu, wie von Metze und Matip.
    Und wenn man es mal ganz realistisch betrachtet. Das 1-3 von Freiburg gegen Schalke war ein überragendes Tor, welches gezeigt hat, warum Freiburg steht, wo sie stehen.

  4. Die Trainer werden eher von den Sportjournalisten wahlweise zu Übermenschen oder zu Deppen der Nation erklärt. Zwischen diesen beiden Extremen scheint kaum Platz für eine sachliche Analyse zu sein.
    Allerdings stellt sich hier bei Schalke die Frage, warum es anscheinend nicht möglich ist langfristig eine Mannschaft zu bilden, die auch Lust hat für Schalke alles zu geben. Farfan z.B. ist jede Saison 3-4 mal beleidigt und will am liebsten weg. Der Hunter konnte sich bei Madrid oder AC Mailand nie richtig durchsetzen aber glaubt, dass nach einer guten Saison wieder ganz Europa auf ihn wartet. Man kann sich bei Schalke echt darauf verlassen, dass sich jede Saison selbst zerfleischen sobald es einigermaßen gut läuft.

    • Voce
    • 17. Dezember 2012 17:09 Uhr

    die Schalker Führungsspitze mit der Entlassung von Stevens Wahrlich kein Ruhmesblatt , das sich in ihre Annalen geheftet hat.

    Und wie in den meisten gleich gelagerten Fällen, scheint es auch hier so gewesen zu sein, dass es die Mannschaft mit ihrer mangelnden Einstellung und den unzureichenden Leistungen in den letzten Spielen selbst war, die den Trainer zum Idioten gestempelt hat.

    Und statt die renitenten Millionäre das spüren zu lassen, macht man den Trainer zum Hanswurst und feuert ihn. Woraus jeder schließen kann, dass wieder mal Tönnies seine Wurstfinger im Spiel hatte. Da kann man ihm nur zurufen: Selbst Hanswurst, so wird das nie etwas mit einem Titel.

  5. "Doch auch die Fans, allen voran die Ultras, müssen sich bewegen, bevor das Verständnis des gemeinen Haupttribünenfans schwindet." Wie bitte? Welches Verständnis der Haupttribüne? Das war noch nie da. Die Vertrauenskrise zwischen DFL und Fans wird noch lange anhalten, auch wenn sich's die Funktionäre anders vorgestellt haben.

    Ansonsten: Wie war das doch gleich, mit der "Wachablösung im deutschen Fußball"?

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